Unplugged, Baby! Atlantic/Pacific im Kölner Underground

Ein beschaulicher Sonntag, dieser 29.05.2011. Es ist ganz ruhig in der Domstadt, die Leute sind gut drauf, hängen in Parks ab oder gehen vielleicht noch auf ein Konzert, wenn sie gestern nicht zu ausgiebig gefeiert haben. So wie ich. Haha. Beim Betreten des Innenhofs des Undergrounds erwarten mich schätzungsweise 30 Leute, die lässig auf den Bierbänken sitzen und sich gegen ihren Durst kühle Drinks zu Gemüte führen. Unter ihnen auch die Masterminds Garrett Klahn und John Herguth von Atlantic/Pacific.

Die beiden sind schon seit geraumer Zeit befreundet und durch verschiedene Band-Projekte bekannt. Garrett gehört zu Texas Is The Reason sowie Solea und John könnte von House And Parish ein Begriff sein. 2008 beschließen sie im Wohnzimmer von Garrett, unter dem Projektnamen Atlantic/Pacific gemeinsam Musik zu machen.

Den Abend eröffnet ein Trio namens Bedrooms aus Düsseldorf. Ein junge Formation, die komplett unplugged ihre Show zum Besten gibt. Hätte mich Alex, der Mann an der Kasse, nicht darauf hingewiesen, dass die schon loslegen, hätte ich vom Konzert keine Notiz genommen. Also geht’s rein ins U2, dem kleineren Konzertsaal des Undergrounds. Keine Mikrofonie, einmal Gesang, drei Akustikgitarren, mal ab und an ein Xylophon und eine Melodica. Mit diesen Mitteln wollen Bedrooms die rund 15 Leute in die passende Stimmung bringen. Es gelingt ihnen nur teilweise, zu berechenbar sind die Songs arrangiert und die drei Herren auf Barhockern sitzend, reißen mich mit ihren Beinüberschlag nicht wirklich mit. Das Publikum dankt es ihnen trotzdem. Zum Schluss gibt’s noch das Cover von Soft Cell’s “Tainted Love“, bevor sich wieder alle in den Biergarten begeben.

In der Hoffnung, dass noch ein paar Leute mehr kommen, lassen sich Atlantic/Pacific ausreichend Zeit, bevor sie einen Schritt Richtung Bühne wagen Aber auch davon nimmt keiner Notiz. Da holt sich der Drummer erstmal noch ein Weizenbier, bevor sich die Band entschließt, ihren Opener in Unplugged-Manier und Open Air im Biergarten zu spielen. Mit zwei Gitarren, einer selbstgebauten Rassel und einem Weizenbier bewaffnet schaffen sie es, das Publikum ins U2 zu locken. Und dort soll endlich der Strom in die Bratgitarren gestöpselt werden. Nach dem zweiten Track “Patterns“ dankt John dem zahlenmäßig schwächelnden Publikum mit einem schlichten “Thank you for coming“, fügt aber noch ein “We know it’s Sunday. Alles geschlossen.“ hinzu. Als Quartett sind Atlantic/Pacific recht breit instrumentiert. Am Roland Juno-G Keyboard steht John, der im Wechsel mit seiner halbakustischen Gretsch psychedelische Flächen spielt, wobei sein Kompagnon Garrett an der Akustikklampfe mit dem Fuß den auf den Boden liegenden Schellenreif kickt. Obendrauf gibt’s noch einen Drummer und Bassisten.

Jedem, dem die Fleet Foxes, Wilco oder The Smiths gefallen, sei diese Band wärmstens ans Herz gelegt. Ich durfte die Herren aus Brooklyn bereits am 08. Juli 2009 im Kölner Stereo Wonderland sehen. Damals hatten sie Portugal. The Man als Support dabei (!), die ein reines Akustikset ihres “The Satanic Satanist“ gespielt haben. Auch von diesem Abend sollte ich noch lange nähren.

Nach einer guten Halbzeit performen die beiden Frontmänner ihr Stück „The Inquisition“ als Duett. Ich kann nur sagen: Gänsehaut vorprogrammiert. Atlantic/Pacific schaffen es ihre Mischung aus vielschichtigem Gitarrenspiel und nachdenklichen Melodien live zu transportieren. Aber auch waschechte Rockfanatiker kommen an diesem Abend nicht zu kurz und so gelingt es ihnen, sowohl Freunde der ruhigeren Gangart als auch Hartgesottene zu überzeugen. Nach gefühlten 60 Minuten beenden Atlantic/Pacific ihre wunderbare Show mit dem Titeltrack ihres im Oktober 2010 erschienenen Debütalbums “Meet Your New Love“. Ja, vielleicht haben ein paar Menschen an diesem Abend eine neue Liebe gefunden. Ich bin mir ziemlich sicher.

Atlantic/Pacific sind auf Tour – präsentiert von ByteFM:

30.05.2011 Dresden – Groove Station
31.05.2011 Berlin – Monarch

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