Waxahatchee – „Saint Cloud“ (Rezension)

Bild des Albumcovers „Saint Cloud“ von Waxahatchee

Waxahatchee – „Saint Cloud“ (Merge Records)

6,0

Nicht nur professionelle Meteorolog*innen wissen: Im Zentrum, im „Auge“ eines Sturms herrscht Ruhe. Wo eben noch mächtige Böen Dächer abgerissen haben, kehrt plötzlich Stille ein. Für ein paar Minuten ist es friedlich. Die Ruhe ist natürlich nur trügerisch, denn wenige Momente später kehren die Winde mit aller Kraft zurück.

Wie bereits der Titel andeutete, war Waxahatchees letztes Album „Out In The Storm“ ein ziemlicher Sturm. Die US-amerikanische Singer-Songwriterin, die mit bürgerlichem Namen Katie Crutchfield heißt, pustete damals ihren Indie-Folk-Sound zu einem wahren Taifun auf. Mit verzerrten Gitarrenkaskaden porträtierte sie das emotionale Chaos und die Verzweiflung einer endenden Liebe. Das Ergebnis war ein wenig gleichförmig, aber dafür roh, verwundbar und – vor allem – mitreißend.

Reise ins Auge des Sturms

Auf dem nun erscheinenden Nachfolger „Saint Cloud“ begibt sich Crutchfield nun in das Auge dieses Sturms. Crutchfield klingt darauf nicht immer so aggressiv wie auf „Out In The Storm“, doch so tiefenentspannt wie im Opener „Oxbow“ dehnte sie die Silben noch nie. Die Gitarren schreien nicht mehr, sie twangen. Bass und Schlagzeug spielen gemütliche Nashville-Grooves. Ein Fender Rhodes spielt warme Akkorde, die sich wie eine Decke über die Songs legen. Kurzum: „Saint Cloud“ ist ein sommerliches Alternative-Country-Album geworden.

Doch die Ruhe täuscht. Crutchfield spielt die vielleicht anschmiegsamste Musik ihrer Karriere und singt dabei über betont unkuschelige Themen. Omnipräsent ist die Sucht – und mit ihr Hand in Hand gehende Lügen. „I run it like a dilettante / I run it like I’m happy baby / Like I got everything I want“, singt sie in „Lilacs“. Was passiert, wenn diese Lügen sich auf andere Menschen übertragen, beschreibt Crutchfield in „Can‘t Do Much“: „Do you think that you were reading my mind? / My uneasiness, materialize.“ Selbst das Liebeslied „The Eye“ ist von Unsicherheit geprägt: „You paint my body like a rose / A depth of beauty in repose / A complicated love you chose / Where love will land nobody knows.“

Wie diese präzise auskomponierten Zeilen zeigen, ist Crutchfield textlich in gewohnter Höchstform. Die Töne können jedoch leider nicht ganz mit ihren Worten mithalten. „Saint Cloud“ unterscheidet sich musikalisch grundlegend von „Out In The Storm“, beide Alben verbindet jedoch ihre Gleichförmigkeit. Country ist ohnehin kein durch besonders viel Abwechslungsreichtum gesegnetes Genre – und Crutchfield kann ihm auf Albumlänge keine große Tiefe abgewinnen. Ihre Neugeburt als spitzfedrige Shania Twain ist für ein paar Songs aufregend, doch auf voller Länge verliert sich die LP im Einheitsbrei. Irgendwann hat die Slide-Gitarre ihren Charme verloren – und man wartet darauf, dass der Sturm wieder losbricht.

Veröffentlichung: 27. März 2020
Label: Merge Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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