Wie eine Maschine, nur besser: Jaki Liebezeit in fünf Songs

Jaki Liebezeit in fünf Songs

Jaki Liebezeit, Drummer bei Can

Ob im Free-Jazz der 1960er-Jahre, als Motor seiner Band Can oder als Studiomusiker: Wenige Schlagzeuger haben die Musikwelt so sehr geprägt wie Jaki Liebezeit. Am 22. Januar 2017 starb der in Dresden geborene Musiker an einer Lungenentzündung – am 26. Mai 2018 wäre er 80 Jahre alt geworden. Wir haben den Versuch gewagt, sein musikalisches Schaffen in fünf Songs zusammenzufassen.

Manfred Schoof Quintet– „Mines“ (1966)

Lange bevor er mit Can die Popmusik revolutionierte, jammte der aufstrebende Drummer Hans „Jaki“ Liebezeit in Barcelona mit Bebop-Legenden wie Chet Baker oder Tete Montoliu. Inspiriert vom abstrakten, vogelfreien Jazz-Sound von Ornette Coleman trat er 1965 dem Manfred Schoof Quintet bei – der ersten Free-Jazz-Gruppe Europas. 1966 nahmen sie das Album „Voices“ auf, nur zwei Jahre später trennten sich ihre Wege und der vom Jazz desillusionierte Liebezeit tauchte in die Welt des psychedelischen Rock ab. So frei und so entfesselt wie auf diesem Album sollte man Liebezeit nie wieder hören können.

Can – „Mother Sky“ (1971)

1968 gründete Liebezeit mit den Stockhausen-Schülern Holger Czukay und Irmin Schmidt sowie Czukays 19-jährigen Gitarrenschüler Michael Karoli eine der einflussreichsten deutschen Bands aller Zeiten: Can. Das, was ihre oftmals über zehnminütigen Krautrock-Fieberträume zusammenhielt, war sein unnachgiebiger Beat. In den Worten von Czukay: „Jaki spielt wie eine Maschine, nur besser.“ Mit der Jahre später von Kraftwerk gepredigten „Mensch-Maschine“ hatte das nichts zu tun: Im Vergleich zu Kraftwerks Proto-Techno oder dem monotonen Motor-Beat von Neu! war Liebezeits Drumming immer vom Groove angetrieben. Bestes Beispiel: die polyrhthmischen Trommelwirbel, die die bedrohliche Atmosphäre von „Mother Sky“ plötzlich auf eine höhere Ebene bringen.

Can – „Future Days“ (1973)

Stetige Wiederholung und hypnotische Rhythmen waren schon immer wichtige Bestandteile des Can-Sounds, doch auf ihrem vierten Album fing die Band zum ersten Mal an, sich zu entspannen. Die Ambient-Experimente von „Future Days“ lieferten die Grundlage für einige der besten Liebezeit-Beats überhaupt: Im Titeltrack lässt er mit sanfter Polyrhythmik sein Schlagzeug in Harmonie mit der Orgel fließen – und jeder Trommelschlag klingt so sanft wie ein Wassertropfen.

Joachim Witt – „Goldener Reiter“ (1981)

Schon während des Zenits von Can hatte Liebezeit viele Gastauftritte, beispielsweise auf „Before And After Science“ von Brian Eno. Als die 70er-Jahre zu Ende gingen, Gründungsmitglieder die Band verließen und die Kreativität von Can langsam ausblutete, konzentrierte Liebezeit sich voll und ganz auf seine Karriere als Studiomusiker. Einer seiner prominentesten Auftritte hatte er in Joachim Witts „Goldener Reiter“, einem der ersten Hits der Neuen Deutschen Welle. Mit seiner unterkühlten Rhythmusarbeit untermalte er Witts schizophrene Poesie. Maschineller als hier hat er nie geklungen – wobei in den Zwischenräumen immer wieder der Mensch dahinter durchscheint.

Brian Eno / Jah Wobble – „Spinner“ (1995)

Mitte der 80er-Jahre fand Liebezeit im ehemaligen Public-Image-Ltd-Bassisten Jah Wobble einen ebenbürtigen Rhythmusvirtuosen. Zuerst arbeiteten sie auf den Soloplatten seines Can-Kollegen Holger Czukay zusammen („On The Way To The Peak Of Normal“) – ihr gemeinsamer Höhepunkt ist aber „Spinner“, ein irrwitziges Instrumentalstück, zu finden auf dem gleichnamigen Gemeinschaftsalbum von Jah Wobble und Brian Eno: Bass und Schlagzeug verzahnen sich hier in nahezu unmenschlicher Einheit. Gemeinsam lassen Wobble und Liebezeit komplexe Polyrhythmen wie aus einem Guss erscheinen – wie zu besten Can-Zeiten.

Am 2. und am 4. Februar 2017 zollten Karoline Fürst und Ruben Jonas Schnell in ihren Sendungen Klangteppich und Zimmer 4 36 Jaki Liebezeit Tribut. Mitglieder in unserem Förderverein „Freunde von ByteFM“ können die Sendungen in unserem Archiv nachhören.

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