Willis Earl Beal – "Acousmatic Sorcery"

VÖ: 30.03.2012
Web: http://willisearlbeal.com//
Label: XL Recordings/Beggars Group

Die Zeile „Cool New Person“ auf seinem T-Shirt in dem YouTube-Clip zu „Same Old Tears“ trifft es wohl in kaum einem anderen Fall so gut, wie bei Willis Earl Beal aus Chicago. Seine Geschichte könnte fast die Grundlage eines zukünftigen Filmklassikers von Jean-Pierre Jeunet werden. Bezaubernd genug wäre sie zumindest.

Aufgewachsen ist der junge Mann in einem Vorort Chicagos bei seiner Großmutter, bei der er bis vor kurzem noch lebte. Als Künstler mit Leib und Seele begann Beal seine musikalische Karriere als Straßenmusiker in den U-Bahn-Schächten Chicagos. Über die letzten Jahre verteilte er von Chicago bis nach Mexiko seine Kunst in Form von selbst gezeichneten Flyern, die häufig mit persönlichen Nachrichten versehen waren, und eigens produzierten Hörbeispielen. Die glücklichen Finder wurden bei Rückantwort per Telefon oder Brief anschließend mit einem persönlichen Ständchen oder einer seiner Zeichnungen belohnt. Bis heute interessiert sich der 27-Jährige so gar nicht für Computer, widmet sich aber weiterhin liebevoll allen Formen der Lo-Fi-Kunst. Seine Kohlezeichnungen, welche bereits auf seinen Flyern und Albumcovern durch ihren individuellen und einfachen Charakter zum Markenzeichen avancierten, wurden nun zur ersten Single-Auskopplung „Evening’s Kiss“ (siehe unten) zu einem Videoclip animiert. Darin erzählt uns Beal die bezaubernde Geschichte seiner unerfüllten Liebe zu einer Kellnerin im örtlichen Diner. Neben allen seiner Qualitäten als Maler, Poet, Straßenkünstler und Eigenpromoter besticht der Singer-Songwriter vor allem aber durch seine Fähigkeit, gekonnt eine Vielzahl verschiedener Genres, wie Blues, Soul, Gospel und Rap aufregend zu kombinieren.

Auf „Acousmatic Sorcery“ kommt Beal seinem Wunsch, der schwarze Tom Waits zu sein, erstaunlich nahe, wie er bereits bei seinem zweiten Titel „Take Me Away“ eindrucksvoll illustriert. Seine soulige, fast kratzige Stimme wird begleitet von treibenden, minimalistischen Drums. Der Song entwickelt, trotz oder gerade wegen des zurückhaltenden Instrumenten-Einsatzes eine unglaubliche Dynamik, die sich sonst eher bei altgedienten Blues-Barden wie Muddy Waters finden lässt. Die erste Singleauskopplung „Evening’s Kiss“ hingegen zeichnet sich eher durch den plötzlich sehr zarten Umgang mit der eigenen Stimme aus, diesmal begleitet von sehr simplen, gedämpften Gitarrenriffs. Beal klingt zerbrechlich, flüstert nahezu seine Geschichte und schafft eine zauberhafte Leichtigkeit, die sich auch in dem von ihm selbst gezeichneten Video fortführt. Neben dem starken Fokus auf den Blues wagt Beal aber auch Ausflüge in den politischen Rap („Ghost Robot“, „Swing Low“), die belegen, dass der junge Mann nicht nur Soul, sondern auch jede Menge Flow zu bieten hat.

„Acousmatic Sorcery“ hält das, was uns der Titel bereits verspricht: unsichtbar-akustische Zauberei. Das Debüt von Willis Earl Beal ist weder eine einfache Lo-Fi-Platte, die nur der Coolness wegen im Wohnzimmer produziert wurde, noch ein einfaches Singer-Songwriter-Album, welches mit langweiligen Balladen die Charts erobert. Sie ist vielmehr die logische Konsequenz der Flexibilität und Wandelbarkeit der Stimme seines Zauberkünstlers Beal, der diese als tragendes musikalisches Element einzusetzen vermag. Mit der reduzierten Verwendung maximal zweier Lo-Fi-Elemente im Hintergrund, welche den roten Faden des Debüts bilden, gibt ausschließlich Beals Stimme seinen Songs ihren ganz eigenen Charakter. Ohne jemanden in irgend gearteter Weise billig zu kopieren, vollführt er dabei Ausflüge von der Zartheit eines Curtis Mayfield, über das Trashige eines Tom Waits oder Daniel Johnston bis hin zu dem dreckig-bösen Klangcharakter eines Howlin‘ Wolf, welcher bei dem Hidden Track am Ende von „Angel Chorus“ zum Vorschein kommt. Allein um genauer bestimmen zu können, welche Klanginstrumente (Gläser, Lamellophone?) neben Beals vielseitigem Stimmorgan noch auf diesem beeindruckenden Erstlingswerk zum Einsatz gekommen sind, ist die Vorfreude auf eine Live-Performance groß.

Das ByteFM Album der Woche – mit freundlicher Unterstützung von Panasonic.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Willis Earl Beal“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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