Zum 70. Geburtstag: Tom Waits für EinsteigerInnen

Foto von Tom Waits. Der Musiker wird 70 Jahre alt.

Tom Waits

Wer sich mal einen schönen Fernsehabend machen möchte, sollte sich unbedingt alte Interviewauftritte von Tom Waits anschauen. Wenn diese gekrümmte, fast schon kriechende Gestalt in Talk-Shows der 70er-Jahre schleicht. Die ModeratorInnen scheinen allein von seiner puren Erscheinung aus dem Konzept gebracht zu sein. Mit einer omnipräsenten Zigarette im Mundwinkel und einem Flachmann in der Hand. Fragen beantwortet er auf seine ganz eigene Art und Weise, gleichzeitig ausweichend und dabei trotzdem den eigenen Mythos weiterspinnend. Und die Antworten, die er gibt, sind Sätze, für die andere erst einmal Songwriting-Kurse besuchen müssten: „It‘s kind of strange to have a guy here sitting with a bottle in front of him“, sagt der Moderator. „I‘d rather have a bottle in front of me than a frontal lobotomy“, antwortet Waits.

Thomas Alan Waits wurde am 7. Dezember 1949 im Umland von Los Angeles geboren. Laut einer (unautorisierten) Biografie von Barney Hoskyns waren seine Eltern ein Spanisch-Lehrer und eine Hausfrau. Laut Waits‘ eigener Aussage war sein Vater ein Abgaskrümmer und seine Mutter ein Baum. Die harten Fakten seines Lebens schien Waits der Welt vorenthalten zu wollen. Für ihn war es spannender, eine Kunstfigur zu erschaffen. Zum Teil Beat-Poet, zum Teil Vagabund, zum Teil Dämon und zum Teil Punk.

Diese konstruierte, widersprüchliche Kunstfigur macht es schwer, den Menschen Tom Waits zu fassen. Seine Musik hilft auch nicht besonders. Waits begann seine Karriere als Folk-Sänger, verwandelte sich in den späten 70er-Jahren in einen schlitzohrigen Jazz-Poeten – nur um in den 80er-Jahren zum Genregrenzen einreißenden, bellenden Zirkusclown zu mutieren. Seine Ehefrau Kathleen Brennan, die ihm bei letzterer Mutation als Co-Produzentin und Co-Songwriterin maßgeblich prägte, verweigerte sich komplett dem Rampenlicht. Wenige KünstlerInnen haben so viel Musik veröffentlicht wie er – und werfen dabei doch so viele Fragen auf. Waits konnte so ziemlich alles sein. Kein Wunder, dass er nebenbei auch ein exzellenter Schauspieler war, der in Filmen von Terry Gilliam oder Jim Jarmusch auftrat.

Am 7. Dezember 2019 wird Tom Waits 70 Jahre alt. Wir haben versucht, den ungreifbaren Künstler zu greifen – und zwar in zehn Songs.

„Martha“ (1973)

Wenn man Waits nur als knurrenden Dämon kennt, dann ist sein 1973 veröffentlichtes Debütalbum eine sehr verwirrende Begegnung. Auf „Closing Time“ schallt einem eine weiche, geradezu sanfte Stimme entgegen, die anschmiegsame Folk- und Jazz-Songs singt. Diese Stücke sind auf fast schon verstörende Art und Weise konventionell. Mehr an Bruce Springsteen als an das Albtraum-Kabarett seines Spätwerks erinnernd. Auf diesem Album befindet sich auch die Piano-Ballade „Martha“. Eine Ode an eine alte Geliebte, vorgetragen mit einer entwaffnenden Sentimentalität. Die Melodie ist nicht unkitschig, doch Waits‘ Stimme ist aufrichtig, anrührend. Der Protagonist ist ein alter Mann, Waits war erst 23 Jahre alt. Bereits hier bewies es, dass er mit einer Leichtigkeit in andere Charaktere schlüpfen konnte, mit der andere Menschen ihre Klamotten wechseln.

„Emotional Weather Report (Opening Intro)“ (1975)

Mit „Closing Time“ wollte Waits eigentlich eine relativ straighte Jazz-Platte machen, das Ergebnis war jedoch von deutlich folkigerer Natur. In den nächsten Jahren wandte er sich ganz dem Jazz zu – und mit dem Jazz kam seine Neuerfindung als gekrümmter Entertainer. Auf seinem dritten Album „Nighthawks At The Diner“ wollte er die Atmosphäre eines verrauchten Nachtclubs erschaffen – und spielte es live vor einem kleinen Publikum ein. Waits beginnt fast jeden Song mit geknurrten Anmoderationen – und wirkt dabei wie ein höllisches, verlottertes Spiegelbild eines Frank Sinatra oder Dean Martin.

„Tom Traubert‘s Blues (Four Sheets To The Wind In Copenhagen)“ (1976)

Obwohl die Songs auf seinen frühen Alben oft wie Jazz- oder Folk-Standards klangen, stammten sie alle aus Waits Feder. Als Songwriter konnte er sich schon früh chamäleonhaft in uralte Genres einfügen. Auf seinem vierten Album „Small Change“ bewies er, dass er auch Songs schreiben konnte, die von Leonard Bernstein oder George Gershwin stammen könnten. Der Album-Opener „Tom Traubert’s Blues (Four Sheets to the Wind in Copenhagen)“ ist ein Liebesdrama von epischem Ausmaß, mit gigantischen Melodiebögen. Waits singt sich sein Herz aus der Brust, mit tiefem Vibrato und todernst. Wie üblich ist die Hintergrundgeschichte des Songs in seinen eigenen Worten noch viel schöner: „Ich hab dieses Mädchen namens Matilda kennengelernt. Und, ähm, ich hatte etwas zu viel getrunken. Dieser Song handelt davon, in einem fremden Land zu kotzen.“

„Burma-Shave“ (1977)

Balladen wie „Tom Traubert‘s Blues“ oder „Martha“ wurden von Waits‘ Produzenten gerne von schmalzigen Streicherarrangements verziert. Dass er so etwas gar nicht brauchte, demonstriert „Burma Shave“, das Highlight seines 1977er Albums „Foreign Affairs“. Der Großteil dieses sechseinhalbminütigen Songs wird nur von Waits‘ Piano und Stimme getragen. Die Akkorde bewegen sich in seltsamen Kreisen, aufsteigend, nur um wenig später wieder herunterzufallen, passend zu den todgeweihten Liebhabern, von denen Waits mit sanfter Stimme erzählt. Ihre Geschichte endet in einem Autounfall, der Song endet mit einem plötzlich explodierenden Trompetensolo, das einem die Nackenhaare aufstehen lässt. Ganz großes Storytelling.

„16 Shells From A Thirty-Ought-Six“ (1983)

Ende der 70er-Jahre lernte Waits Kathleen Brennan kennen. 1980 heirateten sie. Waits erzählte in einem seltenen persönlichen Interview-Moment von „Liebe auf dem ersten Blick“. Sein letztes Album, das gewohnt jazzige „Blue Valentine“, erschien 1978. Sein nächstes sollte erst 1983 erscheinen. Innerhalb dieser fünf Jahre hatten Waits und Brennan eine weitere musikalische Neuerfindung ausgeknobelt. „Swordfishtrombones“ hatte nicht viel mit verrauchtem Bar-Jazz zu tun. Stattdessen war es Blues aus der Hölle. Die Balladen wurden nicht mehr gesungen, sie wurden geheult. In „16 Shells From A Thirty-Ought-Six“ hauen die Percussionisten auf so ziemlich alles außer auf konventionelle Percussions, auf Stühle, auf Stahlplatten. Kontrabassist Larry Taylor zieht so heftig an seinen Saiten, dass man glaubt, sie müssten jede Sekunde reißen. Und Waits? Der klingt wie eine unheilige Mischung aus Howling Wolf und Captain Beefheart. Aus dem kehligen Knurren seiner Jazz-Tage wurde ein aggressives Bellen. Der Höllenhund wurde endgültig von der Leine gelassen.

„Clap Hands“ (1985)

Waits‘ Platten waren nie große Kassenschlager (wen wundert‘s!). Doch spätestens nach seiner „Swordfishtrombones“-Neugeburt war er eine Kultfigur, die auch von anderen musikalischen Outsidern respektiert wurde. Auf seinem achten Studioalbum „Rain Dogs“ spielte unter anderem The-Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards. Es markiert aber auch den Beginn von Waits‘ Zusammenarbeit mit einem weiteren, wichtigen musikalischen Gefährten: Avantgarde-Gitarrist Marc Ribot. Seine kantigen Soli bilden den perfekten Kontrapunkt zu Waits‘ bizarrem Gesang. In „Clap Hands“ klingt seine Gitarre genauso gequält und bedrohlich wie Waits‘ Stimme. Ribot bliebt ihm bis zu seinem (bisher) letzten Album treu. Erst im vergangenen Jahr coverten sie gemeinsam „Bella Ciao“. Ein wahres Match Made In Heaven der Schmierigkeit.

„Going Out West“ (1992)

Auf „Rain Dogs“ folgte „Frank‘s Wild Years“, eine weitere abstrakte, surreale Blues-Platte. Anstatt nach drei ähnlich schrägen Platten wieder die Richtung zu wechseln, grub Waits sich 1992 mit seinem zehnten Album „Bone Machine“ noch viel weiter in den Dreck hinein. Songs wie „Going Out West“ sind fast schon Stoner Rock. Die Fuzz-Gitarre kratzt am Hirnlappen, die martialischen Drums treten in die Magengrube. Waits klingt wie der Leibhaftige persönlich. Beim Hören dieses Songs kann man schon mal schwitzige Hände bekommen.

„A Good Man‘s Hard To Find“ (2002)

Neben dem ähnlich kaputten „Bone-Machine“-Nachfolger „Mule Variations“ widmete sich Waits in den 90er-Jahren und frühen Nullerjahren überwiegend der Theater-Musik. Gemeinsam mit dem Regisseur Robert Wilson und Beat-Poet William S. Burroughs adaptierte er den „Freischütz“ als „Black Rider“, die Premiere fand 1990 im Hamburger Thalia Theater statt. 1992 folgte die das Leben von Lewis Caroll nachzeichnende Oper „Alice“, 2002 eine Adaption von Georg Büchners „Woyzeck“. Waits‘ Songs klingen zum Großteil wie eine albtraumhafte Version von Kurt Weills Theatermusik, ähnlich furchteinflößend wie seine Studioalben. Zwischendrin ließ er aber auch seine Jazz-Vergangenheit durchscheinen: „A Good Man‘s Hard To Find“, zu finden auf dem „Woyzeck“-Soundtrack „Blood Money“, ist eine nostalgische Dixieland-Ballade. Waits‘ krächzende Stimme kanalisiert hier mehr Louis Armstrong als Howling Wolf – und findet dabei zeitlose Schönheit.

„Hell Broke Luce“ (2011)

„Bad As Me“, das bisher letztes Album von Tom Waits, erschien 2011. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war er 61 Jahre alt. Eine Zahl, die man sich vor Augen führen sollte, wenn man einen Song wie „Hell Broke Luce“ hört. Ein aggressiven Fiebertraum von einem Song, den Waits mit der Energie eines 20-jährigen Hardcore-Shouters vorträgt.

„Lowdown Monkey Blues“ (2019/1988)

Erst vor wenigen Monaten erschien das The-Replacements-Boxset „Dead Man‘s Pop“. Es ist eine Sammlung von Demoaufnahmen und Raritäten, die zum Zeitpunkt ihres sechsten Albums „Don‘t Tell A Soul“ entstanden. Was haben die vier Punks aus Minnesota mit Tom Waits zu tun? 1988 trafen die beiden Parteien aufeinander und jammten ein paar Songs zusammen, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden. Auf „Dead Man‘s Pop“ sind einige dieser Tracks zu hören. Sie sind nicht besonders gut. Vier schranzige, wackelige Folk-Schrammeleien. Doch die Geschichte hinter diesen Tracks erzählt einiges über die Kunstfigur und den Menschen Tom Waits.

Laut Replacements-Biograf Bob Mehr wollten The Replacements ihrem Helden Waits ursprünglich nur ein paar neue Songs zeigen. Sie trafen ihn und Kathleen Brennan erst in einem Café, später zogen sie ins Studio um. Waits war schüchterner, als sie erwartet hatten, und sehr vornehm. Ein relativ normaler Mensch. Im Kontrast dazu war die Band sehr betrunken. Doch nachdem Seine Ehefrau nachts müde nach Hause gefahren war, griff Tom Waits zur erstbesten Flasche Whiskey – und mutierte zu dem Tom Waits, den The Replacements erwartet hatten. Dann begannen sie zu jammen.

Und in „Lowdown Monkey Blues“ hört man sie, Waits‘ entfesselte Stimme. Der Alkohol kann nicht der entscheidene Faktor für die Transformation sein – Waits ist seit den frühen 90er-Jahren im Gegensatz zu seiner Musik nüchtern. Doch der entscheidene Faktor: Er konnte anscheinend einen Schalter umlegen und zu dieser mystischen Kunstfigur mutieren. Wann er es wollte, wenn er es wollte. Sie mag ein Konstrukt sein – doch was er mit dieser Figur schuf, ist in der Musikgeschichte einzigartig,

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    tomwaits
    Dez 7, 2019 Reply

    einer der ganz grossen – tiefe verbeugung und vielen dank für einen einzigartigen text- und musikkosmos. „time is just memory mixed with desire.“ happy 70, tom!

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