Denzel Curry – „Melt My Eyez See Your Future“ (Rezension)

Bild des Albumcovers von „Melt My Eyez See Your Future“ von Denzel Curry

Denzel Curry – „Melt My Eyez See Your Future“ (PH Recordings / Loma Vista Recordings)

8,0

Schmilz meine Augen! Ein ganz schön brutales Bild, das Denzel Curry hier für eine der intimsten menschlichen Aktivitäten verwendet: das Weinen. Überraschend ist das erst einmal nicht. Schließlich handelt es sich bei dem US-amerikanischen Rapper um einen der bildgewaltigeren Wortkünstler dieser Tage. Das demonstrieren seine bisherigen LPs eindrucksvoll, wie etwa das nervös aggressive 2018er Meisterwerk „Ta13oo“ oder die Hymnen auf seine Heimatstadt Miami Gardens, Florida seines 2019er Albums „Zuu“. Doch „Melt My Eyez See Your Future“ ist noch mal ein anderes Biest. Es ist ein sich selbst reflektierendes, introvertiertes Werk. Mehr Fokus auf nachdenkliche Balladen als auf Banger. Die LP zeigt einen Künstler, der sich aus einem Sumpf aus Sucht, Depression und Isolation herausgräbt. Dass dabei ein paar Tränen fließen können, sollte selbstverständlich sein.

Das Album beginnt mit einer Einladung: „Take a ride on my train of thought“, spricht Denzel Currys ungewohnt sanfte Stimme über zartes Piano-Geklimper von Robert Glasper. Im Stream of Consiousness rappt der 27-Jährige sich in „Melt Session #1“ durch seine letzten, von Stress, Drogen und Einsamkeit gezeichneten Jahre: „Habits that ain’t happen, my body has took a liken / To my lifestyle, battling stress the size of Goliath.“ Wenige Sekunden später kommt der Schlüsselsatz: „My temptations are amplified when I’m alone.“ Pandemiebedingte Selbstisolierung funktioniert für Menschen mit Mental-Health-Problemen schließlich gerne als Brandbeschleuniger. Curry ist nicht der Erste, der das beschreibt, aber seine Art und Weise ist bemerkenswert. Die emotionale Dringlichkeit seiner vorigen LPs, gepaart mit zen-artiger Selbstreflektion.

Die Tränen zulassen

Dieser (Self-)Conscious-HipHop steht Curry sehr gut. In „Worst Comes To Worst“ sinniert er über sein Heimatland, das ihn (und generell Menschen, die so aussehen wie er) zu hassen scheint. Und in dem wahrscheinlich auch der Eintritt ins Jenseits monetarisiert werden wird: „Can’t you see I’m lost here? / Can’t you see we lost here? / Tried to get to heaven but we see that heaven cost here?“ In „The Last“ beschreibt er die Abstumpfung, die aus ewigem Doom-Scrolling resultiert: „I been smokin‘ chronic, on my Panasonic watchin‘ people dyin‘ / Got me bein‘ honest with my savior / Keep that sinnin‘ away from me, yeah / Shit is hard to stomach, I can’t even vomit.“

Das melancholische Flair wird von den Beats unterstützt, die zwischen hazy Trap-Vibes und sanft groovendem Jazz-Rap oszillieren (Highlight: die verschleppten Drums auf dem gemeinsam mit Schlagzeuger Karriem Riggins konstruierten „Angelz“). Ein paar High-Energy-Hymnen konnte Curry sich aber nicht verkneifen, wie den sechs Features schweren Posse-Cut „Ain’t No Way“ (Highlight: der gewohnt zähnefletschende Gastauftritt von Rico Nasty) oder die mit Breakbeats und Slowthai-Geshoute ausstaffierte Single „Zatoichi“. Diese plötzlichen Adrenalin-Kicks bringen das meditative Feeling der Platte ein bisschen aus dem Gleichgewicht, sowohl energetisch als auch textlich – Slowthais „Zatoichi“-Hookline „Lifе is short like a dwarf / Fuck the world, intercoursе“ ist jetzt schon ein Bewerber für die lahmste Zeile 2022. Doch wenn Denzel Curry seine Augen ungestört schmelzen lässt, offenbart er einige der berührendsten HipHop-Momente des bisherigen Jahres.

Veröffentlichung: 25. März 2022
Label: PH Recordings / Loma Vista Recordings

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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