Gordi – „Reservoir“ (Rezension)

Cover des Albums „Reservoir“ von Gordi (Jagjaguwar)Gordi – „Reservoir“ (Jagjaguwar)

7,2

„Reservoir“ – so nennt Gordi den einsamen, engen Ort, an dem ihre Gefühle verweilen. Für ihr gleichnamiges Debütalbum befördert sich Gordi gedanklich in diesen Raum, um diese Gefühle an die Öffentlichkeit zu tragen.

Sophie Payten alias Gordi wuchs in Canowindra im Outback Australiens auf. Von ihrer Familie, die dort seit 120 Jahren auf einem Hof lebt, wurde sie mit Musik von Billy Joel, James Taylor und Carol King sozialisiert. Mit zwölf Jahren zog sie ins knapp fünf Stunden entfernte Sydney, um dort in die Schule zu gehen. Auf dem Mädcheninternat, das sie besucht hat, machte sie erste musikalische Gehversuche und bettete Erlebnisse aus der US-amerikanischen Sitcom „One Tree Hill“ in ihre Liedtexte ein. Um ein ehrliches Feedback zu bekommen, erzählte sie ihren Freundinnen, dass die Songs von jemand anders geschrieben seien.

Im Mai vergangenen Jahres folgte dann Gordis Debüt-EP „Clever Disguise“ beim US-Label Jagjaguwar. Entstanden ist sie am Bettende ihres College-Zimmers. Akustischer Gitarren-Folkpop mit atmosphärischen Synthesizern und Vokoder-Einsatz prägten die musikalische Stimmung auf dem Erstling der heute 24-Jährigen. Leitthemen waren Verlust und Verlangen nach Personen sowie versteckte Gefühle. Freundschaftliche Beziehungen interessieren die Musikerin mehr als romantische, erklärt sie, es stecke mehr Kraft in ihnen.

Für die Aufnahmen an „Reservoir“ fuhr Gordi in einer dreiwöchigen Pause ihres Medizinstudiums unter anderem nach New York, Los Angeles, Reykjavík und nach Eau Claire, Wisconsin, der Heimatstadt von Bon Ivers Justin Vernon. Der Einfluss ihres Labelkollegen Vernon ist unüberhörbar. So bereichern stimmverändernde Effekte wie Autotune den Song „On My Side“. Die Schichtung des Vokalsamples in „Heaven I Know“ erinnert stark an die Technik Bon Ivers. Und nicht zuletzt leiht Bon-Iver-Backup-Sänger und -Percussionist S. Carey Gordi seine samtweiche, warme Stimme auf „I’m Done“ für ein Duett.

Textlich wirkt Gordi insgesamt durch die Krisen gereift, die sie noch auf ihrer vorherigen EP besang. Der Songtitel „I’m Done“ ist exemplarisch: Sie kann beruhigt mit dem Erlebten abschließen, ohne Weiteres bedauern zu müssen. Schon auf dem zweiten Song der Platte, „Long Way“, schaut sie mit den Worten „Just Take A Breath I Know You’ll Get There/We Have Such A Long, Long Way To Go“ hoffnungsvoll in die Zukunft.

Obwohl sich Gordis thematisch-persönliche Herangehenweise somit grundlegend geändert hat, ist die Australierin ihrem bodenständigen, reflektiertem Stil treu geblieben und hat sich musikalisch inspirieren lassen, um neue Wege gehen zu können. Vor so viel neuer Energie strahlend, bleibt einem manchmal der Moment, um Luft zu holen.

Veröffentlichung: 25. August 2017
Label: Jagjaguwar



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