Katie von Schleicher – „Shitty Hits“ (Rezension)

Cover des Albums Katie von Schleicher – „Shitty Hits“ (Ba Da Bing!)

8,5

Katie von Schleicher lebt den großen Traum der Generation Praktikum: Während ihres Praktikums bei Ba Da Bing! Records fragte ihr Chef sie, ob sie nicht Lust hätte, eine Kassette mit eigenen Songs auf dem Label zu veröffentlichen. Das Ergebnis war „Bleaksploitation“, eine wilde Mischung aus im Schlafzimmer aufgenommenen Songs. Die Kassette der Musikerin aus Maryland, die heute in Brooklyn lebt, machte ihre Runden und von Schleicher wurde plötzlich zu einem kleinen Star der Blogosphäre. Auf dem Nachfolger „Shitty Hits“ scheint Stagnation für von Schleicher keine Option gewesen zu sein: War „Bleaksploitation“ noch eine rotzige Sammlung eingängiger Lo-Fi-Miniaturen, ist ihr nun eine intensive, bittersüße Doom-Pop-Platte gelungen.

Von Schleicher spielt auf „Shitty Hits“ sehr viel mit den Parametern laut und leise. Gleich der erste Song „The Image“ beginnt mit einem Knall: Ein kurzer, maximal verzerrter Schlagzeug-Wirbel ebnet den Weg für ihre Stimme. „You just don’t know what you’re saying / I am talking to myself“ singt sie mit einer berührenden Zerbrechlichkeit, begleitet von einer zarten Akustik-Gitarre – bis wenige Sekunden später wieder die lärmenden Drums einsetzen und den Gesang auf eine höhere Ebene katapultieren. Mit ihren getragenen Melodien schwebt sie nahezu über dem Lärm. Dabei wird sie vom Gitarristen Adam Brisbin mit seinem an George Harrison erinnernden Twang getragen. Mit einer vergleichbaren Kombination aus Noise und Beatles-Melodien arbeitete auch Elliott Smith auf seinem letzten Album „From A Basement On The Hill“. Während dessen Album jedoch oftmals collagenhaft und unfertig klingt, bleibt sich Von Schleicher konsequent ihrem Klang treu – und das ohne redundant zu werden.

Die elf Songs sind mit einer beeindruckenden Menge an unwiderstehlichen Melodien gespickt, so wie im fast schon hymnenartigen Hook von „Paranoia“: Während von Schleicher in den Strophen noch vom Sterben im Hotelzimmer singt, bezwingen ihre triumphialen La-La-Las im Refrain Wellen aus Fuzz-Gitarren. Auch das Piano-lastige Stück „Life’s A Lie“ spielt mit wechselhaften Stimmungen: Hier wird eine sommerlich-leichte Melodie mit einem von Selbstzweifeln zerfressenen Text kontrastiert.

Dabei liegt die größte Stärke von „Shitty Hits“ in der Langsamkeit: Ein düster verzerrte Bass und ein kriechender Slow-Motion-Beat geben „Nothing“ eine bedrückende Intensität. „I don’t feel nothing at all“ heißt es dazu – Katie von Schleicher bewegt sich hier auf dem Verzweiflungsniveau einer Beth Gibbons. Wenn der Song am Ende auf seinem Höhepunkt urplötzlich abbricht, bleibt einem fast das Herz stehen. „Soon“ ist eine berührende Ballade, in der sie Zeilen wie „Do you want to know the truth? / I’m gonna get there soon“ so bedeutungsschwanger singt, als wären sie eine Drohung. Das mächtige „Going Down“ brennt kurz vor Ende des Albums mit einem schweren Synthesizer-Fuzz-Bass-Feuerwerk alle Felder nieder.

Das sind die Momente, in denen Katie von Schleicher zur Höchstform aufläuft. Sie findet tiefe, menschliche Verzweiflung, verziert sie mit großen Melodien und tritt sie mit schweren, dreckigen Stiefeln in den Staub.

Veröffentlichung: 28. Juli 2017
Label: Ba Da Bing! Records

Vorgestellt wurde das Label Ba Da Bing! aus Kentucky, auf dem neben Katie von Schleicher auch unter anderem Xenia Rubinos, Julie Byrne oder Talk Talk veröffentlichen, in der Sendung Zimmer 4 36. Mitglieder im Verein „Freunde von ByteFM“ können die Ausgabe im ByteFM Sendungsarchiv nachhören.



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