Savoy Grand: "Accident Book"

VÖ: 27.11.2009
Web:http://www.myspace.com/savoygrand
Label: Glitterhouse
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Wir wissen längst, dass Savoy Grand sich Zeit lassen. Ihre Songs können durchaus Längen zwischen neun und fast vierzehn Minuten erreichen. Und Savoy Grand bringen auch nur alle paar Jahre ein Album heraus. Zwischen der vorherigen Veröffentlichung „People And What They Want“ und dem vor kurzem erschienenen „Accident Book“ liegen schließlich mehr als viereinhalb Jahre. Das Plattenlabel Glitterhouse Records formuliert bei diesen wenigen Gelegenheiten denn auch gerne Sätze wie „Selten wurde ein neues Album einer Glitterhouse-Band derart herbeigesehnt“. Deshalb ist auch hier eine Standortbestimmung notwendig.

Ich habe die Band aus Nottingham um den Sänger Graham Langley zwar erst mit ihrem zweiten Album „Burn The Furniture“ (2002) kennen gelernt – seinerzeit war es für mich aber irgendwie das richtige Album zur richtigen Zeit. Selten war es derart herzerweichend schön, einer Mischung aus Selbstmitleid und Hoffnungslosigkeit zu lauschen, wobei es Savoy Grand mit gelegentlich etwas lauteren Passagen gelang, sowohl einzelne ihre Depri-Hymnen als auch den geneigten Hörer aus der selbstzufriedenen Melancholie zu reißen.

Ich kann mich erinnern, wie sehnsüchtig ich auf das Nachfolge-Album „People And What They Want“ gewartet habe, und dieses Warten endete mit einer herben Enttäuschung. Lediglich die Songs „Ending Up“ und das viel zu lang geratene „Recovery Positions“ zeigten die Qualitäten von Savoy Grand. Der Rest des Albums wirkte seltsam uninspiriert und – was womöglich schwerer wiegen mag – uninspirierend, wie eine gute Freundin seinerzeit treffend bemerkte. Die extreme Länge einzelner Songs schien nur noch Selbstzweck, denn weder musikalisch noch emotional gab es hierfür eine Rechtfertigung.

Auf das Album „Accident Book“ habe ich daher nicht gerade gewartet, aber man darf sich ja auch ‚mal positiv überraschen lassen. Die erste gute Nachricht ist, dass der längste Song die Acht-Minuten-Marke noch knapp unterschreitet, die zweite gute Nachricht erschließt sich schon beim ersten Hören. Für die Verhältnisse von Savoy Grand kommt „Accident Book“ musikalisch erstaunlich luftig, bisweilen auf angenehme Weise gar beinahe leicht daher. Der Sound ist zudem spannend; man achte beispielsweise auf die Entwicklung des Schlagzeugs in „Photophobia“. Selbstverständlich ist die Musik immer noch sehr getragen, aber ihre Stimmung drückt tatsächlich so etwas wie Hoffnung aus. Dies gilt erwartungsgemäß nicht für die Texte, aber das ist vielleicht auch eine Frage der Interpretation. Das Album beginnt ausgerechnet mit den Worten „He realized hope died“, aber Graham Langley äußerte in einem Interview die Meinung, dass bereits das Erlangen dieser Erkenntnis positiv zu werten sei, weil man nun an einer Lösung arbeiten könne.

Graham Langleys Therapiestunde dauert diesmal rund 50 Minuten. Manchmal – wie in „Day Too Long“ – sind die Erkenntnisse einfach („Didn’t you say never stop trying, the worst you could be is wrong.“), manchmal – wie in „The Undertaking“ – lasten die Eindrücke schwerer auf der Seele („I’ve burned more children than you’ve had hot meals. I am still hungry, you’re still on your knees. I’ve buried families in cold hard ground. Sometimes you ask me what I think about…).

Ich empfinde es als äußerst angenehm, dass „Accident Book“ mit einem kurzen Song endet, der sich musikalisch wunderbar entwickelt. Sollte in „The Plan“ tatsächlich die fatalistische Aufforderung liegen, unverbrüchlich weiter zu machen, egal was geschieht, oder ist das hier nur noch Kapitulation?

„See the plan for what it is as you fall past the window ledge.
Give a smile to all who put you there. Pick yourself up, climb back up the stairs.”

Mit „People And What They Want“ hatten sich Savoy Grand in eine Sackgasse manövriert. In der gibt es zwar kein Weiterkommen, aber immerhin den Weg zurück. Erfreulicherweise ist „Accident Book“ genau dieser Weg. Es gibt also doch Hoffnung.

Einen ersten Höreindruck könnt Ihr Euch im täglichen TourKalender ab 16 Uhr abholen. Am Freitag wird die Platte ausführlich vorgestellt – ab 14 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten. Neuland wird am Sonntag ab 16 Uhr wiederholt.

ByteFM verschenkt das Album der Woche. Schreibt uns hier einen Kommentar mit der Begründung, warum das Album unbedingt an Euch gehen sollte.

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Nazli
    Nov 29, 2009 Reply

    Ich kannte Savoy Grand gar nicht, habe dann einige Songs in Euren Sendungen gehört.

    Ich möchte die CD gewinnen, weil ich nachts beim Durchlernen gerne diese gute Musik hören würde.

  2. posted by
    alex
    Nov 30, 2009 Reply

    weil zwischen der empfehlung des vorletzten savoy grand albums durch einen freund und meinem wirklichen ersten hören auch fünf jahre lagen, will ich diesmal eher anfangen. (das letzte ist zum glück vollkommen an mir vorbeigegangen und ohne byte.fm hätte ich dieses wohl auch verschlafen.)

  3. posted by
    Astrid. G.
    Nov 30, 2009 Reply

    …weil es GENAU meine stimmung hier in der voradventszeit wiederspiegelt…weil ich an diesen melancholischen winterabenden abdriften will in das „luftig-leichte“…weil Glitthouse an sich schon immer eine empfehlung ist…und weil der liebe herr becker mich jetzt noch vieeeeeeeeeel neugieriger gemacht hat!!!

  4. posted by
    nora S.
    Nov 30, 2009 Reply

    Musik in den Ohren, wie 2005 (letzte Platte) Dezemberstadtstimmung. Dezembermeeresstimmung jetzt in der Peripherie. Da ist Musik Nahrung. Deswegen..sehr gern.

  5. posted by
    Lukas Luftläufer
    Nov 30, 2009 Reply

    Warum diese Platte in mein Eigentum übergehen sollte?

    1.) weil ich gerade in Schweden wohne – und genau DIESE Musik mich davon abhält, trübselig zu werden, wenn die Sonne um 15 Uhr schon untergeht! Und ihr wollt doch eure Hörer glücklich machen, oder? 😉

    2.) weil ich noch nie etwas gewonnen hab irgendwie.

    3.) weil ihr bestimmt immer schonmal einen Brief nach Schweden schicken wolltet?

    4.) weil mir gerade bessere Argumente ausgegangen sind…

  6. posted by
    Stephan F.
    Nov 30, 2009 Reply

    Savoy Grand passt zur „Entdeckung“ der Depression in Deutschland, wo erst ein Fussballtorwart über die Auslinie gehen muss, damit Funktionäre in Boss-Anzügen über etwas anderes weinen dürfen als verschossene Elfmeter. Ich finde OK, dass Trauer und Melancholie in diesem November überall im Boulevard ein Thema sind, habe aber dennoch keine Angst, dass Savoy Grand auf dem I-Pod von Uli Hoeness landen werden.
    Die Band begleitet mich und meine Melancholie schon lange und ich würde mich freuen, mich wie das traurige Schwein im Gegenlicht auf dem Cover in musikalischem Selbstmitleid suhlen zu können … schön!

  7. posted by
    schillerlocke
    Dez 1, 2009 Reply

    dieses album muss unbedingt an mich gehen, weil es besseres verdient denn als soundtrack für winterdepressive und melancholiker verbrannt zu werden.

  8. posted by
    kim kujelis
    Dez 1, 2009 Reply

    Schöne, aufgeräumte, gut strukturierte Musik : )
    Wenn ihr eine Kopie für mich hättet, würde ich
    mich sehr feuen!

    Grüße,
    Kim

  9. posted by
    Lennart
    Dez 2, 2009 Reply

    Während alle Welt sich durch das Anfertigen Listen zum Jahres- und Dekadende profilieren möchte, wird deutlich, wie viel wunderbare Musik ohne ersichtlichen Grund untergeht, in diesem Jahr zum Beispiel die ALben von Papercuts oder Je suis Animal. „Accident Book“ läuft Gefahr, in dieser Reihe aufzutauchen, deswegen möchte ich es wenigsten in Freundeskreis gebührend anpreisen. Da mir der Erwerb leider gerade nicht möglich ist, wäre ein gewonnenes Exemplar mir durchaus willkommen.

  10. posted by
    Chris_der_1
    Dez 4, 2009 Reply

    12.03.2010 sind sie in Stuttgart. Die Location 200m von meiner Wohnung entfernt. Gewinne ich die CD muss ich sie schon nicht auf den Konzet kaufen und soweit mitschleppen. Das wäre was !!!

    Cheers

  11. posted by
    schö
    Dez 8, 2009 Reply

    Am Sonntag hörte ich bei Klaus Walter etwas aus dem Album der Woche, Savoy Grand: “Accident Book”, doch leider nur bruchstückhaft. Ich bin eigentlich aus Hessen, doch gerade zu Besuch bei meiner „Schwiegermutter“ im „nahen Osten“, auch Sachsen-Anhalt genannt. War da mit dem Laptop zugange, um byte.fm zu hören. Doch just als Klaus Stücke aus dem „Accident Book“ vorspielte, musste „Schwiegermama“ den Staubsauger starten. Und dieses Billigteil macht einen Höllenlärm! War also nix mit Musik hören, doch was ich aus dem Staubsaug-Inferno heraushörte, klang sehr interessant. Bislang kannte ich die Band nicht, was sich dringend ändern sollte.
    Habe dann gehört, wie Klaus sagte, mit einer guten Begründung bestünde die Chance, das Album der Woche geschenkt zu bekommen.
    Warum nun unbedingt ich nun diese Scheibe brauche – ist doch klar – ich möchte sie Staubsauger- und Schwiegermutterfrei anhören! Nach der Gehörschädigung als moralische Entschädigung quasi.

    Ciao

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