{"id":149876,"date":"2025-02-21T09:00:51","date_gmt":"2025-02-21T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.byte.fm\/blog\/?p=149876"},"modified":"2025-02-21T12:59:42","modified_gmt":"2025-02-21T11:59:42","slug":"revolutionaer-mythos-pop-ikone-zum-60-todestag-von-malcolm-x","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.byte.fm\/blog\/news\/revolutionaer-mythos-pop-ikone-zum-60-todestag-von-malcolm-x-149876\/","title":{"rendered":"Revolution\u00e4r, Mythos, Pop-Ikone \u2013 zum 60. Todestag von Malcolm X"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Malcolm X\" src=\"https:\/\/www.byte.fm\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/MalcolmX_885.jpg\" alt=\"Schwarzwei\u00df-Foto von Malcolm X\" \/><\/p>\n<h6>Pr\u00e4gte mit seinen radikalen Ideen die Schwarze B\u00fcrgerrechtsbewegung: Malcolm X (Foto: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Malcolm_X_NYWTS_2.jpg\" target=\"blank\" rel=\"noopener\">Ed Ford<\/a>, World Telegram staff photographer, Public domain, via Wikimedia Commons)<\/h6>\n<p>Am 21. Februar 1965 betrat gegen 15 Uhr ein m\u00fcder und angespannter Malcolm X die B\u00fchne des Audubon Ballroom im New Yorker Stadtteil Washington Heights, um zu den rund 400 versammelten Menschen zu sprechen. Auf Sicherheitsvorkehrungen hatte er gro\u00dfenteils verzichtet, obwohl er wenige Tage zuvor einem Brandanschlag auf ihn und seine Familie entkommen war und er Todesdrohungen erhalten hatte. Der Schwarze B\u00fcrgerrechtsaktivist w\u00e4hnte sich wohl inmitten seiner Anh\u00e4nger*innen sicher. Kurz nachdem der Applaus abebbte, sprangen zwei M\u00e4nner in den vorderen Reihen auf, die einen fingierten Streit anfingen. Malcolm X versuchte zu beschwichtigen, zwei seiner Leibw\u00e4chter machten Anstalten, die St\u00f6rer zu trennen, als ein Mann vor der B\u00fchne eine abges\u00e4gte Schrotflinte zog und den 39-J\u00e4hrigen vor den Augen seiner Familie in die Brust schoss. Zwei weitere Attent\u00e4ter feuerten ebenfalls, insgesamt wurden 21 Kugeln auf ihn abgegeben. Eine Not-OP im gegen\u00fcberliegenden Krankenhaus blieb erfolglos.<\/p>\n<h4><strong>Der w\u00fctendste Schwarze Mann in Amerika<\/strong><\/h4>\n<p>Der, der bei vielen als \u201ew\u00fctendster Schwarzer Mann in Amerika\u201c galt, war tot. Einige tausend Menschen versammelten sich am 27. Februar in Harlem, um dem \u201eSchwarzen, leuchtenden Prinzen \u2013 der nicht z\u00f6gerte zu sterben, weil er uns so sehr liebte\u201c, so der Trauerredner Ossie Davies, die letzte Ehre zu erweisen.<\/p>\n<p>Danach geriet Malcolm X ein wenig in Vergessenheit, weil seine Witwe sich weitgehend zur\u00fcckzog und auch das mediale Echo allm\u00e4hlich verhallte. In den 80er-Jahren setzte dann ein regelrechtes Revival ein, das besonders durch HipHop-Gruppen befeuert wurde. Die wirtschaftliche Lage der Schwarzen hatte sich vielerorts verschlechtert. Rassismus und Polizeibrutalit\u00e4t waren allgegenw\u00e4rtig. Viele Schwarze Jugendliche hatten die Hoffnung auf eine Gleichbehandlung und auf eine Teilhabe am \u201eAmerican Dream\u201c aufgegeben. Die abgeh\u00e4ngten Schwarzen hatten eher das Gef\u00fchl in einem \u201eAmerikanischen Albtraum\u201c zu leben. Eine Realit\u00e4tsbeschreibung, die Malcolm X schon 1964 vorgenommen hatte. <\/p>\n<p>Was machte ihn in den 80er-Jahren, sogar bis heute, so attraktiv, dass er zu einem neuen Idol vieler Schwarzer Menschen wurde? Wohl auch, dass Malcolm X in seinem Leben das durchgemacht hatte, was viele von ihnen auch gut 20 Jahre nach Inkrafttreten der B\u00fcrgerrechtsgesetze noch immer t\u00e4glich erlebten: systemischen Rassismus, Armut und eine oft nicht vorhandene Chancengleichheit gegen\u00fcber ihren wei\u00dfen Mitb\u00fcrger*innen. Seine geschliffenen Reden, sein Charisma, die schonungslosen Analysen der US-Lebenswirklichkeit und sein nimmerm\u00fcder Kampf gegen Rassismus sowie die F\u00e4higkeit, vielen Schwarzen ein neues Selbstwertgef\u00fchl und Stolz auf ihr afrikanisches Erbe einzupflanzen, trugen zu seiner steigenden Popularit\u00e4t bei. Die Geschichte seines Aufstiegs aus prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen mit einer schwierigen Jugend und kriminellen Vergangenheit zu einem <a href=\"https:\/\/www.byte.fm\/sendungen\/was-ist-musik\/2015-02-22\/19\/black-gegenwart-wochen-part-ii\/\">der wortgewaltigsten F\u00fchrer der US-B\u00fcrgerrechtsbewegung<\/a>, der aber im Gegensatz zu Martin Luther King Jr. die Integration in die wei\u00dfe Mehrheitsgesellschaft ablehnte, elektrisierte Millionen Schwarze. Neben King, seinem langj\u00e4hrigen Gegenspieler, schaffte es Malcolm X als Kritiker bestehender Machtstrukturen und wei\u00dfer Heuchelei Geh\u00f6r auch au\u00dferhalb der USA zu finden. <\/p>\n<div data-code=\"&lt;iframe loading=&quot;lazy&quot; width=&quot;885&quot; height=&quot;498&quot; src=&quot;https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ueo_-Te4uzs?si=mdtt_lyPQdyXXclV&quot; title=&quot;YouTube video player&quot; frameborder=&quot;0&quot; allow=&quot;accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share&quot; referrerpolicy=&quot;strict-origin-when-cross-origin&quot; allowfullscreen&gt;&lt;\/iframe&gt;\" data-esccode=\"PGlmcmFtZSBsb2FkaW5nPSJsYXp5IiB3aWR0aD0iODg1IiBoZWlnaHQ9IjQ5OCIgc3JjPSJodHRwczovL3d3dy55b3V0dWJlLmNvbS9lbWJlZC91ZW9fLVRlNHV6cz9zaT1tZHR0X2x5UFFkeVhYY2xWIiB0aXRsZT0iWW91VHViZSB2aWRlbyBwbGF5ZXIiIGZyYW1lYm9yZGVyPSIwIiBhbGxvdz0iYWNjZWxlcm9tZXRlcjsgYXV0b3BsYXk7IGNsaXBib2FyZC13cml0ZTsgZW5jcnlwdGVkLW1lZGlhOyBneXJvc2NvcGU7IHBpY3R1cmUtaW4tcGljdHVyZTsgd2ViLXNoYXJlIiByZWZlcnJlcnBvbGljeT0ic3RyaWN0LW9yaWdpbi13aGVuLWNyb3NzLW9yaWdpbiIgYWxsb3dmdWxsc2NyZWVuPjwvaWZyYW1lPg==\" data-src-host=\"www.youtube.com\" class=\"embed-wrap\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ueo_-Te4uzs?si=mdtt_lyPQdyXXclV\">https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ueo_-Te4uzs?si=mdtt_lyPQdyXXclV<\/a><\/div>\n<h4><strong>Erste Politisierung<\/strong><\/h4>\n<p>Dabei war sein facettenreicher Werdegang nicht frei von Kontroversen. Sein Eintreten f\u00fcr das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung, die Forderung nach Selbstbestimmung, Separatismus, Gerechtigkeit und Freiheit der Afroamerikaner*innen mit allen Mitteln, \u201eby any means necessary\u201c, verst\u00f6rte und \u00e4ngstigte Viele, die Malcolm X als Feindbild stilisierten und dabei verkannten, dass er in seinem letzten Lebensjahr wieder eine erstaunliche Wandlung hin zu \u201eeinem f\u00fcr allgemeine Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit eintretenden Humanisten\u201c, so die Historikerin und Malcolm-X-Biografin Britta Waldschmidt-Nelson, vollzog.<\/p>\n<p>Ein filmreifer Lebenslauf allemal. Er wurde als Malcolm Little am 19. Mai 1925, als viertes Kind des Schreiners und Baptistenprediger Earl Little und seiner Frau Louise in Omaha, Nebraska, geboren. Sein Vater hatte Probleme, einen festen Job zu finden, sodass die Familie st\u00e4ndig in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte. Die Eltern waren \u00fcberdies gl\u00fchende Anh\u00e4nger*innen von Marcus Garvey, einem geb\u00fcrtigen Jamaikaner, der angesichts der schlechten Lebenssituation und st\u00e4ndiger rassistischer \u00dcbergriffe auf Schwarze Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr an ein gedeihliches Miteinander von Wei\u00dfen und Schwarzen in den USA glaubte. Die Afroamerikaner*innen sollten sich daher abgrenzen, ihre eigenen Firmen gr\u00fcnden und m\u00f6glichst nur bei Schwarzen einkaufen. Die Schwarzen Amerikaner*innen sollten \u00fcberdies Stolz auf ihre afrikanischen Wurzeln und ihre Hautfarbe entwickeln. Seine F\u00e4higkeit, Millionen selbstbewusste Schwarze zu mobilisieren, war Teilen der Obrigkeit offenbar nicht geheuer. Sein Abstieg begann. Garvey wurde nach Betrugsvorw\u00fcrfen, ohne klare Beweise, schuldig gesprochen und 1927 nach Jamaika deportiert. Earl Little blieb den Idealen Garveys dennoch weiterhin treu, was die Suche nach einem festen Arbeitsplatz bei den meist wei\u00dfen Arbeitgebern erschwerte. Die Familie zog mehrfach um, teils weil sie Probleme mit wei\u00dfen Rassisten bekam, teils weil der Vater immer noch kein festes Einkommen erzielen konnte.<\/p>\n<p>Sie landeten schlie\u00dflich in Lansing, Michigan, in einem Viertel, in dem mehrheitlich Wei\u00dfe wohnten. Auch hier fanden sie keinen Frieden. Ein Hauskauf wurde nachtr\u00e4glich beanstandet. Die Familie fand schlie\u00dflich s\u00fcdlich von Lansing eine neue Heimat. Malcolm kam 1931 in die Schule. Ihre weiterhin katastrophale finanzielle Lage f\u00fchrte zu st\u00e4ndigem Streit zwischen Earl und Louise, h\u00e4usliche Gewalt wurde zum Normalzustand. Nur Malcolm, als Lieblingskind seines Vaters, wurde meist von Earl verschont. Aber es kam noch schlimmer.<\/p>\n<p>Denn Earl Little starb im September 1931. Ob durch einen Unfall oder nach einem rassistisch motivierten \u00dcberfall, wie Louise behauptete, konnte abschlie\u00dfend nicht ermittelt werden.  Die alleinstehende Witwe mit sieben Kindern stand vor dem Abgrund. Die Mutter versuchte alles, um die Familie auch mit Gelegenheitsjobs \u00fcber Wasser zu halten. Dies gelang ihr jedoch nicht und die Familie zerbrach. In der Schule, als einziger Schwarzer Junge in der Klasse, waren Malcolms Noten hingegen ausgezeichnet, und er wurde sogar Klassensprecher. Er f\u00fchlte sich gut aufgenommen, ein Zustand, der nicht lange hielt. Ihn st\u00f6rte es zunehmend, dass seine Schulkameraden das N-Wort benutzten und dass er nach einem ungeschriebenen Gesetz auf Festen nicht mit wei\u00dfen M\u00e4dchen tanzen durfte. Seine Verbitterung \u00fcber diese Erniedrigungen erreichte einen H\u00f6hepunkt, als ihm sein Lehrer er\u00f6ffnete, dass er als \u201eN\u2026\u201c nicht Anwalt, sondern h\u00f6chstens Schreiner werden konnte. Damit war Malcolm klar, dass Anpassung nichts brachte und er als Schwarzer nicht aufsteigen konnte und dass er so schnell wie m\u00f6glich die Welt der Wei\u00dfen hinter sich lassen wollte.<\/p>\n<h4><strong>Radikaler Wandel<\/strong><\/h4>\n<p>Der frustrierte 16-J\u00e4hrige fand Unterschlupf bei seiner \u00e4lteren Halbschwester Ella in Boston, die ihn aber nicht b\u00e4ndigen konnte. Sie besorgte ihm einen Job bei der Bahn, der ihn im Februar 1942 nach New York f\u00fchrte. Besonders Harlem mit seinen Clubs tat es ihm an, damals ein Mittelpunkt Schwarzer Musik. Hier traten Jazz-Gr\u00f6\u00dfen wie Dizzy Gillespie und Ella Fitzgerald auf, ein Umfeld, das Malcolm fesselte. Er rutschte aber dann ziemlich schnell in die Ganovenszene ab. Er arbeitete im Rotlichtmilieu, dealte mit Gras und Kokain, wurde selbst s\u00fcchtig, klaute und beging Einbr\u00fcche. 1944 wurde er das erste Mal verurteilt, 1946, nach weiteren Einbr\u00fcchen, erhielt er eine mehrj\u00e4hrige Gef\u00e4ngnisstrafe. Eine Zeit, die ihn radikal ver\u00e4ndern sollte. <\/p>\n<p>Anfangs schottete er sich von den Mitgefangenen ab. Dann beeindruckte ihn aber ein Schwarzer Insasse mit seinem Wissen und seiner Redegewandtheit. Malcolm bildete sich durch Selbststudium und arbeitete an seinen rhetorischen F\u00e4higkeiten. Besonders die Geschichte vom Schwarzen Widerstand gegen die wei\u00dfen Unterdr\u00fccker interessierte ihn. Als ihn dann zwei seiner Br\u00fcder \u00fcberzeugten in die religi\u00f6se Gemeinschaft der <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/lexika\/islam-lexikon\/21579\/nation-of-islam\/\" target=\"blank\" rel=\"noopener\">Nation Of Islam<\/a> (NOI) einzutreten, nahm sein Leben eine komplett neue Richtung. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" title=\"Malcolm X\" src=\"https:\/\/www.byte.fm\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/NOI_1964_885.jpg\" alt=\"Schwarzwei\u00df-Foto von Malcolm X\" \/><\/p>\n<h6>Elijah Muhammad, Anf\u00fchrer der Nation Of Islam, bei einer Veranstaltung im Jahr 1964. Unter den Anwesenden: Cassius Clay\/Muhammad Ali (Foto: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Elijah_Muhammad_and_Cassius_Clay_NYWTS.jpg\">New York World-Telegram and the Sun staff photographer: Wolfson, Stanley, photographer.<\/a>, Public domain, via Wikimedia Commons)<\/h6>\n<p>Die NOI-Lehre beinhaltete einige der Ideen des Schwarzen Nationalismus eines Marcus Garveys, die Malcolm durch seinen Vater bekannt waren. Ein schwarzer Allah aber w\u00fcrde den gl\u00e4ubigen Schwarzen irgendwann in einem Endkampf beistehen und die Herrschaft der Wei\u00dfen beenden. W\u00e4hrend dieser Wartezeit solle man den Regeln der NOI folgen. Diese besagten unter anderem, sich von Wei\u00dfen zu isolieren, die Bildung zu st\u00e4rken und den Geboten Gottes zu folgen. Dazu geh\u00f6rte ein rigider Verhaltenskodex: kein au\u00dferehelicher Sex oder Ehebruch, kein Alkohol oder Schweinefleisch, strenge Gebetsvorschriften und die Abgabe eines erklecklichen Teils des Einkommens an die NOI. Den Frauen wurde hingegen nur eine Nebenrolle zugedacht: Sie durften nicht arbeiten, sollten zu Hause bleiben und dem Ehemann gehorchen. Wichtiger Teil des NOI-Dogmas war die Ablegung des Nachnamens, da dieser oft noch aus Sklaverei-Zeiten stammte. Ein \u201eX\u201c sollte ihn ersetzen, bis der richtige afrikanische Familienname gefunden worden sei. Die NOI-Doktrin bot Hoffnung auf Erl\u00f6sung und ein Gemeinschaftsgef\u00fchl, was besonders f\u00fcr Strafgefangene attraktiv war. Malcolm Little entschied sich f\u00fcr einen radikalen Cut und trat Ende 1948 zum Islam \u00fcber und nannte sich bald darauf Malcolm X. <\/p>\n<h4><strong>Gegenspieler von Martin Luther King Jr.<\/strong><\/h4>\n<p>Nach seiner Entlassung im August 1952 ging er nach Detroit und widmete sich rastlos der NOI, einer anfangs etwa 400 Mitglieder starken Organisation, die prim\u00e4r durch Malcolms Elan immer mehr Anh\u00e4nger*innen gewann. Durch seine Eloquenz, Schlagfertigkeit, Sarkasmus, Charisma und die eigenen Lebenserfahrungen \u00fcberzeugte er viele junge Schwarze zum Eintritt und erlangte so schnell die Gunst des Anf\u00fchrers Elijah Muhammad, dem er anfangs blind folgte. <\/p>\n<p>Malcolm X missionierte und predigte unerm\u00fcdlich \u2013 erst in Detroit, dann in Boston, in Philadelphia und schlie\u00dflich in Harlem. 1959 stieg der Bekanntheitsgrad von Malcolm X und der NOI schlagartig durch eine TV-Dokumentation. In ihr wurde eine breite \u00d6ffentlichkeit erstmals \u00fcber die Existenz einer separatistischen und schlagkr\u00e4ftigen Gemeinschaft informiert, die die Wei\u00dfen verdammte.<br \/>\nDer Beliebtheit der NOI bei vielen Schwarzen tat das keinen Abbruch. Malcolm X war medial st\u00e4ndig pr\u00e4sent und legte verbal nach. Auf die Frage w\u00e4hrend einer Diskussion, ob er pauschal alle Wei\u00dfen hassen w\u00fcrde, entlud sich sein Furor: \u201eWie kann uns jemand fragen, ob wir den wei\u00dfen Mann hassen, \u2026 der uns von Plantage zu Plantage verkaufte wie einen Sack Mehl \u2026, und uns dann aufh\u00e4ngte von einem Ende des Landes zum anderen \u2026 Warum, was f\u00fcr eine sinnlose Frage!\u201c <\/p>\n<p>Anfang der 60er-Jahre war Malcolm X zu einer radikalen Alternative zur christlichen B\u00fcrgerrechtsbewegung um Martin Luther King Jr. geworden und hatte einen ebenb\u00fcrtigen Platz in der US-\u00d6ffentlichkeit neben seinem Gegenspieler eingenommen, dessen Positionen er zun\u00e4chst ablehnte. Kings Beharren auf Gewaltlosigkeit im Kampf um mehr Rechte f\u00fcr Schwarze war in seinen Augen ineffektiv, da die wei\u00dfe rassistische Mehrheit keine echten Zugest\u00e4ndnisse machen w\u00fcrde. Nur das Recht auf Selbstverteidigung k\u00f6nne den Unterdr\u00fcckten helfen. Trotz seines permanenten Einsatzes f\u00fcr die NOI hatten sich seit l\u00e4ngerer Zeit bei Malcolm X Zweifel an der apolitischen Ausrichtung der Gruppe geregt. Er ging in den darauf folgenden Monaten immer weiter auf Abstand. <\/p>\n<h4><strong>Pilgerfahrt nach Mekka<\/strong><\/h4>\n<p>Er trat im April 1964 eine Pilgerfahrt nach Mekka an, um sein Wissen \u00fcber den Islam zu vertiefen. Dort machte er eine dramatische Wandlung durch. Er war tief beeindruckt von der Gastfreundschaft wei\u00dfer Muslime. Er r\u00fcckte in der Folge deutlich von alten Denkmustern ab: \u201eIn der Vergangenheit habe ich pauschale Anklagen gegen alle Wei\u00dfen erhoben. Das werde ich nie wieder tun \u2013 denn ich wei\u00df jetzt, dass einige Wei\u00dfe wirklich aufrichtig sind, dass einige wirklich f\u00e4hig sind, einem Schwarzen gegen\u00fcber br\u00fcderlich zu sein. Der wahre Islam hat mir gezeigt, dass eine pauschale Verurteilung aller Wei\u00dfen genauso falsch ist, wie wenn Wei\u00dfe pauschale Anschuldigungen gegen Schwarze erheben.\u201c<\/p>\n<p>Malcolm X signalisierte seine Bereitschaft mit allen gesellschaftlichen Kr\u00e4ften zu kooperieren, die sich f\u00fcr Gerechtigkeit und Menschenw\u00fcrde einsetzten. Er suchte besonders den Austausch mit B\u00fcrgerrechtsgruppen. Anfang Februar 1965, wenige Wochen vor seinem Tod, lobte er in Selma, Alabama ausdr\u00fccklich den gewaltlosen Widerstand Martin Luther Kings. Ein B\u00fcndnis zwischen Malcolm X und King wurde immer wahrscheinlicher. <\/p>\n<p>Dazu kam es nicht mehr, denn sp\u00e4testens seit Juni 1964, drohte sein Konflikt mit der Nation of Islam zu eskalieren. Malcolm hatte sexuelle Eskapaden seines ehemaligen Lehrmeisters Elijah Muhammads, und damit dessen Heuchelei, \u00f6ffentlich gemacht. NOI-Apologet*innen sahen das als Verrat und Verleumdung an. Malcolm stellte auch die komplette NOI-Ideologie infrage. F\u00fcr deren Anh\u00e4nger*innen war das H\u00e4resie. Einige von ihnen versuchten, Malcolm im Januar 1965 in Los Angeles umzubringen, was noch scheiterte. Die Bedrohung wurde nach einem Brandanschlag wenige Wochen darauf, noch akuter. Trotzdem vernachl\u00e4ssigte er Schutzvorkehrungen. So auch an seinem Todestag am 21. Februar im Audubon Ballroom, als seine Leibw\u00e4chter fast alle unbewaffnet waren und die Attent\u00e4ter leichtes Spiel hatten. In einem Prozess im M\u00e4rz 1966 wurden dann drei NOI-Mitglieder zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt, davon einer, der noch am Tatort festgenommen worden war. Die beiden anderen, die von dem Festgenommenen zwar entlastet, aber dennoch verurteilt wurden, wurden 2021 als Justizopfer f\u00fcr unschuldig erkl\u00e4rt. <\/p>\n<h4><strong>Sample-Quelle f\u00fcr den HipHop<\/strong><\/h4>\n<p>Das Interesse der \u00d6ffentlichkeit an Malcolm X ging, trotz einer posthum erschienenen, millionenfach verkauften Autobiografie, in den Jahren nach seinen Tod merklich zur\u00fcck, was sich in den 80er-Jahren \u00e4ndern sollte. Besonders HipHop-K\u00fcnstler*innen, die angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage vieler Schwarzer in den Armenvierteln, des latenten Rassismus und der Polizeibrutalit\u00e4t eine \u00e4hnliche Wut auf die Verh\u00e4ltnisse hatten, wie sie auch Malcolm X versp\u00fcrt hatte, erinnerten sich an ihn. <\/p>\n<p>Besonders die Tonaufnahmen seiner Reden und sein fast schon rappender Sprechstil eigneten sich vorz\u00fcglich f\u00fcr die neue Sampling-Technik. Besonders pr\u00e4gnante Zitate daraus wurden in die Tracks der Musiker*innen eingespeist, um die oft aggressive Botschaft der Songs zu verst\u00e4rken. Keith LeBlanc, ein wei\u00dfer US-Schlagzeuger, der 1983 f\u00fcr seinen Track \u201eNo Sell Out\u201c Audio-Schnipsel aus einer Malcolm-X-Rede sampelte, gilt als erster Musiker, der solche Tonausschnitte verwendete. Anfangs noch kritisch von Einigen wegen seiner Hautfarbe be\u00e4ugt, genehmigte die Witwe von Malcolm X die Verwendung: \u201eDiese Aufnahme dokumentiert Malcolms Stimme zu einem Zeitpunkt und an einem Ort in der Geschichte, der etwa 19 oder mehr Jahre zur\u00fcckliegt. Ihre Bedeutung ist heute noch genauso relevant wie damals.\u201c Der Song wurde in der Clubszene ein Hit. Danach wurde immer mehr Malcolm-X-Material in die politischen HipHop-St\u00fccke eingeflochten. <\/p>\n<div data-code=\"&lt;iframe loading=&quot;lazy&quot; width=&quot;885&quot; height=&quot;498&quot; src=&quot;https:\/\/www.youtube.com\/embed\/l_Jeyif7bB4?si=NLCVi25XUcIXR8A8&quot; title=&quot;YouTube video player&quot; frameborder=&quot;0&quot; allow=&quot;accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share&quot; referrerpolicy=&quot;strict-origin-when-cross-origin&quot; allowfullscreen&gt;&lt;\/iframe&gt;\" data-esccode=\"PGlmcmFtZSBsb2FkaW5nPSJsYXp5IiB3aWR0aD0iODg1IiBoZWlnaHQ9IjQ5OCIgc3JjPSJodHRwczovL3d3dy55b3V0dWJlLmNvbS9lbWJlZC9sX0pleWlmN2JCND9zaT1OTENWaTI1WFVjSVhSOEE4IiB0aXRsZT0iWW91VHViZSB2aWRlbyBwbGF5ZXIiIGZyYW1lYm9yZGVyPSIwIiBhbGxvdz0iYWNjZWxlcm9tZXRlcjsgYXV0b3BsYXk7IGNsaXBib2FyZC13cml0ZTsgZW5jcnlwdGVkLW1lZGlhOyBneXJvc2NvcGU7IHBpY3R1cmUtaW4tcGljdHVyZTsgd2ViLXNoYXJlIiByZWZlcnJlcnBvbGljeT0ic3RyaWN0LW9yaWdpbi13aGVuLWNyb3NzLW9yaWdpbiIgYWxsb3dmdWxsc2NyZWVuPjwvaWZyYW1lPg==\" data-src-host=\"www.youtube.com\" class=\"embed-wrap\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/l_Jeyif7bB4?si=NLCVi25XUcIXR8A8\">https:\/\/www.youtube.com\/embed\/l_Jeyif7bB4?si=NLCVi25XUcIXR8A8<\/a><\/div>\n<p>1987 nutzten Public Enemy f\u00fcr ihren Song \u201eBring The Noise\u201c die Satzst\u00fccke aus einer Rede Malcolms, die ein Jahr sp\u00e4ter Jungle Brothers in ihrem Track \u201eI\u2019ll House You\u201c ebenfalls integrierten. Auch die Gruppe Boogie Down Productions nahm auf ihrem Album \u201e<a href=\"https:\/\/www.byte.fm\/blog\/news\/mit-allen-noetigen-mitteln-boogie-down-productions-malcolm-x-tribut-98710\/\">By All Means Necessary<\/a>\u201c 1988 Bezug auf Malcolm X. Bandmitglied KRS-One spielte sogar auf dem Cover auf ein ber\u00fchmtes Malcolm-Foto an, das ihn mit Waffe am Fenster zeigte. Im selben Jahr nutzte auch die Rockband Living Colour f\u00fcr ihr Lied \u201eCult Of Personality\u201c Tonmaterial aus der ber\u00fchmten \u201eGrass-Roots\u201c-Rede. Ebenso die Bands The Beatnigs f\u00fcr den Track \u201eMalcolm X\u201c und Gang Starr 1994 f\u00fcr ihr \u201eTonz &#8218;O&#8216; Gunz\u201c.<\/p>\n<p>Aber bereits seit Ende der 70er-Jahre hatten die ersten HipHop-Gruppen wie Grandmaster Flash And The Furious Five aus dem vormaligen Ort des Schreckens, dem <a href=\"https:\/\/rockthebells.com\/articles\/malcolm-x-hip-hop-and-the-audubon-ballroom\/\" target=\"blank\" rel=\"noopener\">Audubon Ballroom<\/a>, mit ihren HipHop-Jams einen Ort der Freude gemacht. 1992 wurde das Malcolm-X-Revival durch den Film \u201eMalcolm X\u201c von Spike Lee mit Denzel Washington in der Hauptrolle noch weiter befeuert. So hatte die Popkultur einen gro\u00dfen Anteil daran, ein neues Licht auf den B\u00fcrgerrechtsaktivisten zu lenken. Viele junge Schwarze und auch wei\u00dfe Amerikaner*innen sahen in ihm jetzt ein Vorbild im Kampf gegen Rassismus und Ungleichheit, und er wurde zum Symbol insgesamt f\u00fcr eine Auflehnung gegen Obrigkeiten. Die USA haben sich gro\u00dfenteils mit Malcolm X vers\u00f6hnt: Schulen, Stra\u00dfen und Parks wurden nach ihm benannt, und in Teilen des Landes wird am 19. Mai, seinem Geburtstag, seiner gedacht. <\/p>\n<p><a href=><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" title=\"Werdet \u201eFreunde von ByteFM\u201c\" src=\"https:\/\/www.byte.fm\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Freunde-2a.jpg\" alt=\"Bild mit Text: F\u00f6rderverein \u201eFreunde von ByteFM\u201c\" width=\"885\" height=\"330\" \/><\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2025 j\u00e4hrt sich der Geburtstag von Malcolm X zum 100., sein Todestag zum 60. Mal. ByteFM Autor Rainer Szimm \u00fcber die Galionsfigur der US-amerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung, deren Wirken die Pop- und Protestkultur bis heute pr\u00e4gt.<\/p>\n","protected":false},"author":175,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[14329,163,322,14327,20049,5402,6033],"class_list":["post-149876","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-news","tag-boogie-down-productions","tag-burgerrechtsbewegung","tag-hiphop","tag-malcolm-x","tag-martin-luther-king-jr","tag-nation-of-islam","tag-public-enemy"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v25.8 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Revolution\u00e4r, Mythos, Pop-Ikone \u2013 zum 60. 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