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Kramladen

Der Bart im Pop

ByteFM: Kramladen vom 22.05.2014

Ausgabe vom 22.05.2014: Der Bart im Pop

Der Damenbart wird aktuell viel beachtet, dank Conchita Wurst. Der Bart des weiblich gestylten Sängers und Travestiekünstlers Tom Neuwirth, der sich als Kunstfigur Conchita Wurst nennt, ist echt, im Gegensatz zum angeklebten Schnurrbart von Lady Gaga oder dem angemalten Schnauzer des Schwestern-Duos CocoRosie. Schon die Malerin Frida Kahlo machte ihren Oberlippenflaum zu ihrem Markenzeichen. Und im alten Ägypten klebten sich Pharaoninnen Haare ans Kinn, um mit den Barthaaren Macht zu symbolisieren.

In der Popgeschichte steht die Gesichtsbehaarung nicht für Macht, sondern für Mode und Individualität – auch für provozierende Irritation wie im Falle von Conchita Wurst, deren „Körperpolitik“ die traditionellen Geschlechterrollen infrage stellt.
Der Vollbart, nebst seiner wuchernden Variante Rauschebart, ist seit einigen Jahren bei den Hipstern des Pop schwer in Mode. Eine üppige Barttracht gilt geradezu als Erkennungszeichen der Hipster-Szene, jener urbanen Subkultur, die sich als Alternative zum Mainstream versteht. Vor allem in der Neofolk- und Freakfolk-Bewegung, der „New Weird Americana“-Szene und fast in jeglicher Independent-Spielart lässt man der Natur und den Barthaaren freien Lauf.

Der Rasierapparat ist tabu z.B. für den Antifolk-Sänger Devendra Banhart, den Indie-Folkmusiker Justin Vernon alias Bon Iver, den Alternative-Country-Rocker Steve Earle, den Wahl-New Yorker und Songpoeten Scott Matthew, den schwedischen Folksänger Kristofer Aström, die Hälfte der US-amerikanischen Folkrock-Band Averett Brothers (gleiches gilt für die Fleet Foxes aus Seattle und auch für die britische Folkrock-Band Mumford and Sons usw.), auch der Ex-Pulp-Sänger Jarvis Cocker greift seit einiger Zeit nicht mehr zum Glattrasierer und sogar Popstar Justin Timberlake ließ sich einen Vollbart wachsen.

Gewaltige Rauschebärte galten früher als hinterwäldlerisch und dazu noch als unhygienisch, weil man Speisereste und Schlimmeres im wuchernden Haardickicht vermutete. Heute zieren üppigste Bartvorhänge die angesagtesten Insider-Helden – wie etwa den kanadischen Beardo Ben Caplan, den „ersten Posterboy des weltumspannenden Hipstertums“ Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy, den Super-Produzenten Rick Rubin, oder auch den rheinhessischen Mundart-Blues-Sänger Billy Crash. Die legendären Rauschebart-Pioniere ZZ Top begründeten schon Ende der siebziger Jahre den Bartkult im Rock.

Der berühmteste Bart der Rockgeschichte dürfte Frank Zappas markante Kreation eines buschigen Oberlippenbewuchses in Seehund-Form, kombiniert mit einem „keck unter die Unterlippe getupften Bartklecks“ sein. Zappa war auch der erste Rockmusiker, der sein Haupthaar zu Mädchenzöpfen band, sich dazu in Frauennachthemden kleidete und damit seinen Zappa-Bart zum Damenbart umfunktionierte. Dass es um die Stilisierung seines Bartes und die Verwendung des Bart-Logos einen peinlichen Rechtsstreit zwischen der Zappa-Witwe und den Veranstaltern der Zappanale in Bad Doberan gab, sei hier nur am Rande erwähnt.

Die Voll- und Rauschebärte erfreuten sich schon Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre großer Beliebtheit, weil „der bärtige Look, wie man ihn von den frühen amerikanischen Siedlern kannte, für Integrität und Reife stand, und Verachtung gegenüber Image, sowie Distanz zu der Oberflächlichkeit des Pop ausdrücken wollte“ (Simon Reynolds). Die Hippies demonstrierten „ihre Unangepasstheit und gesellschaftliche Verweigerungshaltung mit möglichst viel Haar“ (S. Danicke). Alles was damals Rang und Namen hatte, ließ die Barthaare sprießen: allen voran John Lennon, aber auch Paul McCartney, Joe Cocker, Jim Morrison, Jerry Garcia, Ian Anderson u.a.. Sogar alle fünf Beach Boys trugen in jener Zeit Vollbärte. Barry und Maurice Gibb von den Bee Gees blieben Bartträger auch über die siebziger Jahre hinaus.

Die Helden der studentischen Protestbewegung von 1968 waren Männer mit Bart: Che Guevara, Fidel Castro und Karl Marx. Auch die antiken griechischen Philosophen, ob Aristoteles, Sokrates oder Platon, waren allesamt bärtig, weshalb man wahrscheinlich mit dem Bart bis heute Weisheit und Intelligenz verbindet. Bärtige Männer sollen sympathischer und vertrauensvoller wirken als glattrasierte. Doch nicht nur der Weihnachtsmann trägt Vollbart, sondern auch islamistische Extremisten.

Konservative und reaktionäre Europäer zerrissen sich das Maul über den Song-Contest-Sieg von Conchita Wurst, schwadronierten gar von „Europas Ende.“ So ist Conchitas Bart eine Demonstration für Toleranz und für die Freiheit in der „sexuellen Orientierung und genauso im Anderssein an sich“ (Tom Neuwirth alias Conchita Wurst.)

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Playlist

1.  L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik)
Touch Me There / Zappa Records
2.  The Beards / If Your Dad Doesn’t Have A Beard
Beards, Beards, Beards / download
3.  Philipp Scharri / Männer mit Bärten
Live in Ottis Schlachthof / download
4.  Kollegah / King
King / Universal
5.  Die Ärzte / 3-Tage Bart
Le Frisur / Metronom Musik
6.  Bernd Begemann / Du wirst dich schämen für deinen Ziegenbart
Jetzt bist du in Talkshows / Bege Beat, Intercord
7.  Scott Matthew / To Love Somebody
Unlearned / download
8.  Ben Caplan, Bonnie „Prince“ Billie, Billy Crash (Montage) / Under Control, Love Comes To Me, Blueswurscht
diverse / diverse
9.  ZZ Top / Chartreuse
La Futura / American Recordings, Universal
10.  Frank Zappa and The Mothers Of Invention / Smell My Beard-The Booger Man
You Can’t Do That On Stage Anymore Vol. 4 / Zappa Records
11.  Ian Anderson / Doggerland
Homo Erraticus / Calliandra Records, Edel
12.  Knuth und Tucek / Männer mit Bart
live / download