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Kramladen

Der Jazzrock lebt. Und wie!

ByteFM: Kramladen vom 18.12.2014

Ausgabe vom 18.12.2014: Der Jazzrock lebt. Und wie!

... dank Ali Neander, Hellmut Hattler & Co

In den frühen siebziger Jahren war der vor allem von virtuosen Gitarristen vorangetriebene Jazzrock die musikalisch innovativste Richtung im weiten Feld der stilistisch expandierenden Rockmusik. Der britische Jazz- und Blues-Gitarrist John McLaughlin, der in den USA als Begleitmusiker von Miles Davis erste Meriten erworben hatte, gründete 1971 sein Mahavishnu Orchestra, das als Trendsetter des neuen Jazzrock-Stils anzusehen war. Der junge italo-amerikanische Gitarrist Al Di Meola sollte sich in Chick Coreas Jazzrock-Gruppe Return To Forever sehr bald ähnlich stilbildend entwickeln. Weitere wichtige Jazzrock-Gitarristen waren der US-Amerikaner Larry Coryell, der Belgier Philippe Catherine, aber auch Frank Zappa mit seinen Jazzrock-Projekten Hot Rats (1969) und Waka-Jawaka/Grand Wazoo (1972). Auch der britische Rock-Gitarrist Jeff Beck näherte sich Mitte der siebziger Jahre mit seinen Alben „Blow By Blow” (1975) und „Wired” (1976) dem Jazzrock an. Doch schon wenig später war die von Gitarristen dominierte Spielart des Jazzrock mehr oder weniger im Sande verlaufen, beziehungsweise im neuen Fusion-Trend, der Verbindung von Jazz, Rock und Funk, aufgegangen.

Revitalisierungen des handwerklich anspruchsvollen Gitarren-Jazzrocks gab es immer wieder, nicht zuletzt in Deutschland im Jahre 2011, als der stilistisch wandlungsfähige Rodgau Monotones-Gitarrist und Jazzrock-Fan Ali Neander gemeinsam mit dem Bassisten Hellmut Hattler, einem Pionier des deutschen Jazzrock (er ist seit 1971 mit seiner Band Kraan unterwegs), ein furioses Nu-Jazzrock-Album veröffentlichte. Nun folgte der noch besser gelungene, zweite Streich: das phänomenale Album „ ... this one goes to eleven“ von Ali Neander feat. Hellmut Hattler. Mit speziell adressierten musikalischen Widmungen zieht Ali Neander den Hut vor den großen Gitarristen-Kollegen John McLaughlin (in einer Neubearbeitung des Mahavishnu Orchestra-Klassikers „The Dance Of Maya“), Jeff Beck (in der instrumentalen Interpretation des dramatischen Procol Harum-Songs „A Salty Dog“ von 1969, gespielt im Stil eines „Jeff Beck-Wannabee“ [selbstironischer Originalton Ali Neander]) und Lionel Loueke, dem aus Westafrika stammenden US-amerikanischen Jazzrock-Worldbeat-Gitarristen der jüngeren Generation (in der world-latin-groove-angehauchten Eigenkomposition „Lionel’s Joint“).

Aber das sind nur drei Farbtupfer in einem opulenten Klangfarben-Gemälde, das aus insgesamt 14 Einzeltiteln besteht. Drei davon sind als Kooperation des Duos Neander/Hattler entstanden, die restlichen 9 Neukompositionen stammen von Ali Neander. Und das Verblüffende ist, auf welch hohem Niveau die intelligent strukturierten Kompositionen überzeugen können. Die instrumentale Klasse des Ausnahmegitarristen Ali Neander und des Über-Bassisten Hellmut Hattler kennt man schon lange, doch nun setzen die beiden auch noch Maßstäbe, was die kreative Ausgestaltung komplexer Themen und differenzierter Ideen in melodischer und rhythmischer Hinsicht angeht. Vor allem Ali Neanders Kompositionen weisen eine schöpferische Weiterentwicklung im Vergleich zum ersten Duo-Album der beiden auf.
- Über ein druckvolles Schlagzeug-Pattern und eine clevere Bass-Figur im trickreichen 9/8-Takt meandert ein kühnes Gitarrenthema, das von einer Oboe im Parallelflug begleitet wird, mittendrin kurzzeitig entschleunigt durch eine entspannte Passage, die von Klavier und Gitarre meditativ umspielt wird und schließlich in ein wunderbares Oboen-Solo einmündet - natürlich auch im 9/8-Takt. Schließlich lautet die Titelüberschrift: „Nine Lives“.

- Raffiniert gebaute und gleichzeitig wunderschöne Melodiebögen zeichnen den Titel „Eightball“ aus, der ebenso verblüffend wie aufregend und lässig rhythmisiert ist.
- Aus einem gnadenlos atonal-schrägen Monsterakkord entwickelt sich im entsprechend überschriebenen Titel „Chord Of Doom“ ein diffizil groovendes Klanggebilde von letztlich befreiender melodischer Ästhetik, inklusive einem solistischen Kräftemessen zwischen Bass und Trompete wie zu seligen Tab Two-Zeiten.
- Das aus den Sessions zum ersten gemeinsamen Album übriggebliebene, von Hattler/Neander geschriebene Stück „Mysterious Leftover“ verknüpft atmosphärische Themen aus der Hattler-Vergangenheit von Kraan und Tab Two mit Hattlers und Neanders gemeinsamer Vision von einer grenzen-, stile- und epochenübergreifenden, ausdrucksstarken, imaginativen und inspirierenden Musikalität. Deutlich weniger hochgestochen beschreibt Ali Neander den Titel im Booklet mit: „A dose of meditative balkan-kraut-feel ... and a lot of wonderous and wacky sounds“.
- Die aberwitzig hetzenden und dennoch zutiefst melodiösen Riff-Themen und Improvisationen im Titel „Settlement Seventeen“ zelebrieren das lustvolle Ausufern des Virtuosentums, ohne erholsame Ruhepausen zu vernachlässigen.

- Mit einem metallisch kraftvollen Kunst-Riff, synchronisiert von einer folkigen Tin-Whistle, stürmt das voll aufgedrehte Titelstück des Albums „This One Goes To Eleven“ durch die Led Zeppelin/Fusionrock-Geschichte. - Und ein großes „Vergnügen aus vergangener Zeit“ bietet der Album-Opener „A Thrill From Over The Hill“, mit seinen historisch klingenden Keyboard-Sounds aus frühen Elektro-Jazz-Tagen gleich zu Beginn, mit dem Hauch von Orient in der Melodik und dem organisch klingenden Rhythmus-Wechsel aus Vierer- und Sechser-Zählzeiten und erst recht mit den unglaublichen Improvisations-Exkursionen des Gitarren-Könners Ali Neander, wobei sein junger Mitmusiker Martin Kasper an den Keyboards hier nicht minder solistisch brillieren kann.

Überhaupt haben die beteiligten Mitmusiker einen erheblichen Anteil am großen Gelingen dieses herausragenden Albums. Großartige musikalische Beiträge lieferten der Oregon-Musiker, Oboist und Sopransaxophonist Paul McCandless, der Trompeter Joo Kraus (ehemals Duo-Partner von Hellmut Hattler bei Tab Two), der Fusion-Saxophonist und Flötist Clive Stevens und nicht zuletzt die beiden Mitglieder der Neander/Hattler-Band Moritz Müller am Schlagzeug und Martin Kasper an den Keyboards. Ali Neanders Wunschvorstellung, „die Leidenschaft und den fröhlichen Wahnsinn des frühen Jazzrocks mit aktuellen Sounds in die Jetztzeit zu transportieren“ hat sich mit dem neuen Album auf glücklichste Weise erfüllt.

Der Kramladen stellt das fantastische Album „... this one goes to eleven“ von Ali Neander feat. Hellmut Hattler, ein später Höhepunkt der Musikveröffentlichungen des Jahres 2014, in einem ausführlichen Gespräch mit Ali Neander vor.

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Playlist

1.  L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik)
Touch Me There / Zappa Records
2.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / This One Goes To Eleven
This One Goes To Eleven / ESC Records
3.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / Nine Lives
This One Goes To Eleven / ESC Records
4.  Lionel Loueke / Freedom Dance
Heritage / Blue Note
5.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / Lionel’s Joint
This One Goes To Eleven / ESC Records
6.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / Eightball
This One Goes To Eleven / ESC Records
7.  Procol Harum / A Salty Dog
The Definitive Collection / BR Music
8.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / A Salty Dog
This One Goes To Eleven / ESC Records
9.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / Mysterious Leftover
This One Goes To Eleven / ESC Records
10.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / Ghostnotes
This One Goes To Eleven / ESC Records
11.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / A Thrill From Over The Hill
This One Goes To Eleven / ESC Records
12.  Ali Neander (Feat. Hellmut Hattler) / The Day With Sensuous Vibes (Hintergrundmusik)
This One Goes To Eleven / ESC Records