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Kramladen

Chaos und Kreation im Hinterhof

ByteFM: Kramladen vom 22.10.2015

Ausgabe vom 22.10.2015: Chaos und Kreation im Hinterhof

Das beste Album eines Ex-Beatle erschien vor 10 Jahren.

Nach einer Reihe von enttäuschenden Veröffentlichungen, nach diversen mittelmäßigen bis passablen und nach einigen wenigen vorzeigbaren bis gelungenen Alben überraschte Paul McCartney im Herbst 2005 die anspruchsvolle Popwelt mit einem Meisterwerk, seinem bis dato vielleicht besten Soloalbum „Chaos And Creation In The Backyard“. Er schrieb sehr persönliche Texte mit psychologischem Feingefühl, komponierte wagemutige harmonische Wendungen und kreierte melancholische, teils sogar dunkle Stimmungen, wie man es zuvor von ihm kaum je gehört hatte. Keinen geringen Anteil daran hatte der Produzent Nigel Godrich, der sich zuvor einen Namen gemacht hatte durch seine Arbeiten für Radiohead, R.E.M., Beck, Travis und U2. Er drängte den Songschreiber Paul aus seiner gewohnten Komfortzone heraus und ermutigte ihn zu einer experimentierfreudigeren Herangehensweise an die neue Album-Produktion.

So überredete er Paul etwa, auf die bereits mit seiner Begleitband produzierten Basis-Aufnahmen zu verzichten, statt dessen die meisten neuen Songs, als profunder Multiinstrumentalist, der er war, alleine neu einzuspielen, um eine möglichst persönliche Handschrift und intensive Atmosphäre zu erzeugen. Diese Entscheidung erwies sich als richtig, denn in der geradezu intimen Studioarbeit zwischen Paul und Nigel Godrich, nur hin und wieder verstärkt durch einzelne Gastmusiker, entstanden einige der bemerkenswertesten Songs im Kompositions-Katalog des Ex-Beatle.

Liegetöne eines Flügelhorns, Loops und Klangflächen mit der Anmutung eines Harmoniums und Pauls innige Stimmgebung erzeugen eine intensive, schwebende Atmosphäre im neblig trüben Song „How Kind Of You“, in dessen Trost suchendem, fast verzweifeltem Text klar wird, dass der Schwebezustand des Ich-Erzählers hart am Abgrund verläuft. Der instrumentale Abschluss verstärkt die Dramatik mit einem kühnen und aufwühlenden Akkordwechsel (F7+/11, E). Doch zu guter Letzt löst ein melodisches Motiv, von Klavier und Gitarre synchron und chörig gespielt, die Spannung in einem harmonisch wohl klingenden A-Dur auf.

Die Gitarrenballade „Jenny Wren“ erinnert im Fingerpicking-Stil und melodischen Motiv der Akustikgitarre an Pauls Ballade „Blackbird“ aus dem Weißen Album der Beatles. Doch hier taucht zum ersten Mal in Pauls Instrumentenfundus ein ethnischer Weltmusikklang auf, eine Duduk, ein Oboe-ähnliches Holzblasinstrument aus Armenien.

Unorthodox in Harmonik und Melodik, und ungewohnt für Pauls Kompositionsstil wegen der dunklen Zwischentöne, präsentiert sich der Klaviersong „At The Mercy“, in dem man Paul zum ersten Mal als Cellist mit lang gestrichenen, tiefen Tönen hören kann. Zu den Höhepunkten des Albums zählt auch der irritierende Song voll seltsamer Schönheit „Riding To Vanity Fair“. Über einem hypnotischen Schrittmaß breitet sich ein grundierender Streicher-Teppich in warmen, doch geheimnisvoll dunklen Tönen aus. Darüber singt Paul in hohem Register, teilweise mit Kopfstimme schön schräge Melodietöne über wohlig schmerzlich klingende, mit Sexten und Nonen ausdifferenzierte Mollakkorde (Am6/9, Em9). Und der irritierende Text, den er mit verhaltener Emotionalität singt, handelt von bitterer Enttäuschung und zurückgewiesener Freundschaft. Die melancholisch dunkle Stimmung wird ein wenig aufgehellt durch ein immer wiederkehrendes Zweiton-Motiv, dessen kindlich verspielte Anmutung vom Instrument herrührt, auf dem diese einfache, aber ungemein wirkungsvolle Melodie aus zwei Tönen (Fis und E) gespielt wird: ein Glockenspiel für Kinder.

Das Album wurde mit drei Grammy-Nominierungen bedacht, fand nur lobende Worte von Seiten der Kritik, gleichzeitig großes Interesse beim Publikum und erreichte weltweit in vielen Ländern hohe Chartsnotierungen.

Während der umtriebige Paul McCartney auf seiner schier endlosen „Out There“-Tour aktuell in USA und Kanada unterwegs ist und bereits an einem neuen Album bastelt, erinnert der Kramladen an Pauls bis dato bestes Album, das vor 10 Jahren erschien und vielleicht sogar den Rang des besten Solo-Albums eines Ex-Beatle für sich reklamieren kann.

Außerdem zu hören: Ausschnitte aus dem Remix-Album „Twin Freaks“, das ebenfalls 2005 erschien und etliche McCartney-Songklassiker vom Kopf auf die Tanz-Füße stellte.

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Playlist

1.  L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik)
Touch Me There / Zappa Records
2.  Twin Freaks / Lalula
Twin Freaks / Parlophone
3.  The Fireman / Lifelong Passion
Electric Arguments / One Little Indian
4.  Paul McCartney / Promise To You Girl
Chaos And Creation In The Backyard / EMI, Parlophone, MPL
5.  Paul McCartney / Fine Line
Chaos And Creation In The Backyard / EMI, Parlophone, MPL
6.  Paul McCartney / Comfort Of Love
Fine Line / EMI, Parlophone, MPL
7.  Paul McCartney / Growing Up Falling Down
Fine Line / EMI, Parlophone, MPL
8.  Twin Freaks / Oh Woman Oh Why
Twin Freaks / Parlophone
9.  Paul McCartney / Jenny Wren (live)
Chaos And Creation at Abbey Road / EMI, Parlophone, MPL
10.  Paul McCartney / Jenny Wren
Chaos And Creation In The Backyard / EMI, Parlophone, MPL
11.  Paul McCartney / Riding To Vanity Fair
Chaos And Creation In The Backyard / EMI, Parlophone, MPL
12.  Twin Freaks / Long Haired Lady
Twin Freaks / Parlophone