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Was ist Musik These Glory Days (18.11.2012)

ByteFM: Was ist Musik vom 18.11.2012

Ausgabe vom 18.11.2012: These Glory Days

Ich will mit gewöhnlichen Leuten schlafen. These Glory Days - Owen Hatherleys Essay über Pulp und britische Pop(klassen)Verhältnisse

Das Schlechte an diesem Buch: man muss mal wieder erkennen, dass man als Nichtbrite minderbemittelt ist, wenn es um Pop geht. Das Gute: man kapiert England durch Pulp und Pulp durch England. Owen Hatherley ist in seiner Heimat bekannt geworden mit dem Buch “Militant Modernism; A Guide to the New Ruins of Great Britain“. Um neue und alte Ruinen der britischen Klassengesellschaft – physische wie psychische - geht es auch in „These Glory Days“, das im Original „Uncommon“ heißt. Der bessere Titel, schließlich geht es um Common People und Pulp und nicht um Morning Glory und Oasis. Morning Glory heißt übrigens so viel wie „spitzblättrige Trichterwinde“, geläufiger ist „Morgenlatte“. Owen Hatherley ist Jahrgang 1981, drei Jahre jünger als die Band um Jarvis Cocker, die tatsächlich 1978 in der nordenglischen (Ex-)Stahlstadt Sheffield gegründet wurde, von Teenagern. Im Mai 1979, also exakt zwischen der Geburt von Pulp und der ihres Fans & Chronisten Hatherley, übernimmt Margaret Thatcher die Macht in Britannia und Hatherleys Buch verhandelt wird: Neue Klassenhierarchien, Zerstörung des Wohlfahrtssystems, Zerschlagung der Gewerkschaften, Abschaffung von Gesellschaft – „There is no such thing as society“, so das Mantra des Thatcherismus, sein Glück möge gefälligst jede/r selber schmieden. Ein Weg ins Glück und in die Charts im fordistischen England ist die in vielen Popsongs besungene Art School. Die staatlich finanzierten Kunstschulen sind in Großbritannien Brutstätten der Popkunst, Leute wie Pete Townshend, Brian Eno und Bryan Ferry konnten hier ohne großen ökonomischen Druck experimentieren. Von einem großzügigen Uni-Stipendium profitierte auch Mick Jagger – heute müßte er Gebühren zahlen. „Musizierende Arbeiterkinder sind eine verschwindende Minderheit“, schreibt Robert Rotifer in einer Reminiszenz zum 50.Bühnenjubiläum der Rolling Stones und bündelt Hatherleys Thesen: „In Zeiten des geschrumpften und immer brotloser werdenden Musikgeschäfts bleibt die Popstar-Perspektive finanziell vorversorgten Ex-Privatschülern wie Mumford & Sons, Lily Allen, Laura Marling, Florence Welch oder Coldplay vorbehalten. Im Oktober 2010 waren bereits 60 Prozent der britischen Charts-Positionen von musizierenden Ex-Privatschülern besetzt, verglichen mit „nur“ 54 Prozent der Sitze der konservativen Parlamentsfraktion nach den Unterhauswahlen im selben Jahr.“ Jetzt wissen wir, warum die englische Popmusik so trostlos ist. Auch Jarvis Cocker lebt in den Achtzigern hauptsächlich von staatlichen Hilfen. Weil „die nach heutigen Standards großzügigen Zuwendungen des Staates Bands den Freiraum verschafften, nicht nur zu experimentieren, sondern sogar scheiße sein zu können, Jugendsünden zu begehen, Fehler machen zu können und aus ihnen zu lernen, sind Pulp so großartig geworden.“


Owen Hatherley:
„Pulp war die letzte große Band, deren Mitglieder sich ihrer Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse bewusst waren und sich gleichzeitig als Künstler verstanden. Letzteres nicht ohne einen gewissen Stolz darüber, aus Nordengland zu stammen, proletarisch zu sein und dabei ganz unverfroren intelligent. Zugegeben, der inquisitorische Klassen-Polizist würde die lupenreine Klassen-Reputation von Jarvis Cocker aufgrund der Tatsache getrübt sehen, dass Cockers Mutter einmal als Stadträtin für die Konservativen kandidierte. Die bettelarme Herkunft eines jeden Bandmitglieds jedoch wird ihn wieder mehr als versöhnen. So wie die spezifische Atmosphäre Sheffields den Bandmitgliedern erst bewusst wurde, als sie die Stadt verließen, verhielt es sich auch mit ihrem Klassenbewusstsein. Jarvis Cocker gibt an, sich nicht wie einer aus der Arbeiterklasse gefühlt zu haben, bis er in den späten achtziger Jahren am Londoner St. Martin’s College studierte und die Mittelklasse-Kommilitonen und ihre Privilegien näher kennen lernte. So oder so, in einem Jahrzehnt, in dem der konservative Premierminister John Major behauptete, eine »klassenlose Gesellschaft« zu formen, und sein Labour-Nachfolger Tony Blair sowie dessen Vize John Prescott verkündeten, dass jetzt alle Briten der Mittelklasse angehören würden, fielen Pulps empfindliche Antennen für Ressentiments, historische Ungerechtigkeiten sowie ihr schwelgerischer, teilweise etwas kleinkarierter Revanchismus besonders ins Auge. Zu der Zeit wurde diese Haltung einzig (und eher in musikalischem Sinn) von den Manic Street Preachers geteilt. Mit Different Class lieferten Pulp einen Soundtrack zur Abschaffung von Clause IV* und legten damit ein Konzeptalbum über den anhaltenden Klassenkampf vor.“
Starring: Chic, Scott Walker, Roxy Music, McFadden & Whitehead, The Kinks, Smokey Robinson & The Miracles, Barry Adamson

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Playlist

1.  Pulp / Babies
His’n’Hers / Island
2.  Pulp / Do You Remember
His’n’Hers / Island
3.  Roxy Music / Editions Of You
Greatest Hits / Polydor
4.  Kinks / Wicked Annabella
The Village Green Preservation Society / Sanctuary
5.  Pulp / Sheffield: Sex City
Babies / Island
6.  Pulp / Countdown
Countdown / Island
7.  Pulp / Someone Like The Moon
His’n’Hers / Island
8.  Scott Walker / Plastic Palace People
Scott 2 / Philips
9.  Pulp / Common People
Different Class / Island
10.  Chic / Real People
Real People / Atlantic
11.  Pulp / Mis-Shapes
Different Class / Island
12.  Mcfadden & Whitehead / Ain’t No Stoppin’ Us Now
Ain’t No Stoppin’ Us Now / Philadelphia International
13.  Pulp / Sorted Out For E’s & Wizz
Different Class / Island
14.  Barry Adamson / Set The Controls For The Heart Of The Pelvis (Ft. Jarvis Cocker)
Oedipus Schmoedipus / Mute
15.  Pulp / Cocaine Socialism
A Little Soul / Island
16.  Pulp / A Little Soul
A Little Soul / Island
17.  Smokey Robinson & The Miracles / Tracks Of My Tears
16 All Time Hits / Motown
18.  Pulp / This Is Hardcore
This Is Hardcore / Island