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Was ist Musik Everything I Do Gonna Be Funky - Allen Toussaint

ByteFM: Was ist Musik vom 15.11.2015

Ausgabe vom 15.11.2015: Everything I Do Gonna Be Funky - Allen Toussaint

Nachruf aus der taz von Detlef Diederichsen

Funky, funky
Er war etwas unauffälliger als James Brown oder Sly Stone, aber er trug den Funk in die Welt hinaus: Allen Toussaint ist gestorben.

Sie waren zu dritt und sie brachten der Menschheit ein kostbares Geschenk: den Funk. Sie hießen James Brown, Sly Stone und Allen Toussaint. Allen wer? Verglichen mit den schillernden Bühnengiganten Brown und Stone, mag der lieber unauffällig hinter den Kulissen tätige Toussaint farblos und langweilig gewirkt haben. Der musikalische Einfluss des Multitalents kann allerdings gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
1938 in New Orleans geboren, begann Toussaint im Alter von sechs Jahren Klavier zu spielen. Als Teenager schloss er sich einer der vielen lokalen R&B-Bands an. Als er bei Sessions für Fats Domino und Huey „Piano“ Smith einen guten Eindruck hinterließ, machte ihn der einflussreiche Produzent Cosimo Matassa zu seinem Hauspianisten. 1958 erschien unter dem Namen Al Tousan ein erstes Album. Der darauf enthaltene Titel „Java“ wurde 1964 in der Version des Easy-Listening-Trompeters Al Hirt ein Nummer-eins-Hit in den USA. Bereits 1960 hatte Toussaint begonnen, für kleine lokale R&B-Labels zu produzieren und zu arrangieren. Mit großem Erfolg: Ernie K-Doe bescherte ihm mit „Mother-in-Law“ 1961 seinen ersten landesweiten Nummer-eins-Pop-Hit. Seine große Zeit begann 1965 mit den Lee-Dorsey-Hits „Ride Your Pony“, „Working In The Coal Mine“ und „Holy Cow“. Die Titelmusik der supererfolgreichen TV-Show „The Dating Game“ ging auf ihn zurück (“Whipped Cream“).
Zu jener Zeit widmete sich Toussaint verstärkt der in New Orleans so populären karibischen Polyrhythmik. Unterstützt von seiner Hausband The Meters schrieb er Arrangements, die einerseits von hoher rhythmischer Sophistication waren, aber auch klar, übersichtlich und reduziert. „Everything I Do Gonna Be Funky“, lautete sein Credo. Toussaint trug diese Haltung in die Welt hinaus. Er arbeitete mit Stars wie The Band oder Paul McCartney zusammen.
Als die Musik in den Achtzigern zunehmend elektronisch produziert wurde, begann sein Stern zu sinken. Er veröffentlichte einige seltsame Light-Jazz- und Easy-Listening-Alben. In den Neunzigern begann dank HipHop und Rare Groove eine neue Generation auf ihn aufmerksam zu werden. Als Hurrikan „Katrina“ im August 2005 sein Haus und sein Studio zerstörte, ging er nach New York und begann etwas zu tun, was er zuvor vernachlässigt hatte: touren und live auftreten.
2006 kehrte er nach New Orleans zurück. „The River In Reverse“, seine Kollaboration mit Elvis Costello, war das erste in der Stadt produzierte Album nach den schweren Zerstörungen. 2013 erhielt Toussaint die National Medal of Arts, die höchste staatliche Auszeichnung für Künstler in den USA. Laudator war Barack Obama.
Am Montagabend erlitt Allen Toussaint nach einem Konzert in Madrid in seinem Hotelzimmer einen Herzstillstand. Er konnte noch wiederbelebt werden, starb dann aber in den frühen Morgenstunden des 10. November im Krankenhaus.

Fortsetzung in der taz.



Im Auge der Musik
NEW ORLEANS Die von Hurrikan "Katrina" zerstörte Stadt und ihr Architekt des Funk, Allen Toussain
von Detlef Diederichsen (2009)

Nichts symbolisiert die Lebenszugewandtheit der Stadt New Orleans so deutlich wie ihre Begräbniszüge: Unter Trauergesängen, Wehklagen und getragenen Bluesklängen wird der Verstorbene zur letzten Ruhestätte geleitet. Ist er aber erst mal unter der Erde, sind die Reden gehalten, setzen unvermittelt fröhlichste Partysounds ein. Der Tote ist nun an einem besseren Ort, hienieden geht das Leben weiter. Doppelte Freude.
Gelegen in tödlicher Umklammerung durch mehrere potenziell letale Gewässer - den Golf von Mexiko, den Lake Pontchartrain, den Mississippi und ein unkartografierbares Gewirr von Sümpfen -, brauchte New Orleans schon immer eine exzeptionell zähe und lebenshungrige Bevölkerung, um überhaupt seine Existenz sichern zu können. Die unter dem Meeresspiegel gelegene Stadt befand sich quasi zeit ihrer Existenz in einem permanenten Krieg gegen die Naturgewalten.


In seiner Existenz bedrohtes Biotop

Louisiana ist der ärmste Bundesstaat der USA und wird mitunter als Übergang zur weiter südlich beginnenden "dritten Welt" interpretiert. New Orleans mag die bekannteste Stadt innerhalb dieses Staats gewesen sein, Hauptstadtehren wurden ihr nicht zuteil. So blieb ihr der Ruhm als Zentrum eines künstlerischen Projektionsortes - der wilde Süden -, ohne den weder etwa die fiebrig-quälerische Prosa eines William Faulkner noch die sehnsüchtig-nostalgische Musik von The Band denkbar wären - und eine einzigartige Musikszene, die über ein Jahrhundert lang dem Rest der USA entscheidende Impulse geben konnte. Man könnte vielleicht sogar sagen: Mit Jazz, R & B und Funk entstand hier die Musik der Vereinigten Staaten.
Dieses Biotop ist jetzt in seiner Existenz bedroht. Hurrikan "Katrina" hat die Stadt 2005 so nachhaltig in die Knie gezwungen, dass sich Besuchern der Stadt heute der Schluss aufdrängt: Das war's. In Zeiten immer heftigerer und häufigerer Tropenstürme ist eine Großstadt unter dem Meeresspiegel nicht mehr zu halten.
Die wenig vertrauenerweckend aussehenden neuen Deiche scheinen kaum in der Lage zu sein, es mit "Katrinas" Töchtern aufzunehmen. Vom Geld für den Wiederaufbau profitierten vor allem die besseren Viertel - die schlechteren waren aber auch so gründlich zerstört, dass es nichts mehr wiederaufzubauen gab. Die besseren Gegenden sind nun aber von der Finanzkrise heimgesucht, so dass es dort auch etliche leer stehende und nicht zu Ende gebaute Anwesen gibt. Das höher gelegene und von "Katrina" weitgehend verschonte legendäre French Quarter ist heute ein Fremdkörper in dieser Wüste der Depression und schafft es allein auch nicht mehr, die Touristenscharen in die Stadt zu locken, die vor "Katrina" quasi zum Stadtbild gehörten und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor waren.
Und die Musikszene? Kaum jemand symbolisiert diese besser als Allen Toussaint. In seiner langen Karriere hat der 71-Jährige aber nur ein halbes Dutzend Alben unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Er ist eher ein Mann für die Jobs hinter den Kulissen.
Als Studiomusiker, Songschreiber, Arrangeur und Produzent wurde er zu einem der wichtigsten Architekten des Funk und war auf die eine oder andere Art seit den Fünfzigerjahren an der Hälfte der prägenden Platten aus New Orleans beteiligt. Die Karrieren von Dr. John, Irma Thomas und Lee Dorsey sind ohne seinen Input kaum vorstellbar. Aber auch Weltgrößen der Popmusik wie Paul McCartney, Elvis Costello oder Robert Palmer griffen auf seine vielen Talente zurück.
Nur seine eigenen Platten schienen Toussaint nie so eine Herzensangelegenheit zu sein. Sie klangen eher nach Verlegenheitslösungen, etwa um die Zeit zwischen zwei Auftragsproduktionen zu füllen oder ein paar neue Songs zu demonstrieren. Das mag daran liegen, dass die Gabe zu singen eines der wenigen Talente ist, das ihm nicht gegeben wurde, so dass seine Songs meistens in den Versionen anderer Vokalisten überzeugender klingen. Ein weiterer Grund mag sein, dass er ein eher zurückhaltender, bescheidener Charakter ist und in einer Stadt, wo Konzerte extravagante Spektakel zu sein pflegen, sollten Entertainer extrovertierte Rampensäue sein.
Erst in den letzten Jahren hat sich Toussaints Haltung etwas geändert. Als Klimaflüchtling, der darauf wartet, dass sein von "Katrina" zerstörtes Haus wieder aufgebaut wird, fand er heraus, dass es außerhalb von New Orleans durchaus eine Nachfrage nach ihm als Live-Performer gibt.

Fortsetzung in der taz.

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Playlist

1.  Allen Toussaint / From A Whisper To A Scream
From A Whisper To A Scream / Kent
2.  Allen Toussaint / Either
From A Whisper To A Scream / Kent
3.  Allen Toussaint / Everything I Do Gonna Be Funky
From A Whisper To A Scream / Kent
4.  Allen Toussaint / Cast Your Fate To The Wind
From A Whisper To A Scream / Kent
5.  Dr.John / Right Place Wrong Time
The Dr.John Anthology / Rhino
6.  Mac Rebenack / Storm Warning
The Dr.John Anthology / Rhino
7.  Allen Toussaint / Dear Old Southland
Bright Mississippi / Nonesuch
8.  Allen Toussaint / St.James Infirmary
Bright Mississippi / Nonesuch
9.  The Meters / Mardi Gras Mambo
Fire On The Bayou / Reprise
10.  Aaron Neville / Hercules
Hercules / Rhino
11.  Young MC / I Come Off (Southern Comfort Mix)
I Come Off / WEA
12.  Allen Toussaint / Night People
Motion / Warner
13.  Robert Palmer / Night People
Night People / Island
14.  Lowell George / What Do You Want The Girl To Do
Thanks, I’ll Eat It Here / WEA
15.  Lee Dorsey / Get Out Of My Life Woman
Best Of / Charly
16.  Allen Toussaint / Java
Java / Kent
17.  Allen Toussaint / Egyptian Fantasy
Bright Mississippi / Nonesuch