Konzertkritik: Civil Civic und Camera im Marie Antoinette, Berlin, am 26. Oktober

27.10.2011 von  

CIVIL CIVIC | Flickr | (CC BY-NC-SA 2.0)

Den Weg entlang der Holzmarktstra√üe in Berlin tritt man normalerweise fr√ľh am Morgen an. Scheinbar endlos erstreckt sich das Hauptgeb√§ude der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) entlang der S-Bahn-Trasse. Wurde man dabei erwischt, wie man sein Ticket vergessen oder nicht gel√∂st hat, empfiehlt es sich, m√∂glichst schon vor den √Ėffnungszeiten die BVG Zentrale aufzusuchen, mittags wartet man oft Stunden um seinen Einspruch gegen das erh√∂hte Bef√∂rderungsgeld einlegen zu k√∂nnen. Doch hinter diesem lieblosen Klotz mit dem gelben Corporate Design verbirgt sich eine der sch√∂nsten Locations Berlins. Das Marie Antoinette hat sich unter der S-Bahn-Br√ľcke eingenistet und wirkt zumindest auf den ersten Blick unauff√§llig. Tritt man jedoch durch die T√ľr, findet man sich in einem geschmackvoll ausgeleuchteten und eingerichteten Venue wieder. Die gew√∂lbte Decke schmeichelt durch ihre Weichheit und die Diskokugel, die dem Raum ihre Lichtp√ľnktchen anheftet, setzt einen romantisch-verspielten Akzent. Mit viel Liebe wird hier vorbereitet, an der Bar bedient, ein entspannter Umgang mit Band und Publikum gepflegt ‚Äď man kennt sich und doch ist jeder Unbekannte willkommen.

Es kommt selten genug vor, dass die Vorband in Konzertberichten eine Erw√§hnung findet. Am Mittwochabend war es aber vor allem die Supportband Camera aus Berlin, die mit ihrem sph√§rischen Krautrock √ľberzeugt hat. Mit einem hingebungsvollen Schlagzeuger in ihrer Mitte, maltr√§tierte das Trio ihre Instrumente und schuf so eine Klangatmosph√§re, die das Publikum hypnotisiert zur√ľcklie√ü. Die Gesichter zur B√ľhne gewendet, starrten viele Zuh√∂rer wie durch die Band hindurch, verloren sich in ihren Gedanken, lie√üen sich von der Musik tragen und nur schwer wieder in das Hier und Jetzt zur√ľckholen. Die Songs von Camera sind wie ein Mantra aufgezogen, Repetitionen untermauern die Melodien, und machen es schwer, sich der Band zu entziehen. Stellt man sich vor, dass die Band zuweilen auch mit S√§nger auftritt, ist es nur ein kleiner Schritt zu einem Vergleich mit Can.

Das australische Duo Civil Civic hatte seinen gesamten Auftritt √ľber mit Tonproblemen zu k√§mpfen. Bassist Ben Green bekam aus den Lautsprechern neben ihm nur den Ton von Gitarrist Aaron Cupples zu h√∂ren und musste fast nach jedem Song darauf hinweisen. Auch konnte man ihm ansehen, dass er sich nur schwer auf den Auftritt konzentrieren konnte. Obwohl die Stimmung zwischen den beiden entspannt und gel√∂st war, schien der Ton beide gleicherma√üen zu st√∂ren. Die Gitarre h√§tte etwas weniger Spitzen im Ton vertragen k√∂nnen, √ľbersteuerte teilweise und der Bass waberte mit einem unangenehmen Hintergrunddr√∂hnen durch den Raum. Vielleicht sind das akustische Abstriche, die man bei dieser Raumstruktur machen muss. Leider litt das Konzert von Civil Civic sehr darunter. Nur die H√§lfte der Location war gef√ľllt und direkt vor der B√ľhne war die Soundqualit√§t kaum auszuhalten.

Die Tonprobleme waren vermutlich der Hauptgrund daf√ľr, dass Civil Civic vergleichsweise kurz gespielt haben. Zumindest kann man sich tr√∂sten: Civil Civic sollte man live nochmal eine Chance geben. Der Ton macht die Musik.