Camera – „Emotional Detox“ (Rezension)

Cover von Camera – „Emotional Detox“ (Bureau B)

Camera – „Emotional Detox“ (Bureau B)

7,0

Das Etikett „Krautrock-Guerillas“ bekam die Band Camera 2012, als sie sich noch durch Tunnel und U-Bahn-Stationen in Berlin spielten. Mit Schlagzeug, Keyboard und E-Gitarre erfreuten sie das zufällige Straßenpublikum mit ihrer sphärisch-treibenden Musik. So erarbeitete sich das Trio nicht nur das Wohlwollen der BerlinerInnen, sondern auch das des Hamburger Indie-Labels Bureau B, bei dem im selben Jahr das Debütalbum „Radiate!“ erschien. Danach wechselten die Besetzungen, Camera agierten als Duo und als Trio, heute sind sie zu fünft – mit gleich zwei Keyboardern aus unterschiedlichen Camera-Konstellationen.

Camera liefern Instrumentalsongs, in denen sich Synthesizermelodien mit verzerrten Gitarrenlinien auf dem Fundament eines treibenden Schlagzeugs zu breiten Klanggebäuden auftürmen. Während sich auf „Radiate!“ (2012) die Instrumente noch vergleichsweise pur zeigten, gab sich „Remember I Was Carbon Dioxide“ (2014) mit leisen Anleihen an Noise und Industrial und einem tieferen Griff in die Effektekiste sperriger und kantiger. „Phantom Of Liberty“ (2017) blieb den Effekten treu, klang aber insgesamt verspielter.

Volle Synthie-Breitseite

Während auf dem Debüt Synthieteppiche und verzerrte Gitarren noch auf Augenhöhe umeinanderkreisten, nahm das elektronische Gewicht mit jeder Platte ein wenig zu. Die Keyboard-Doppelbesetzung ist auf „Emotional Detox“ unüberhörbar. Der Opener „Gizmo“ macht sofort deutlich, wo es langgeht, und packt spacige Synthesizer aus, die als Rhythmus- und Melodieinstrumente dominieren. Die Gitarre darf zwischendurch hineinflüstern und zumindest im letzten Drittel auch kurz etwas lauter kreischen. Camera sind synthetischer geworden. Sie malen weiter mit den Farben der weiten Krautrockpalette, aber inzwischen bilden 80er-Jahre-Synthiesounds die unumstößliche und raumgreifende Grundlage ihrer Klanglandschaften.

Das hört sich zuweilen freundlich und zuweilen dystopisch an. Das Sperrige und Scharfkantige der vorherigen Alben zeigt sich nicht mehr so offen. Allzu spitze Ecken werden durch die Synthiedominanz weichgezeichnet, selbst wenn die Gitarre mit Verzerrung und Feedback operiert. Auch das Schlagzeug muss sich über manche Strecke den elektronischen Klangflächen soweit beugen, dass es dann ebenso gut ein Drumcomputer hätte sein können. Das, was in der Vergangenheit ein muskelmechanisch-treibender Beat war, wird so nun manchmal ein wenig monoton. Der Sound erscheint so etwas gefälliger und geschliffener, ohne jedoch poppig zu sein, denn an Komplexität und experimentellem Gestus mangelt es den Liedern nicht. Vom knackig-treibenden Zweieinhalbminüter („Super 8“) bis zum sich sukzessive aufblähenden Synthie-Overkill-Zwölfminüter („Patrouille“) ist alles vertreten.

Mit „Emotional Detox“ kurven wir durchs Weltall, sehen leuchtende Galaxien, in denen auch immer wieder Ungemütliches und Unheimliches aufschimmert. Bevor wir aber genauer hinsehen, sind wir schon ein paar Lichtjahre weiter auf unserem Flug und bleiben in unserem sicheren Traumschiff. Die Betonung des Synthetischen birgt zuweilen die Gefahr, etwas zu dick aufzutragen. Ein schmaler Grad – der aber durchaus Spaß macht, wenn man die dreckigen Berliner U-Bahn-Tunnel vergisst und sich auf die pompösere Attitüde einlässt.

Veröffentlichung: 16. November 2018
Label: Bureau B

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