Neue Platten: I Break Horses – „Hearts“

Von kathy

(Bella Union/Cooperative Music)

6,0

Letzte Woche wurde hier mit Veronica Falls noch der Herbst beschworen und musikalisch zelebriert, heute gibt es entsprechend der sinkenden Temperaturen da draußen den ersten Winterhit: passenderweise „Winter Beats” betitelt. Er kommt vom schwedischen Duo I Break Horses und ist der erste Song ihres Debütalbums „Hearts“. I Break Horses, so hieß ein Song von Bill Callahan, den er noch unter dem Namen Smog geschrieben hat: „I break horses / They seem to come to me / Asking to be broken“ singt er da. Ob Maria Lindén und Fredrik Balck, die hinter I Break Horses stecken, sich nach dem Song benannt haben, bleibt ungewiss. Sicher ist nur, dass ihre Songs zerbrechlich klingen, so wie das bereits genannte Stück „Winter Beats“.

Interessant ist die Arbeitsweise der beiden Schweden. Balck schreibt die Texte und Lindén vertont diese Texte im Anschluss. Der Gesang ist dabei häufig undeutlich und nur entfernt zu hören, ein verdecktes Rauschen, die Musik steht doch sehr im Vordergrund. Drei Jahre schrieben die beiden an den neun Songs.

„Winter Beat“ baut sich langsam auf und lädt den Hörer zum Abheben ein. Ein Synthesizer, der ihn wie auf einer Wolke davon trägt. In der Mitte pausiert er kurz, um dann zu explodieren. Dabei entsteht ein rauschhafter Sog, der gegen Ende des Songs in einer Soundwand kulminiert. Der zweite Song „Hearts“ trägt diese Stimmung weiter, es rauscht weiterhin und dazu erklingt der sirenenhafte Gesang von Maria Lindén. So wabert es bis mit „Wired“ der erste Song ohne Synthies beginnt und eine angenehme Ernüchterung darstellt. Ein wunderbar konstruierter Song, der ganz in die Fußstapfen von The Jesus And Mary Chain oder My Bloody Valentine, Lindéns Helden, wandert und zum Ende hin den Hörer aus der kurzen Phase der Ruhe reißt und wieder mit auf den Wolkenritt nimmt. Zu „I Kill Love, Baby!“ lässt sich prima auf der Wolke einschlafen und meditieren. Bei „Pulse“ klicke ich verwirrt wieder auf Anfang und höre nochmal genau hin: Ist das nicht die Stimme von Kazu Makino, ihrerseits Sängerin der amerikanischen Band Blonde Redhead? Nein, Lindén klingt nur wie ihre Schwester. Spätestens beim Song „Cancer“ hat man das Prinzip „I Break Horses“ verstanden: Zu atmosphärischem Sound hallt und rauscht Lindéns Gesang engelsgleich, Worte sind bedeutungslos, es geht um das Soundkonstrukt. Das wirkt teilweise ein wenig ermüdend und redundant, doch „Load Your Eyes“ stellt eine willkommene Abwechslung auf der Soundwolke dar. Lindéns Coolness kommt hier mehr zum Tragen, wenn der Sound sich etwas zurückhalt. Bei „Empty Bottles“ wird der Hörer auch noch einmal aus seiner Herbstmüdigkeit gerissen, die Bassdrum stimuliert das Herz und den Puls. „No Way Outro“ schubst den Hörer mit einer riesigen Soundschleuder hinab von der Wolke, zurück auf den Boden der Tatsachen. Zurück bleiben ein kleiner Schwindel vor lauter Rauschen und die alte Binsenweisheit, dass manchmal weniger doch mehr sein kann.

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