Curtis Mayfield – „Curtis“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Curtis“ von Curtis Mayfield, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Curtis Mayfield – „Curtis“ (Curtom Records)

Da zum Jahresende traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2020 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Curtis“ von Curtis Mayfield, das 50 Jahre alt geworden ist.

Wenige Millisekunden, nachdem die Plattennadel das Vinyl zum ersten Mal berührt, ertönt die gemeinste Bassline der Welt. Darüber sprechen Menschen. Sie reden über die Bibel, das „gute Buch“. Weit entfernt trommelt jemand auf einer Conga um sein Leben. Und dann erklingt die Stimme. Curtis Mayfields Organ singt fast immer im Falsett, in einer paradoxerweise hochgradig angespannten und doch butterweichen Kopfstimme. Doch hier im Song „(Don‘t Worry) If There Is A Hell Below, We‘re All Going To Go“ klingt sie tief und autoritär. Sie spricht ein betont diverses Publikum an. Ihre Botschaft: Habt keine Angst. Denn wenn es eine Hölle gibt, dann gehen wir alle zusammen dahin. Vorhang auf für „Curtis“, das Debütalbum des US-amerikanischen Funk- und Soul-Visionärs, das 2020 ein halbes Jahrhundert alt wurde.

Zusammen in der Hölle

Curtis Mayfield wusste, wovon er da sprach. In den 60er-Jahren war der 1942 im von Rassismus geprägten Südstaat Georgia geborene Sänger eine entscheidende Figur der Bürgerrechtsbewegung. Damals war er noch Teil der Soul-Band The Impressions. Mayfield war nicht nur einer der drei Lead-Sänger, er schrieb und produzierte auch Songs. Unter anderem ein Stück namens „People Get Ready“, das von Martin Luther King zur inoffiziellen Hymne der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung ernannt wurde. Seine Worte wurden auf Märschen und Demonstrationen gesungen, denen sich Mayfield auch anschloss. Von da an genügte es ihm nicht mehr, anschmiegsamen Chicago-Soul zu singen – einer der ersten gesellschafts- und sozialkritischen Soul-Songwriter war geboren.

1970 verließ Mayfield The Impressions, um eine Solokarriere zu starten. Im September desselben Jahres erschien „Curtis“, auf dem seine kritischen Texte auf die womöglich visionärste R&B-Musik ihrer Zeit trafen. „Curtis“ beginnt mit der eingangs beschriebenen Funk-Apokalypse. „The Other Side Of Town“, das daran anschließt, ist psychedelischer Soul an der Grenze zum Barock-Pop, gefüllt mit Harfen und Cembali. Mayfields Stimme ist mittlerweile ins Falsett zurückgekehrt und verschmilzt mit der himmlischen Musik – durch die aber immer ein bisschen Seltsamkeit geistert. Schräge Bläsereinsätze, ein Gitarrenakkord, der wie ein Fehler klingt, sich aber nicht falsch anfühlt.

Funk-Apokalypse, Soul-Politik

„We The People Who Are Darker Than Blue“ beginnt im gleichen verträumten Psych-Soul-Modus, nur um zur Mitte zu hyperperkussivem Funk zu mutieren. Auch im Text prallen Gegensätze aufeinander. Im Songtitel zitiert Mayfield den ersten Satz der US-amerikanischen Verfassung („We The People“), nur um dann Zeilen wie diese hier zu singen: „Shall we commit our own genocide / Before you check out your mind?“ Hinter den harten Worten verbirgt sich ein Appell zur Hautfarben transzendierenden Verbrüder- und Verschwesterung: „I know we’ve all got problems / That’s why I’m here to say / Keep peace with me and I with you / Let me love in my own way.“

Selbst der unnachahmlich poppige Gute-Laune-Hit „Move On Up“ ist politisch: „Take nothing less, than the second best / Do not obey, you must keep your say“, singt Mayfield über sonnige Bläser-Fanfaren. „You can past the test / Just move on up, to a greater day.“ Jahre vor anderen soziopolitischen R&B-Meilensteinen wie Sly And The Family Stones „There‘s A Riot Going On“ oder Marvin Gayes „What‘s Going On“ demonstrierte Mayfield die Sprengkraft von Soul und Funk. Diese mahnende Extase-Musik wühlt auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Veröffentlichung immer noch auf.

Veröffentlichung: September 1970
Label: Curtom Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

3 Kommentare
  1. posted by
    andreas kahl
    Jan 4, 2021 Reply

    Guten Tag,
    wenn es einmal einmal richtig anstrengend wird im Leben. Alles rauf und runter und durcheinander und quer und von oben und von unten: Hör Dir die Songs, die Stimme, den Gesang von Curtis Mayfield an…Er gab so vielen Menschen Kraft. Zur Weihnachtszeit wieder erlebt.

  2. posted by
    Hannes
    Jan 4, 2021 Reply

    „Mighty Mighty (Spade and Whitey)“ von der LP Curtis/Live ist schöne Version: https://www.youtube.com/watch?v=JProQ5aYzFI
    Hier noch eine witzige Coverversion von „stare and stare“ von Mc 900ft Jesus: https://www.youtube.com/watch?v=gKdiY57Pk6M

  3. posted by
    andreas kahl
    Jan 8, 2021 Reply

    Hey Hannes,
    großartiger Tipp.
    MC 900 FT Jesus fand ich auch klasse. Muss ich mal wieder hören. Habe noch die LP. Wusste nicht, dass jesus Curtis da hineininterpretiert wurde, habe es erst später erfahren. Schön. Finde, dass Prince eine Menge Curtis in seinen Songs hat. Auch ein ganz Großer. Fand ich immer besser als M. Jackson. (wie wqar das früher : Stones oder Beatles – heute ist es: sag mir wwas ddu isst und ich sag Dir wer du bist) Trotzdem, beides tragisch….big business. Geld macht alles kaputt.
    Alles Beste im Neuen für Dich.

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