
La Sécurité – „Bingo!“ (Bella Union)
Die Musik von La Sécurité lässt sich mit einem Wort beschreiben: jugendlich. Der sich neugierig in alle Richtungen ausbreitende Post- und Dance-Punk des kanadischen Kollektivs strotzt nur so vor manischer Energie, polyrhthmischen Grooves und ungestümen Gitarren. Doch der Höhepunkt von „Bingo!“, ihrem zweiten Studioalbum, ist dort verortet, wo Jugendlichkeit vermeintlich keinen Platz hat: im Altersheim. Hier wird im Titelsong, nun ja, Bingo gespielt. Sängerin Éliane Viens-Synnott beschreibt dieses Szenario jedoch nicht mit Verbitterung: Es handelt sich hier um ein „geselliges Beisammensein für diejenigen, die noch nicht tot sind“, doch die Betonung liegt auf dem „noch nicht“. Noch sind die Bewohner*innen nicht tot, im Gegenteil, sie sind nur drei Felder vom Sieg entfernt – und ein neues Plüschtier würde ihren Tag jetzt noch perfekt machen.
Entwaffnende Bonmots
Während sich andere Post-Punk-Bands im Weltschmerz suhlen finden La Sécurité Schönheit und Kraft im Profanen. Das Projekt startete Anfang des Jahrzehnts als Zwischending zwischen Supergroup der Montrealer Art-Punk-Szene und Lockdown-Ablenkung, als die Pandemie den musikalischen Underground der Stadt zum Stillstand brachte. Schon auf ihrem Debüt „Stay Safe!“ (2023) gingen feministische Riot-Grrrl-Hymnen mit Songs über das Warten auf den verspätet zur Probe erscheinenden Schlagzeuger Hand in Hand. Auf „Bingo!“ nimmt ihre Alltagspoesie noch weiter an Fahrt auf: Wenn La Sécurité nicht über feministische Autonomie singen („Princesse“, „Trixie“), verwandeln sie Stau-Umleitungen („Detour“), wortwörtlichen Hunger im Sinne von Appetit („Snack City“) und nervigen Small-Talk („Ketchup“) in lebensbejahende Zappel-Musik.
Das Fundament dafür sind aber nicht nur Viens-Synnotts oftmals improvisierte, in ihrer Spontaneität entwaffnenden Bonmots (so heißt es in „Snack City“: „Creamy dancer / Shit romancer, do your best“), sondern die schiere Musikalität dieser fünf Künstler*innen. Im Herzen pumpt stets der verzerrte, in der Tradition von Death From Above 1979 parallel aus den Boxen oszillierende Bass von Félix Bélisle. Gemeinsam mit Drummer Kenny Smith tanzt er in frenetischer Polyrhythmik, nur um dann wieder zu den fokussierten Grooves zu switchen, die ESG einst perfektionierten. Und dann sind da noch die eng verknoteten Gitarren von Laurence-Anne Charest Gagné und Melissa Di Menna, die sich mit spürbarer Freude dissonante Noise-Rock-Riffs und catchy Hooks hin- und herwerfen. Viens-Synnotts zwischen Englisch und Französisch wechselnder Singsang erinnert häufig an Kathleen Hanna zu Le-Tigre-Zeiten. In der Kombination ergibt das alles eine unangestrengt-verspielte LP, die Hörer*innen für eine Albumlänge von den Lasten des eigenen Alltags entbindet.
Veröffentlichung: 12. Juni 2026
Label: Bella Union
