Erregung Öffentlicher Erregung – „EÖE“ (Album der Woche)

Bild des Debütalbums von Erregung Öffentlicher Erregung, das ByteFM Album der Woche ist.

Erregung Öffentlicher Erregung – „EÖE“ (Schlappvogel Records)

Erregung ist ein tolles Wort. So toll, dass Erregung Öffentlicher Erregung es gleich zweimal in ihrem Bandnamen platziert haben. Der Volksmund setzt dieses Wort gerne mit sinnlicher Leidenschaft oder Aufregung gleich. Doch das zwischen Berlin und Hamburg pendelnde Quintett scheint sich eher auf die pure medizinische Definition zu berufen: Sie beschreibt eine „Art seelischer Hochspannung“.

Diese seelische Hochspannung hat die Band bisher auf zwei EPs kanalisiert: „Sonnenuntergang über den Ruinen von Klatsch“ (2017) und „TNG“ (2018) waren perfekt fokussierte Kurztrips in die exzentrische Avant-Pop-Welt der deutschen 70er- und 80er-Jahre. Und das ohne regressive Retromanie: Die fünf Musiker*innen brachten das mittlerweile eigentlich schon lange erschlossene Spannungsfeld zwischen Krautrock und NDW wieder zum Schwingen. Ihre Musik klang alt und neu zugleich.

Eine Stunde seelische Hochspannung

Für ihr nun erscheinendes Debütalbum haben sie sich ein bisschen mehr vorgenommen. „EÖE“ ist ein vergleichsweise massives Werk: 20 Songs, 56 Minuten. Vorbei ist die Zeit des fokussierten Kurztrips, stattdessen bieten Erregung Öffentlicher Erregung Exzess. Schwurbelige Skits und Instrumentals laden zum Abdriften ein. Ein dystopischer Disco-Downer darf sich über fünf Minuten erstrecken. Jeder Song atmet.

Was der LP an Fokus fehlt, macht die Band mit purem Handwerk wett. „EÖE“ ist ein wahrlich mehrdimensionales Album. Die 20 Songs haben und nehmen sich Raum: Die Rhythmusgruppe aus Michael Schmid und Laurens Bauer scheint gleichzeitig zu treiben und zu schweben. Gitarrist Michael Hager schüttelt pro Song gefühlt siebzehn Hooklines aus dem Ärmel, immer wieder aus unerwarteten Richtungen. Philipp Tögel lässt seine Synthesizer und anderen Tasteninstrumenten oft abstrakt im Hintergrund herumflimmern, nur um plötzlich in den Mittelpunkt zu rücken.

Der Hauptmotor von EÖE ist und bleibt aber immer noch Sängerin Anja Kasten. Ihre vergiftete Lakonie kann sich auf der Länge dieses Albums voll ausbreiten. Mal singt sie Zeilen wie „Bist Du immer noch allein? / Bist Du immer noch so klein?“ entrückt und distanziert, lässt dabei das Gewicht der Worte für sich sprechen. Mal presst sie ihre Silben aus zusammengeknirschten Zahnreihen. In ihren Texten verschwimmen die Grenzen zwischen Alltag und Poesie: „Einst waren wir süß / Nun sind wir bitter / Doch naschen tun wir immer noch“, singt sie in „Kacke in der Jacke“. Da ist sie wieder, die seelische Hochspannung.

Veröffentlichung: 4. September 2020
Label: Schlappvogel Records

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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