Kokoko! – „Butu“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 8. Juli 2024

Cover des Albums „Butu“ von Kokoko!, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Kokoko! – „Butu“ (Transgressive Records)

Laut einer offiziellen Volkszählung wohnten 1984 etwa zwei Millionen Menschen in Kinshasa. Heute, 40 Jahre später, wird die Bevölkerung auf etwa 17 Millionen geschätzt. Die kongolesische Hauptstadt ist die am dichtesten besiedelte Stadt Afrikas – und eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt. Eine überaus komplexe Stadt, geplagt von Korruption und autokratischer Gewalt gegen Dissident*innen. Und auch eines der aufregendsten kulturellen Zentren dieser Welt. Das Nachtleben Kinshasas ist genauso chaotisch wie elektrisierend. Regimekritischen Künstler*innen drohen Gefängnisstrafen, weswegen die Straßenmusiker*innen ihre Wut mit wortlosen Performances ausdrücken müssen. Kinshasa nach Sonnenuntergang ist ein überwältigender Wirbel aus Musik, dem rhythmischen Werbegeschrei von Straßenhändler*innen und dem hemmungslosen Rauschen dieser Megacity.

Die Wut und Lebendigkeit Kinshasas wollten Kokoko! auf ihrem neuen Album „Butu“ festhalten. Es beginnt mit Sirenen, Motoren und anderen Straßengeräuschen, die sich nach und nach in einen knarzenden und kreischenden Rhythmus verwandeln. Die offizielle Landessprache der Demokratischen Republik Kongo ist Französisch, doch Sänger Makara Bianko shoutet seine Zeilen in einer der anderen Landessprachen: Lingala. Dann kickt plötzlich der heavy Bass-Synthesizer vom französischen Produzent Xavier Thomas, gemeinsam mit dem polyrhythmischen Percussion-Dickicht, das schon das 2019er Kokoko! Debüt „Fongola“ auszeichnete.

Die Euphorie und Wut Kinshasas

Wie schon damals spielt die Band (neben den Synths) selbstgebastelte Instrumente, aus Flaschen, Keramikvasen, Plastikcontainern und alten Motoren. Selbst Gitarre und Bass wurden von den Instrumentalisten selbst konstruiert. Was aus einer Notwendigkeit begann („herkömmliche“ Instrumente sind in Kinshasa extrem teuer), ist mittlerweile der charakteristische, rebellische Sound dieser Band geworden. Ein überwältigendes Knarzen, Rascheln und Klackern. Über das Bianko seine konfrontativen Zeilen shoutet. „Bazo Banga“ ist eine von ihnen, eigentlich ein kongolesischer Fußball-Chant, der auf „Butu“ zu einem Angriff auf Poltiker wird, die das Volk unterdrücken: „Sie haben Angst.“

War „Fongola“ noch von einer fünfköpfigen Band aufgenommen, wurde der Nachfolger pandemiebedingt von Bianko und Thomas als Duo konzipiert. Der Sound ist energetischer, pulsierender geworden: Thomas’ Synths ballern kräftiger, während die teils elektronischen, teils wie gewohnt auf improvisierten Instrumenten getrommelten Beats öfter in Richtung Dance ausschlagen, wie im Kwaito-House-Hybriden „Mokili“. In „Kidoka“ mischen sich 808-Drums mit dicht geschichteten Analog-Percussions – mit schwindelerregenden Ergebnissen. Auf „Bazo Banga“ klingen Kokoko! so unmittelbar nach Punk wie nie zuvor, noch mehr betont durch den kräftigen E-Bass. „Butu“, übrigens Lingala für „Nacht“, ist ein stetiger Tanz zwischen Euphorie und Wut – so komplex und lebendig wie die Stadt, die dieses Album inspirierte.

Veröffentlichung: 5. Juli 2024
Label: Transgressive Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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