Familienfest mit Musik – das Orange Blossom Special

CurtomPhilipp J. Bösel

Wenn der Westfale „Hömma!“ sagt, dann kann es durchaus sein, dass er rein gar nichts mitteilen möchte. Dem „Gell“ oder „Näch“ ähnlich, verleiht er auf diese Weise seinen kurzen Sätzen ein wenig bodenständigen Glamour. Meistens allerdings bittet er mit „Hömma!“ darum zuzuhören. Das Motto für das diesjährige Orange Blossom hätte daher nicht besser gewählt sein können.

Statt hundertfünfzig Bands auf zwanzig Bühnen, bekommt man hier über drei Tage lediglich rund zwanzig Künstler geboten: praktisch alle auf derselben Bühne. Es wird gehört, was auf den Tisch kommt und das ist gut so: Hömma, Auswahl is nich! Die Labelpaten Rembert und Reinhard sind mit viel Herzblut bei der Sache und moderieren jeden ihrer Gäste an wie frisch verliebt: “Wir kennen da diese hammergeile Band und die sollt ihr jetzt unbedingt auch kennenlernen.” Richtig große Namen tauchen beim Orange Blossom nämlich eher selten auf.

Wer außer Insidern kennt schon Alamo Race Track? Mit den Niederländern wurde das Festival am Freitag um halb sechs offiziell eröffnet. Dem Vernehmen nach sollen sie mit ihrem Kammer-Folk genauso überzeugt haben, wie der melancholische Schwede Christian Kjellvander. Der ByteFM-Festivalbeobachter stand da noch auf der Autobahn und hörte stattdessen aufmerksam dem Sprecher des Verkehrsfunks zu.

Später am Abend in das Set der Moon Invaders hineingestolpert, wurde schnell klar, dass es hier nicht nur rootige Gitarrenmusik auf die Ohren gibt. Die Mischung aus Ska, Rocksteady und Soul kam beim Publikum sehr gut an. Stammgäste – von denen es reichlich gibt – sind an derartige Ausflüge außerhalb der Label-Linie auch schon gewöhnt.

Stichwort Ausflüge: Besonders Hartgesottene lassen ihre Abende auf den Aftershow-Parties im berüchtigten Stadtkrug ausklingen. Dazu muss man vom Festivalgelände, dem kleinen Garten des Glitterhouse-Hauses, einen Fußmarsch von rund zehn bis fünfzehn Minuten meistern – hin geht es meistens schneller als zurück. Früh ankommen lohnt sich. Denn auch wenn es sich beizeiten so anfühlt: Die knapp zweitausend Festivalbesucher passen nicht alle in die kleine Dorfkneipe hinein. Wer es schafft reinzukommen, kann bis zum Morgengrauen den Plattenlegern des Stag-O-Lee-Shakedown-DJ-Teams zuhören oder auf seinen 50cm² tanzen.

Stag-O-Lee ist ein Glitterhouse-Sublabel, spezialisiert auf Rhythm & Blues sowie allerlei Soul und Garage mit Sechziger-Einschlag: der perfekte Heimathafen für die Fuzztones, dem ersten Highlight des Sonnabends. Die Legenden des Garagenrock spielten ihr Programm mit einer beeindruckenden Coolness – und das trotz fortgeschrittenem Alter, brennender Sonne und schwarzem Outfit.

Einen bemüht-coolen Auftritt legten die jungen Schweizer Navel hin. Vielleicht muss man cool wirken wollen, wenn man eine Art Cockrock-Grunge spielt. Im Wesentlichen betrachtet – also die Songs betreffend – waren die Jungs aber eine echt gute Überraschung; sogar eine doppelte Überraschung, wenn man bedenkt, dass Navel kurzfristig für die Band Kill It Kid eingesprungen waren.

Immanu El aus Schweden entließen uns am Sonnabend mit spährischem Postrock in die Nacht. Untermalt wurden ihre Lieder stimmig mit Bildern einer Seefahrt. „Das Herz wird uns aufgehen“, hatten die Festivalmacher bereits im Vorfeld prophezeit. Sollte es nach dem Konzert noch nicht offen genug gewesen sein, dann gab ihm die rührende Abmoderation von Glitterhouse-Urgestein Rembert den Rest. Er ließ die versammelte Gemeinde wissen, dass er seiner Freundin nach „18 Jahren wilder Ehe“ gerade einen Heiratsantrag gemacht hatte – erfolgreich.

So etwas würde bei anderen Festivals nicht unbedingt interessieren. Das Orange Blossom ist aber eine sehr familiäre Veranstaltung. Neben jahrelangen Anhängern aus allen Landesteilen, steht auch die Nachbarschaft im Publikum: Kinder und Grauhaarige inklusive. Beverungen ist zwar offiziell eine Stadt, könnte allerdings als groß gewachsenes Dorf durchgehen. Man kennt sich also.

Neu in der Familie Glitterhouse ist Nive Nielsen. Im April hat sie dort ihr Album „Nive Sings“ veröffentlicht. Völlig gerechtfertigt bei den Independent Music Awards ausgezeichnet, wusste sie am Sonntag mit originellem Folk zu überzeugen. Nive ist übrigens Grönländerin und spielt Ukulele. Jede Wette, dass wir von ihr noch viel mehr hören werden.

Die Gruppe Spain ist ebenfalls ein neues Pferd im Stall. Als richtige Newcomer gehen die zwar nicht mehr durch, wohl aber als heimlicher Hit des Festivals. Im Mindesten stellte ihr Konzert einen gelungenen Abschluß zu drei Tagen Zelturlaub an der Weser dar: Mit warmer, meist ruhiger Gitarrenmusik wurde man sanft nach Hause geschickt. Geblieben ist, neben der neuen Vokabel „Hömma“ und einem anständigen Sonnenbrand, vor allem die Überzeugung, dass man da im nächsten Jahr unbedingt wieder hin muss.

Am Samstag folg ab 14 Uhr im Weichspüler eine ausgiebige Sondersendung zum Orange Blossom Special.

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    philipp j. bösel
    Jul 31, 2012 Reply

    Weitere Photos von dem Beitrag sind hier zusehen:

    http://www.musicphotos.de/obs_16_wdr/
    (photo © philipp j. bösel)

    Der Film in der Mediathek:

    http://www.wdr.de/tv/rockpalast/extra/videos/2012/0525/orange_blossom_special.jsp?offsetwert=528&autoplaywert=true

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