„Ich hatte Bock auf primitive Musik“ – Jochen Distelmeyer bei Freitag.de

Jochen Distelmeyer hat zwei Jahre nach der Bandauflösung von Blumfeld nun ein Soloalbum produziert: „Heavy“. Und das klingt erstaunlich rockig. Was treibt den Sänger an?

Es ist gar nicht so einfach, Jochen Distelmeyer auf den Zahn zu fühlen. Stets höflich, etwas steif und dezent reserviert, sehr norddeutsch eben, spricht er langsam, mit länglichen Denkpausen, damit die verschachtelten Sätze auch ihren semantisch korrekten Abschluss finden. Den Seitenscheitel, den er seit Jahren trägt, das weiße Hemd, über das sonst ein Pullunder gezogen ist, signalisieren einerseits, da sind einem Moden egal, da bleibt sich einer treu. Andererseits wirken sie aber auch wie eine Rüstung, hinter der sich Distelmeyer verstecken kann, bei Bedarf süffisant grinsend.

Der Freitag: Herr Distelmeyer, Ihr erstes Solo-Album heißt nicht nur „Heavy“, sondern ist, verglichen mit den letzten Veröffentlichungen ihrer ehemaligen Band Blumfeld, ziemlich rockig geraten.

Jochen Distelmeyer: Ich hatte Bock auf primitive Musik für primitive Verhältnisse. Ich hatte gedacht, zu einer Spielart von Rock vordringen zu können, die einem schamanistischen Gehalt von Vor-Rock entspricht. Eine Qualität, die Popmusik durch einen Grad von Eruiertheit und Können zeitgenössischer Musiker verloren gegangen ist. Auch weil der Glaube daran, vielleicht zu Recht, verloren gegangen ist.

Der Freitag: Jetzt reden wir sogar über Musik. Sonst geht es meist ja nur um Ihre Texte. Haben Sie sich jemals verfolgt gefühlt von dem allgemein grassierenden Wahn der Kritiker, Ihre Texte zu deuten?

Jochen Distelmeyer: Nein, dafür bin ich erstmal dankbar. Verfolgt hab ich mich nie gefühlt. Das heißt doch zunächst, dass meine Texte den Leuten eine Auseinandersetzung wert sind. Ob das jetzt alles richtig ist oder in meinem Sinne, das sei mal dahin gestellt.

Der Freitag: Ist das aber als Musiker nicht frustrierend, wenn in der Rezeption die Beschäftigung mit der Musik selbst eine völlig untergeordnete Rolle spielt?

Jochen Distelmeyer: Ja, stimmt, das ist wahr. Aber die Gigs, die Blumfeld außerhalb des deutschsprachigen Raums gemacht haben, die haben mich geimpft. In Europa, den USA oder Südamerika haben die Leute nicht verstanden, was da erzählt wird, aber sie haben es durch die Musikalität genauso geschnallt wie Leute in Hannover oder Regensburg. Und ich sehe mich auch nicht als Autor, sondern als Musiker, als Songwriter, Gitarrist und Sänger.

Der Freitag: Trotzdem sind Sie wahrscheinlich der am intensivsten analysierte und interpretierte Songschreiber deutscher Sprache der letzten Jahrzehnte. Da haben sich ganze Heerscharen an Kritikern angearbeitet…

Jochen Distelmeyer: Das ist mir gar nicht bewusst. Ich hab mir einfach Mühe gegeben. Ich hab mich immer als Sänger gesehen, der seine eigenen Sachen schreiben muss. Und die sollten halt gut sein.

Der Freitag:
Haben Sie jemals heimlich gelacht über die Textexegeten?

Jochen Distelmeyer: Nein. Ich sehe mich zwar schon eher als Sänger. Aber es nützt ja auch nichts, wenn ich mich beschwere, dass der musikalische Gehalt nicht in dem Maße gewürdigt wird. Dafür wird das anerkannt, was mir auch wichtig ist. Und ich bin schon stolz darauf, dass mir meine Texte hin und wieder so gelungen sind, dass sie immer noch spielbar sind.

Zum vollständigen Interview von Thomas Winkler geht es hier.

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    25.09.: Spionage im Bademantel : ByteFM Magazin
    Sep 25, 2009 Reply

    […] auch ihren semantisch korrekten Abschluss finden.“ Zuvor hatte Winkler für den Freitag (auch hier) ein Interview mit Distelmeyer geführt und mit einer Beschreibung des ehemaligen Blumfeld-Sängers […]

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