Girlpool – „Before The World Was Big“ (Rezension)

Cover des Albums „Before The World Was Big“ von Girlpool

Girlpool – „Before The World Was Big“ (Wichita)

8,0

Nach ihrem Erstlingswerk „Girlpool“, einer immerhin sieben Tracks starken EP, erscheint nun das Debütalbum der kalifornischen Band bestehend aus Cleo Tucker (Gitarre) und Harmony Tividad (Bass).

Mit ihren bisher veröffentlichten Tracks haben Girlpool klargemacht, dass sich die beiden Frauen nicht den Mund verbieten lassen. So im Song „Jane“, der seine Hörer direkt dazu auffordert, es ihnen nachzutun: „You were born for a reason, share all your feelings“. In Riot-Girl-Manier mit klaren Texten über Teenie-Allüren und Gender-Themen, die Tucker und Tividad ohne viel Schnickschnack frei heraus und ungekünstelt singen, verschwenden Girlpool keine Zeit auf unnötiges „Blah Blah Blah“. Durch Reduktion auf Bass, Gitarre und den wiedererkennbaren Gesang im Duett, der mehr geschrien als hübsch gesungen wird, haben Girlpool mit ihren frühen Songs einen wiedererkennbaren Sound geschaffen.

Im Vergleich dazu klingt das erste Album nun überraschend ruhig. Girlpool verzichten auf laute Ansagen zu Beginn des Albums. Stattdessen beginnt der erste Track „Ideal World“ mit der Strophe „I think I found myself today, no one’s noticed – things are okay“. Die Dinge sind okay? Es scheint sich etwas getan zu haben in der Haltung von Girlpool. Der erste Song wendet sich nach Innen, wirkt nachdenklich und gibt den Ton für das gesamte Album vor. Mit „Dear Nora“ geht es ruhig und beschaulich weiter. Melancholische Gitarrenklänge und flüsternder Gesang erzählen von einer vergangenen Mädchen-Freundschaft. Nostalgisch, distanziert und nicht so trotzig, wie man es von Girlpool erwartet hätte. Gerade, als der Eindruck entsteht, die zwei DIY-Punk-Ladys hätten sich auf den Weg des vernunftorientierten Erwachsenwerdens gemacht, geht es in dem Track darum, den Fahrersitz mitten auf dem Highway zu wechseln, um uns daran zu erinnern, mit wem wir es hier zu tun haben. Mit „Before The World Was Big“ werden Cleo und Harmony wieder lauter und sinnieren über die Zeit, in der sie die Nachbarschaft noch in „matching dresses“ unsicher machen konnten.

„Chinatown“ erzählt von einer ersten Liebe: „Thought I liked you, I was busy biting my nails“. Das Stück wirkt dabei nicht trotzig, sondern nostalgisch, so, als wären Girlpool heute in der Lage, mit einer gewissen Distanz über die erste Liebelei zu sprechen. Erinnert man sich an die Zeilen des älteren Tracks „Jane“, in dem diese einem Jungen namens Tommy ihre Faust ins Gesicht haut, weil er zu schnell redet, scheinen sich zwischenmenschliche Beziehungen nun anders abzuspielen. Der Song „Cherry Picking“ spielt, wie der Titel verrät, mit dem Sinnbild des Auswählens und handelt davon, Entscheidungen zu treffen und Veränderungen zu akzeptieren, auch wenn dies nicht leichtfällt, wie die Zeile „I have a hard time staying clean“ verdeutlicht. Auch „Jane“, die eine Verbindung zum älteren Track herstellt, ist groß geworden und nun eine Tänzerin.

Die kurzen Songs wirken wie Momentaufnahmen, Gedankenfetzen oder Tagebucheinträge – ehrlich und intim. Da Tucker und Tividad erst 18 und 19 Jahre alt sind, verwundert das Coming-of-Age-Thema des neuen Albums nicht. Pubertäts-Angelegenheiten und Rebellion um ihrer selbst willen scheinen weitgehend überwunden. Trotzdem und gerade deswegen trällern die beiden „Magnifying Glass“ so, dass es durch Rhythmus und Melodie stark an ein Kinderlied erinnert. In diesem Spiel zwischen Erwachsenwerden und Kindlichkeit liegt eine gewisse Ironie, die Girlpool durch ihre Stücke begleitet. Ein Schwanken zwischen ehrlicher Gefühlsäußerung, der man aber nie durchweg trauen sollte. Auch wenn Girlpool etwas ruhiger geworden sind, darf man sich nicht täuschen lassen: Es gilt, aufzupassen und den Texten zu folgen.

Lässt man sich darauf ein, erschließen sich einem wunderbar detailliert beschriebene Girlpool-Welten, die Erinnerungen wach rufen, zum Grübeln anregen oder zum Schmunzeln bringen. Nach wie vor lassen sich Girlpool nicht so schnell in eine Schublade stecken. Girlpool haben ein vielseitiges Album gemacht, dem man immer wieder neue Einsichten abgewinnen kann. „Before The World Was Big“ ist daher ein sehr spannendes und empfehlenswertes Werk, das nicht zuletzt durch die Schlusszeile „My mind is almost 19 and i’m still feeling angry“ Lust auf mehr macht und zu verstehen gibt, dass Girlpool immer noch einiges zu sagen haben.

Label: Wichita
Veröffentlichung: 2. Juni 2015

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