Claire Rousay – „Sometimes I Feel Like I Have No Friends“ (Rezension)

Bild des Albumcovers von „Sometimes I Feel Like I Have No Friends““ von Claire Rousay.

Claire Rousay – „Sometimes I Feel Like I Have No Friends“ (Self-released)

7,4

Ist das noch Musik oder schon Hörspiel? Diese Frage dürften sich viele stellen, die Claire Rousay zum ersten Mal hören. Die Audio-Künstlerin aus San Antonio, Texas ist bekannt für ihre akustische Feldforschung, deren Ergebnisse sie mit sanfter Ambient-Musik mixt. Ende Dezember hat sie das Album „Sometimes I Feel Like I Have No Friends“ herausgebracht. Auf einem einzelnen Musique-concrète-Track verhandelt sie soziale Bindung und das Gefühl von Einsamkeit.

Am Anfang steht ein Klangteppich aus Straßengeräuschen und weißem Rauschen. Glockenspielartige Töne zeichnen sanft stolpernd eine Melodie ohne erkennbaren Rhythmus. Nach wenigen Minuten fragt Rousay unvermittelt: „How many friends do you have?“ Dem folgt ein Monolog über die Abhängigkeit von Freundschaften und ihre Selbstzweifel, ob sie ihre Freund*innen nur benutzt, um sich besser zu fühlen. Im Hintergrund setzt ein bedrückender Orgelton ein.

Erbarmungsloser Klartext und versöhnliche Streicher

Rousays Reflexionen drohen an einigen Stellen ins Belehrende abzudriften. Das rettet sie, indem sie ihre Hörer*innen nicht nur ins kalte Wasser wirft, sondern gleich selbst hinterherspringt: „What would happen if everyone turned the back on you one day? Am I ready for that?“ Hier gibt es keine klare Unterscheidung zwischen lyrischem Du und Ich.

Versöhnliche Ambient-Streicher leiten über zur zweiten Hälfte des Albums, in dem verschiedene Gesprächsfetzen zu hören sind: ein vertrauter, fröhlicher Dialog im Auto. Eine große Menschenansammlung, in der unverständlich durcheinander geschnackt wird. Vereinzeltes Kinderschreien in Loops. Tiefer gepitchtes Auflachen, versehen mit albtraumartigem Hall. Klackern, das klingt, als würde jemand gegen Gitterstäbe stubsen. Die Erlösung kommt mit tiefen Klavierakkorden, Streichern und sanftem Knistern, das an ein Kaminfeuer erinnert.

Auf dem vorherigen Release „An Afternoon Whine“ dokumentierte Rousay gemeinsam mit More Eaze den Alltag einer engen Freundschaft. „Sometimes I Feel Like I Have No Friends“ scheint die pessimistische Antwort darauf zu sein. Selbst Rousays abschließender Gesang zu Akustikgitarre klingt mit übertriebenem Autotune wie eine Karikatur auf gefühlvolles Songwriting. Auf 28 Minuten gibt Rousay der Angst vor Vereinsamung und dem gleichzeitigen Unwohlsein in Menschenmassen Raum. Erheiternd ist das nicht. Aber auf seltsame Art und Weise tröstend.

Veröffentlichung: 28. Dezember 2021
Label: Self-released

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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