Perfektomat und Der Retrogott – „Zeit hat uns“ (Rezension)

Von Clara Hoffmann, 2. März 2023

Cover des Albums „Zeit hat uns“ von Perfektomat und der Retrogott.

Perfektomat und Der Retrogott – „Zeit hat uns“ (ENTBS)

8,1

Frage: Was passiert, wenn Jazz auf afro-peruanische Rhythmen und HipHop trifft? Antwort: Das Album „Zeit hat uns“ von Perfektomat und Der Retrogott! Bassist Joscha Oetz, Kopf des Kölner Jazz-Fusion-Kollektivs Perfektomat, suchte länger schon nach Möglichkeiten, die Genres Jazz und HipHop zu vereinen. Über Ecken lernte er irgendwann den Kölner Battle-Rapper und Boom-Bapper Kurt Tallert alias Der Retrogott kennen. Dieser hat sich in der vergangenen Jahren vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem DJ Hulk Hodn einen Namen gemacht. Mit Meta-HipHop zwischen Dada und Gesellschaftskritik.

In der Zusammenarbeit zwischen Perfektomat und Retrogott entstand nun ein Album, das mit Landes-, Sprach- und Genregrenzen spielt. Inspiration wurde in Romanen, Lyrik und lateinamerikanischen Traditionstänzen gesucht. Maßgeblich verantwortlich für die experimentierfreudigen Funk-Grooves war die Perkussionistin Laura Robles am Cajón und an den Congas. Dazu gesellen sich die flinken Tastenanschläge des Keyboarders Nils Tegen, die Melodien des Saxofonisten Niels Klein und die melancholisch-psychrockigen Akkorde des Gitarristen Norbert Scholly. Darüber, darunter und dagegen klingt die Stimme von Retrogott.

Dystopie, Utopie oder doch nur Fantasie?

Die bereits im Januar veröffentliche Single „Nationalkulturalismus“ macht deutlich, wofür das Album steht: Ein heiterer Aufbau der ineinandergreifenden Jazz-Instrumentalbesetzung, Bass und Perkussion unterstützen den Beat, bis das Wort einsetzt, um vermeintlich die Spannung aufzulösen. Doch gerade die Texte haben es in sich, bringen sie doch Schärfe ins Spiel. „Die Kultur drückt sich in Sprache aus, oder? / Die Sprache drückt sich auf der Straße aus, oder? / Die Straße artet zum Marathonlauf in einem Warenhaus aus.“

Inhaltlich bewegt sich „Zeit hat uns“ zwischen Kapitalismuskritik, Post-Kolonialismus, den Krisen aus der Corona-Pandemie und Erinnerungskulturen. Stets im Fokus: das Konstrukt Zeit. Der titelgebende Song stammt aus der Feder des Projekt-Initiators Joscha Oetz, der damit sein Debüt als Texter feiert. Tatsächlich ist der Titel einem Zitat aus dem Roman „There, There“ von Tommy Orange entnommen. Darin versucht der todkranke Onkel seinen Neffen zu beruhigen, indem er behauptet, die beiden hätten noch Zeit. Woraufhin der Neffe erwidert: „Nein, die Zeit hat uns.“ Auch Oetz musste von einem nahestehenden Menschen Abschied nehmen und verarbeitete dieses Erlebnis lyrisch in eben jenem Song. Er sieht in der Antwort des Neffen nicht nur eine Ohnmacht des Menschen in einer durch Zeit strukturierten Ordnung, sondern auch eine Einladung zu gelebter Offenheit.

Für Einschaltquoten ist Einfalt geboten

In acht Songs werden auf „Zeit hat uns“ Kapitalismus-Theorien verteufelt, wird das Schweigen einer weißen Gesellschaft über ihre strukturellen Diskriminierungsmechanismen aufgebrochen, vor einem sich neu verbreitenden Neo-Nationalismus gewarnt. Es wird getrauert, es wird gelacht – und sich vor allem über Kapitalisten lustig gemacht. So sprechsingt beispielsweise Der Retrogott im Song „Kapitalistische Verkürzungskritik“: „Für Einschaltquoten ist Einfalt geboten.“ Und prangert damit die marktwirtschaftliche Unterhaltungsfabrik an. Es werden noch weitere Probleme und Baustellen auf dem Album aufgezeigt und als Finale eine Lösung präsentiert: Es braucht einen Helden, der uns als Gesellschaft rettet. Zum Glück, können wir auf den „Superprivatmann“ im letzten Album-Song vertrauen, denn „der Superprivatmann kann, was kein Staat kann […] / Für die Besten das Beste / Seine Spendierhosen passen perfekt zur Sparweste“. Diese Personifizierung von privaten Kapitalinteressen parodiert das Dogma, dass der kapitalistische Markt sich selbst reguliere und Privatwirtschaftsunternehmen im Interesse der Gesellschaft handelten. Ein Unheil wird prophezeit und Der Retrogott und Perfektomat raten uns: Genießt die letzte kostenfreie Zeit, die uns noch bleibt!

Das Album „Zeit hat uns“ von Der Retrogott und Perfektomat ist unterhaltsam, anregend und virtuos. Eine aus „diversesten Zutaten […] flavour-geladene Kreation […], die weit über den Rand des Plattentellers hinüberschaut“, beschreibt der Projektinitiator Joscha Oetz treffend das Album. Jazz und HipHop fusionieren und funktionieren hier. Und das nicht nur auf der Straße, sondern auch auf der Bühne, wie auch das im Lockdown entstandene Konzertvideo mit der siebenköpfigen Besetzung aus dem vergangenen Jahr beweist.

Veröffentlichung: 3. Februar 2023
Label: ENTBS

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Afrobeats und HipHop: „Respect (Mummy’s Boy)“ von Osana AD
    „Respect (Mummy's Boy)“ von dem nigerianisch-britischen Sänger und Rapper Osana AD ist heute unser Track des Tages!...
  • UK-Jazz: Umsturz auf dem Dancefloor
    Junge Acts wie Kokoroko, Ezra Collective oder Maisha sorgen derzeit von London aus für eine kleine Jazz-Revolution auf dem Dancefloor. Unser Autor Henning Kasbohm über einen Trend, der nicht retro sein will....
  • Zehn Fragen an: Paula Steinbauer (New School)
    HipHop, Trap, R&B und Artverwandtes – darum dreht es sich seit 2019 in unserer Sendung New School! Wir haben mit unserer Moderatorin Paula Steinbauer unter anderem über das Aufwachsen in einem Radiohaushalt und aktuelle musikalische Entwicklungen im KI-Zeitalter gesprochen. ...


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert