
Nilüfer Yanya – „My Method Actor“ (Ninja Tune)
Wer beim Schauspielern „Method Acting“ betreibt, geht ins Extreme. Diese Technik lässt die Grenzen zwischen Darsteller*in und Rolle verschwimmen. Schauspieler*innen versuchen hier, ihren Charakter so intensiv wie möglich zu verkörpern. Man denke an Leonardo DiCaprio, der zur Vorbereitung für seine Hauptrolle im Survival-Thriller „The Revenant“ rohe Bison-Leber verspeiste und höchstpersönlich durch eiskalte Flüsse schwamm. Oder an Dustin Hoffman, der für „Marathon Man“ – genau wie seine Rolle – 72 Stunden am Stück wach blieb. Die Ergebnisse des Method Acting sind oft eindrucksvoll und oscarprämiert. Und dabei auch etwas selbstgefällig und unnötig anstrengend. In den Worten von Hoffmans Spielpartner Laurence Olivier: „Warum probierst Du nicht einfach, zu schauspielern? Das ist so viel leichter …“
Im Gegensatz zu diesen sich selbst sehr ernst nehmenden Männern hat Nilüfer Yanya einen anderen Blick auf diese Praxis. „I love to dance in my new costume“, singt die Londonerin im Titeltrack ihres dritten Studioalbums „My Method Actor“. „Watchin‘ the crowd kick in my jaw / Nothin‘ profound to skate on thin ice.“ Yanya versteht den Reiz dieser Technik, den Wunsch, voll und ganz mit der Kunst zu verschmelzen. Schließlich muss sie bei jeder Performance ihrer emotionalen Indie-Rock-Songs mit den Wunden in Kontakt gehen, aus denen sie einst bluteten. Und genau das ist gefährlich. „Gave you everything, it’s gone / Gonna bleed out, hit the ceiling / I gave you everything you needed“, ruft sie im Refrain, umgeben von einer Wand aus Fuzz-Gitarren.
Intensive Leichtigkeit
Diese Mischung aus roher Emotionalität und feinen Beobachtungen ist schon seit ihrem 2019er Debüt „Miss Universe“, was Nilüfer Yanyas Kunst auszeichnet – und „My Method Actor“ zeigt sie in Höchstform. Sie selbst beschreibt es als ihr bisher intensivstes Werk, besonders im Entstehungsprozess: Sie schrieb und produzierte die elf Songs direkt im Anschluss an ihr 2022 veröffentlichtes Album „Painless“ – in Isolation, zusammen mit ihrem musikalischen Partner Wilma Archer.
Gemeinsam haben sie sich – nicht ungleich eines überambitionierten Method Actors – voll dem Prozess hingegeben. Doch das Ergebnis klingt überhaupt nicht nach Anstrengung, nach Blut, Schweiß und Tränen. Sondern so leichtfüßig wie noch nie: Yanya singt im Opener „Keep On Dancing“ vom Loslassen angesichts von Verzweiflung, über vitales Akustikgitarrengeschrammel und einen swingenden Jungle-Beat. Ihr charakteristisches Hauchen weicht auf „My Method Actor“ oftmals einem Jauchzen, wie in der Single „Like I Say (I Runaway)“, die bluesige Riffs mit hymnischen Hooks kombiniert.
Für diese intensive Verspieltheit haben Yanya und Archer einen tiefen Klangraum geschaffen. Die Drums und Gitarren grooven in sanften Synkopen, lassen Raum für feine Details im Hintergrund: eine kleine Steel-Guitar im Titeltrack und in „Mutations“, subtile Keyboards in „Made Out Of Memory“, ein weicher mellotronartiger Klang im Abschluss „Wingspan“. Yanyas Zeilen sind emotional und heavy wie immer („Some call it love / I call it shame / Heating me up / I catch your flame“, singt sie in „Call It Love“). Doch die Musik, die ihre Texte umgibt, lässt sie schweben. Ein echter „Method Actor“ wirkt immer so, als würde er das Schwerste auf der Welt leisten. Doch was Yanya hier macht, wirkt auf wunderbare Art und Weise leicht.
Veröffentlichung: 13. September 2024
Label: Ninja Tune
