Rhi – „The Pale Queen“ (Album der Woche)

Cover des Albums „The Pale Queen“ von Rhi

Rhi – „The Pale Queen“ (Tru Thoughts)

Die Möglichkeit, den Titel seines letzten Romans „The Pale King“ zu erläutern, blieb David Foster Wallace verwehrt. Am 12. September 2008 nahm sich der Autor das Leben, bevor sein Buch, das die US-amerikanische Steuerbehörde IRS zerpflückte, vollendet war. Als Fragment-Roman erschien es trotzdem. Ist der „bleiche König“ die Depression, die nicht nur den Autor, sondern auch die ProtagonistInnen seines Buches heimsuchte? Oder die vernichtende, bürokratische Langeweile, die die Angestellten der Steuerbehörde täglich in den Staub wirft? Ein schlichter weißhäutiger Monarch scheint zu einfach für einen Autor, der seine verschachtelten Sätze gerne mit noch verschachtelteren Fußnoten ausschmückte.

Rhiannon Bouvier hätte für ihr zweites Album wahrscheinlich keinen rätselhafteren Titel als „The Pale Queen“ wählen können. Laut einem Interview mit Talent in Borders habe die kanadische Wahl-Londonerin in letzter Zeit viel Foster Wallace gelesen – und dabei eine tiefe Seelenverwandschaft mit dem Autor gespürt. Muss man sich Sorgen machen? Ihr vor zwei Jahren veröffentlichtes Debüt „Reverie“ bestand aus impressionistischer, federleichter Nachtmusik, gespickt mit tief grabenden Bässen und hoch schwebenden Hooks. Folgt nun das verkopfte, schwergewichtige Zweitwerk?

Messerscharfe Nachtmusik

„The Pale Queen“ hört sich zum Glück nicht so an, wie sich der den Titel inspirierende bürokratische Albtraum anfühlt. Rhis am heimischen Laptop zusammengeschraubte Downtempo-Beats tragen einen sanft durch nächtliche Spaziergänge. Die Synthesizer so kühl wie die spätabendliche Stadtluft. Der Bass so warm wie ein dicker Mantel. Ihre Stimme ist unaufgeregt und klebt trotzdem direkt am Ohr. Aus nächster Nähe flüstert sie einem ihre Gedanken in den Gehörgang.

Und die sind nicht immer so anschmiegsam wie ihre Musik. Auf „Reverie“ bewies Rhi ihr Talent für verträumte Assoziationsketten, doch auf „The Pale Queen“ zeigt sie, dass sie auch messerscharf austeilen kann. Und das sowohl nach außen als auch nach innen. In „Swagger“ durchschaut sie die oberflächliche Coolness ihrer Mitmenschen: „Tell me something that matters / Does your mind match your swagger?“ Das Gegenteil ist „Running With Scissors“, ein schonungsloses Abarbeiten an Selbstsabotage. „No shit, d‘uh, I‘m addicted to the pain / Testing limits, stoking the flame.“

Was Foster Wallace mit seinem „Bleichen König“ sagen wollte, werden wir nie ganz erfahren. Das hat Rhi ihm voraus. Ihr „The Pale Queen“ ist ein vielschichtiges Album geworden, das gleichzeitig Kopf, Bauch und Herz erreichen kann. Ungreifbar und empathisch, kompliziert und faszinierend.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2019
Label: Tru Thoughts

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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