Der Technohippie


“Wir sind hier mit Soundsystems, nicht mit Gewehren.” So sprach der Vater der Loveparade Dr. Motte bei seiner Ansprache zur Fuckparade 2006 in Berlin. Der Techo-DJ hatte die Seiten gewechselt. Sein “Baby”, die Loveparade, war ihm zu sehr zum kommerziellen Massenspektakel geworden, als nach zweijähriger Pause die (mit etwa zwölf Millionen Besuchern seit ihrer Gründung) größte Tanzveranstalung der Welt wieder stattfand. Denn für Dr. Motte hatte die Loveparade politischen Mehrwert.

Legendär seine Reden, die er jedes Mal zum Abschlusskonzert unter der Berliner Siegessäule gehalten hatte. “Wir alle zusammen sind die größte Friedensdemo Deutschlands, vielleicht der Welt.” predigte er die Völkerverständigung durch Musik. Der gemeinsame Tanz der Rave-Bewegung sollte “die heilenden Aspekte des Klanges” in die Gesellschaft bringen. 1989 hatte Dr. Motte die erste Loveparade als Demonstration für “Friede, Freude, Eierkuchen” organisiert.

Schon zuvor war er kulturell engagiert gewesen. So spielte er 1981 mit seiner damaligen Punk Band DPA (Deutsch Polnische Agression) bei der „Großen Untergangsshow – Festival Genialer Dilletanten“ (sic!) und schrieb einen Beitrag zum dazugehörigen Buch. Die „Genialen Dilletanten“ wollten der damalig vorherrschenden Kunst und Musik etwas entgegensetzen. Noise-Bands, experimentelle Rockbands und Künstlergruppen nahmen daran teil, unter anderem auch die Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld und der damals noch in einer Band spielende Westbam, Organisator der zweiten großen Technoparade in Deutschland, der Mayday. Auch die Mayday hatte als politischer Protest begonnen. Demonstriert wurde gegen die Schließung des Radiosenders DT64.

Zurück zu Dr. Motte und zur Loveparade. Tanzten 1989 noch 150 Menschen auf dem Kurfürstendamm, waren es 1997 bereits über eine Million Teilnehmer. Die Loveparade Berlin GmbH wurde gegründet, der Name zur Marke und zum Exportschlager. Als sie ab 2001 nicht mehr als politische Veranstaltung angemeldet werden durfte, war darin inbegriffen, dass die Organisatoren für Reinigung und Sicherheit der Teilnehmer selbst aufkommen mussten. Neue Geldquellen mussten her und so stieg 2006 die Billig-Fitnesskette Mc Fit als Hauptsponsor ein – und Dr. Motte aus.

Seine Ansprachen hielt er von nun an auf der seit 1997 existierenden Gegenveranstaltung zur Loveparade, der Fuckparade. Dort sorgte er 2009 für einen Eklat, als er sich gehörig im Ton vergriff und das „Ende der schwulen Politik Klaus Wowereits“ forderte. Im Nachinein entschuldigte sich Dr. Motte dafür. Er habe seine Aussagen als Kritik an der Neoliberalen Politik des Berliner Bürgermeisters gemeint.

„Megaspree – Rette deine Stadt“ heißt denn auch eine der politischen Initiativen gegen den Ausverkauf der Stadt, für die sich Dr. Motte engagiert. Ob er 2010 wieder bei der Fuckparade dabei sein darf wird sich zeigen. Am 09. Juli feiert die Technolegende Dr. Motte erst mal ihren 50. Geburtstag.

Mehr zum Thema Dr. Motte erfahrt Ihr heute ab 15 Uhr im ByteFM Magazin mit Siri Keil. Hier noch zur Einstimmung die ganze Rede Dr. Mottes bei der Fuckparade 2006.

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