Chaos und Konfetti – das Torstraßen Festival 2012

Torstraßen Festival
Torstraßen Festival

„Eigentlich bin ich kaum noch in Mitte unterwegs“, hört man einige (Wahl-)Berliner sagen, die an diesem Samstag Neukölln und Kreuzberg für einen Besuch des Torstraßen Festivals verlassen haben. Rund um den Rosenthaler Platz – in ausgewählten Klubs, Bars und Cafés entlang der Torstraße – hallt an diesem Tag zum zweiten Mal in Folge ein Sound um die Ecken, der nicht nur seine Kiezbewohner lockt und in seinen Bann zieht. Ein Klang von nationalen sowie internationalen Künstlern, die sich mit ihrer alternativen, experimentellen Musik einem sehr gemischten Publikum stellen.

Ja, an diesem Samstag findet sich auch ein Neuköllner im Café Sankt Oberholz wieder, verstohlen die hausgemachte Holunderblütenlimo trinkend. Dabei ist es alles gar nicht so schlimm! Draußen strahlt der Himmel, auf den Bühnen spielen die verschiedensten Künstler und gelbe Ballons schweben durch die Luft. Die Leute sind entspannt und tanzen zum DJ-Set im Freien, spielen Pingpong oder sitzen einfach gemütlich auf Hochsitzen und Bierkisten in der Sonne.

Allerdings ist das Festival-Programm straff und wer viel sehen will, muss sich ranhalten. Während die Klubs am frühen Nachmittag noch verhalten besucht sind, tummeln sich gegen Abend zahlreiche Interessierte am Rosenthaler Platz, strömen zu D E N A, Norman Palm und Mittekill. Einige schwingen sich aufs Fahrrad, um schnell von A nach B zu kommen und besonders viel von den rund 30 Acts mitzubekommen. Andere schlendern entspannt die Torstraße rauf und runter und lassen sich von der Stimmung treiben. Aus dem Nachbarschaftsfest wird schnell ein Festival, das auch Musikfans außerhalb Berlins anzieht. Hier mischt sich alles: Jung und Alt, hip und gepflegt.

Wer in romantischen Erinnerungen schwelgen will, kann sich im beschaulichen Kaffee Burger von Miss Kenichi besingen lassen. Die Dame im Glitzerjäckchen steht allein auf der Bühne und beeindruckt bei ihrem Auftritt mit Gitarren-, Mundharmonika- und Orgelspiel. Eine klangvolle und doch so ruhige Musik, dass sich viele einfach auf den Boden setzen und zuhören. Das romantische Beisammensein wird dabei durch das dämmrige Klubflair verstärkt.

Nach einer kleinen Stärkung beim House Of The Flying Dumplings mit asiatischen Nudeltaschen, muss dann die schwere Entscheidung getroffen werden: geht es zu D E N A (Sommerhit-Hype) oder doch zu Touchy Mob (folkloristischer Topfschnitt- und Vollbartträger), die beide leider zeitgleich spielen? Gewonnen hat hier der Rauschebart, der an diesem Tag zum ersten Mal mit Band auftritt. Wer Touchy Mob, den Electro-Folk-Musiker, schon einmal allein live gesehen hat, wird jetzt mit einem Auftritt konfrontiert, der eine völlig andere Färbung annimmt. Aber schön bunt ist es trotzdem! Hier klingt alles sehr viel handgemachter: Gitarren, Schlagzeug, Bass und zwischendurch elektronischer Donner – das gefällt! Vor allem in Sachen Sympathie punktet Touchy Mob, wenn er wie ein Flamingo beim Singen sein linkes Bein anzieht und zwischen den Liedern charmant lächelt. „Ich hab‘ das Gefühl, in Mitte immer Englisch sprechen zu müssen,“ bemerkt er nebenbei und gewinnt damit vielen aus dem Publikum ein Grinsen ab. Heute ist es doch alles etwas anders.

Heute lassen Die Orsons auch die Frau Holle in ihnen raushängen. Als die HipHop-Fraktion aus Stuttgart im Oberholz auftritt, schneit es weiße Federn und buntes Konfetti. Die Fans toben und wischen sich die Federn aus dem Gesicht. Noch mehr Konfetti, bitte! Und der Beat muss lauter sein, der Boden beben!

Das Konzert vom Festival-Mitorganisator Norman Palm zusammen mit Odd Man Out im Schokoladen ist so überfüllt, dass viele auf andere Konzerte ausweichen müssen. Auch zum gefühlvollen Ein-Mann-Projekt Digits ist dieser Laden voll. Da ist es eine gute Entscheidung, noch einmal beim parallel laufenden Konzert von Fenster im Grünen Salon vorbeizuschauen. In erweiterter Formation begeistern diese mit verspieltem Indie-Pop den Saal, bevor sich anschließend alle weiter auf den Weg zu Kool Thing oder Mittekill begeben.

Auf Stromausfall war bei der Berliner Anti-Band Mittekill vielleicht nicht zu hoffen – vielmehr auf (Wasser oder) Wodka, um das ganze Deutsch-Punk-Pop-Spektakel (findet man für diese Band um Friedrich Greiling überhaupt eine passende Bezeichnung?) im White Trash zu ertragen. Während die einen laut mitgrölen, halten sich die anderen die Ohren zu.

Was bleibt? Außer einem ziemlichen Saustall im Oberholz und Konfetti im Haar ein schöner Gedanke an ein durchaus gutes und preiswertes Berliner Festival. Auf ein drittes im nächsten Jahr!

Mehr Informationen zum Torstraßen Festival finden sich auf der Torstraßen-Festival-Website.

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Diskussionen

Ein Kommentar
  1. posted by
    Rückschau Torstraßen Festival
    Sep 11, 2012 Reply

    […] und schöner beschreiben das zum Beispiel: Tip Berlin, Jens Balzer, Berliner Zeitung, ByteFM, stylespion, Spex, lesmads, sugarhigh, style.de, BLN.FM, Mit Vergnügen, EXBERLINER, nachtagenten, […]

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