„Nero, attimo“: Juni im Interview

Von Ella Simons, 21. November 2025

Schwarzweiß-Foto der italienischen Musikerin Juni

Juni aus Bologna hat mit „Nero, attimo“ ihr erstes Album veröffentlicht (Foto: Chiara Gambuto)

In Bologna lebt Juni – eine Künstlerin, die sich selbst als Experiment bezeichnet. Am 21. November 2025 erscheint ihr erstes Album „Nero, attimo“ auf dem Label Factory Flaws, auf dem die Musikerin zwischen frickeliger Electronica und Wave wandelt, Dunkelheit in etwas beinahe Leuchtendes verwandelt. ByteFM hat sie erzählt, wie dieses Album entstanden ist.

„Nero, attimo“ bedeutet „dunkler Moment“. Welche Art von Dunkelheit erforschst Du – eine emotionale, eine klangliche oder etwas ganz anderes?

Ich würde sagen: beides. Ich wollte einen Verlust verarbeiten, und der einzige Weg, den ich sah, war dieses Gefühl musikalisch nachzubilden – Erinnerungen einzufrieren, um Erleichterung zu finden. Also habe ich mich auf eine klangliche Reise begeben, um diese Tiefe zu erreichen.

Deine Songs bewegen sich zwischen Schatten und Licht, zwischen Lärm und Stille. Wie findest Du beim Schreiben oder Produzieren das richtige Gleichgewicht?

Durch das Wechseln von Sprachstilen, Mustern und Registern. Zwischen Sprachen zu wechseln, war nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch eine Entscheidung. Es war eine Herausforderung – aber sie hat geholfen, dieses Gleichgewicht zu finden.

In Deiner Stimme und in den Arrangements gibt es gleichzeitig ein Gefühl von Intimität und Distanz. Wie wichtig ist dieser Kontrast für Deine Musik?

Er ist zentral. Vielleicht passt es: Ich bin Zwilling vom Sternzeichen – Widersprüche gehören irgendwie dazu. Ich glaube, man findet am leichtesten seinen eigenen Weg, wenn man etwas Neues wagt. Mit meinem Post-Punk-Hintergrund bin ich es gewohnt, laut und präsent zu sein. Mit Juni lerne ich gerade, zu flüstern. Der Kontrast ist mir wichtig.

Die erste Single „Mosca cieca“ wirkt verspielt und zugleich desorientiert. Was steckt dahinter – was genau ist eine „Mosca cieca“?

„Mosca cieca“ ist ein klassisches Kinderspiel. Überall auf der Welt gibt es Varianten davon: Eine Person bekommt die Augen verbunden und muss die anderen finden. Wenn man als Erwachsener darüber nachdenkt, ist das irgendwie unheimlich. Ich hatte diese Erinnerung an eine wilde Nacht mit einem spielerischen Horror darin … 

Wie ist „Nero, attimo“ entstanden? Gab es einen Ort, eine Atmosphäre oder eine Zeit in Deinem Leben, die diese Songs geprägt hat?

Ich war in einer sehr dunklen Phase. Ich hatte gerade einen Freund verloren und versuchte zu verstehen, was in der Stille danach passiert. Der einzige Weg, wie ich Schmerz verarbeiten kann, ist Musik. Also fing ich an zu schreiben – und musste mich zu etwas Neuem herausfordern.

Dein Sound verbindet elektronische mit organischen, fast taktilen Klängen. Und Deine Texte wechseln zwischen Italienisch und Englisch. Wie beginnst Du eine Produktion: mit Beats, mit Worten, mit Bildern?

Meistens mit Bildern und Worten. Ich liebe es, wie bestimmte Wörter klingen, und spiele gern damit. Der kreative Prozess beginnt fast immer mit etwas Geschriebenem. Aber die Bilder sind der Auslöser.

Bologna gilt als Stadt mit einer sehr lebendigen Underground-Musikszene. Wie prägt dieses Umfeld Deine Art zu hören und zu arbeiten?

In einer Stadt wie Bologna zu leben – musikalisch, künstlerisch, kreativ so dicht und lebendig – kann Segen und Herausforderung zugleich sein. Wenn man in einem kreativen Loch steckt, kann es einschüchtern. Aber im richtigen Flow ist es wunderschön, Teil dieser Szene zu sein, mit so vielen Räumen und Menschen, mit denen man sich verbinden kann.

Wenn Du das Album visuell denkst – Farbe, Textur, Temperatur: Wie würdest Du es beschreiben?

Kalt. Rot. Schwarz. Erdige Texturen. Aschig. Eine selbstgedrehte Zigarette auf einem Gletscher rauchen. Oder ein gefrorener Vulkan.

Und zuletzt: Dein Lieblingsgericht aus der italienischen Küche?

Wahrscheinlich die schwierigste Frage überhaupt. Aber ich sage: Pizza. Ziemlich gewöhnlich, ich weiß – aber für mich das beste Gericht der Welt. Tut mir leid.

Für unsere Sendung Freispiel hat Juni einen exklusiven Mix aufgenommen. Mitglieder im Verein „Freunde von ByteFM“ können die Sendung vom 20. November 2025 jederzeit in unserem Archiv nachhören.

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