Neue Platten: Doldrums – "Lesser Evil"

Von nilsrabe, 23. Februar 2013

Doldrums - Lesser Evil (Souterrain Transmissions)Doldrums – „Lesser Evil“ (Souterrain Transmissions)

7,6

Die Doldrums bezeichnen in der Meteorologie einen Kalmengürtel, jenes Gebiet mit schwachen, stets veränderlichen Winden und häufigen Windstillen am Äquator. Das Wetter in dieser Zone ist geprägt durch hohe Luftfeuchtigkeit, plötzlich auftretende Böen, Schauer und tropische Gewitter – übrigens auch Ort und Geburtsstätte der Hurrikane. Ähnlich wild und abwechslungsreich klingt Airick Woodhead alias Doldrums auf seinem Debütalbum „Lesser Evil“, das in diesen Tagen auf Souterrain Transmissions veröffentlicht wird.

Bereits im vergangenen Jahr sorgte der junge Kanadier mit der Single „Egypt“ für ordentlich Wirbel. Dieser Song war vollgestopft mit tausend Ideen, aus denen mache Künstler ein ganzes Album basteln könnten. Ein dynamischer Rhythmus, hüpfende Beats, leicht psychedelische Einflüsse und eine eingängige Melodie fügten sich hier zu einem tanzbaren Hurrikan zusammen und entpuppten sich nachhaltig als Dancefloor-Hit. Ähnlich breit zusammengewürfelt funktioniert auch „Lesser Evil“.

Nach einem kurzen, nicht weiter auffallenden Intro finden wir uns in „Anomaly“ mitten auf einer unterkühlten 80er-Jahre-Tanzfläche samt obligatorisch hippen Synthesizer-Klängen wieder. Aus der Ferne erklingen irreführende Geräusche und blecherne Beats. Dann erstmals die Stimme, an der sich die Geister scheiden werden. Hier wird kein Konsens möglich sein, nur die nüchterne Erkenntnis, sie zu mögen oder eben nicht. Denn Woodhead singt zwischen den Geschlechtern – ein junger Mann, der stimmlich in die Rolle einer Frau schlüpft. Wenn man sich damit arrangiert hat, schwingt sich ein nahezu elfenhaftes Organ weit hoch in den Elektropop-Himmel und markiert damit ein Highlight der Platte. Man fühlt sich an eine imaginäre ältere Schwester von Grimes oder eben an deren jüngeren Bruder erinnert.

Danach mit „She Is The Wave“ ein kaum auszuhaltendes elektronisches Dauergepiepse, das unfreiwillig die Gehörgänge betäubt und es damit enorm schwer macht, den Song im Ganzen überhaupt zu folgen. Woodhead mag wohl Effekte und Übersteuerungen. „Sunrise“ normalisiert im Anschluss die geschundenen Hörnerven. Ein himmlisches Soundkostüm sorgt für ein verträumtes Wohlgefühl. Man ist sofort verleitet, die Augen zu schließen und von warmen Sommerwiesen zu träumen. Schön und zugleich konsequent, dieses Kleinod abrupt Enden zu lassen.

Manchmal ist weniger aber auch mehr, so wie in „Holographic Sandcastles“. Man fühlt sich an die großartigen Postal Service erinnert, nur ein wenig zu überladen und orientierungslos. Da wollen dann doch zu viele Ideen in einen Raum gequetscht werden, in dem kaum mehr Platz ist. Für die tolle melodische Stimme von Sami Nacomi ist allerdings Raum, was das Stück erst hörenswert macht. Im Titeltrack „Lesser Evil“ taucht noch einmal die Genialität und Vielseitigkeit des Genies Woodhead auf. Während seine Stimme eher in den Hintergrund rutscht, pochert es im Vordergrund gewaltig. Elektronisch verfremdete Bässe, akustische Snares und die treibende Dynamik der Drumsticks, die den Track sprichwörtlich durchlöchern – rhythmische Komplexität in Perfektion. Die zwei darauffolgenden Songs fallen allerdings deutlich ab. Ein Mangel an Homogenität ist rauszuhören – inmitten des Songs abrupt verlangsamte Strukturen und nervig zuckende Bassläufe wirken überflüssig und anstrengend. Aber mit der letzten Nummer „Painted Black“ ist man wieder auf der sonnigen Seite von Doldrums. Dort trifft zum Abschluss warme Electronica auf Sample-Collagen in elfenhafter Reinform – ein versöhnlicher Ausklang.

Schlussendlich ist Doldrums mit „Lesser Evil“ ein in der Summe beeindruckendes und mitreißendes Debütalbum gelungen, das mit den oben genannten Songs überzeugt. Aber: An einigen Stellen will das Werk auch zu viel. Dann merkt man eben auch, dass Doldrums ein Soloprojekt ist, dem das Korrektiv fehlt. Etwas, das dazu dienen kann, etwaige Mängel auszugleichen, wie das häufig im Bandkollektiv der Fall ist.

Label: Souterrain Transmissions | Kaufen

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Sufjan Stevens – „Carrie & Lowell“ (Album der Woche)
    "Carrie & Lowell" ist schwere Kost, instrumentiert mit einer beeindruckenden Leichtigkeit. Dunkelheit und Hoffnung stehen hier nah beieinander. Nur begleitet von Akustikgitarre, Banjo und manchmal Klavier, singt Sufjan Stevens ruhig und sanft von Tod, Schmerz, und Trauer und erinnert dabei an Nick Drake und Elliott Smith....
  • DJ Koze – „Amygdala“ (Album der Woche)
    "Amygdala" klingt trotz aller Vielschichtigkeit, allen Verdrehungen und geschickt eingesetzten klanglichen Verhaspelungen sehr homogen. Maestro Koze gibt uns 13 Tracks an die Hand, mit denen sowohl Tage als auch Nächte ein ganzes Stück geschmeidiger durchlebt werden können. Unser Album der Woche....
  • Jamie xx – „In Colour“ (Album der Woche)
    Dance-Musik macht Jamie xx glücklich. Mit seinem Debütalbum "In Colour" gibt der 26-Jährige ein Stück von diesem Glück weiter. "In Colour" ist ein in vielen Farben schillerndes House-Dubstep-Amalgam. Soundschnipsel aus Jungle-Dokus und hochkarätige Gäste treffen auf pluckernde Arpeggios, dröhnende Synths und lässige Beats....


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert