Neue Platten: HGich.T – "Lecko Grande"

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5,8

Eine Rezension über HGich.T zu schreiben ist ähnlich schwer, wie den eigenen Eltern den Charakter der neuen Freundin vor einem ersten Treffen nahezubringen: Es fallen die schönsten Worte, um am Ende doch klar zu machen, dass sie nicht so ist, wie sie sich sie wahrscheinlich vorstellen.

Um bei diesem Vergleich zu bleiben, würde ich wahrscheinlich sagen: Sie ist eine witzige, bodenständige und charismatische Künstlerin, die ihren eigenen Weg geht, ohne sich von jemandem aus der Bahn werfen zu lassen. Sie ist gebildet, witzig und fröhlich. Um das nicht falsch zu verstehen, sie wirft sich ganz gern selbst aus der Bahn, ihre Bodenständigkeit zeigt sie vor allem dadurch, dass sie nicht mit ihrer Intelligenz protzt und auch ihre Witze versteht man am besten auf Drogen und mit viel Alkohol. Sie selbst ist dem natürlich nicht abgeneigt und tanzt auch gern mal nackt. Ihre Themen sind vor allem Sex und Saufen, also um Themen, die bei Oma am Kaffeetisch eher selten Anklang finden. Aber jeder kann mitreden, da wir ja alle unsere Erfahrungen damit gemacht haben und so ist sie wiederum ganz gesellig.

So oder so ähnlich könnte das dann klingen. Kurzum: Dieses Hamburger Kollektiv scheißt auf Perfektion, auf Konventionen, auf Spießbürgertum und genießt den Freiraum der Kunst. Kunst? Ja, klar! Nicht ohne Grund hat sich der inzwischen 80-jährige Jurist und ehemalige Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt aka Opa 16 dazu bereit erklärt, festes Mitglied der Konstellation zu werden, ohne dafür bezahlt werden zu wollen. Früher war er für die Aufklärung von Naziverbrechen zuständig, machte sich als Filmkritiker einen Namen und spielte unter anderem im „Deutschen Kettensägenmassaker“ von Christoph Schlingensief den Berserker.

Elanlos, debil bis übertrieben euphorisch vorgetragene Texte, die den Eindruck machen, im Rausch nach einer exzessiven Orgie entstanden zu sein, bekommen mit der Beat-Maschine und dem Keyboard, das gerade noch in der Ecke stand, den letzten Kick. Wer sich jetzt fragt, kann das nicht jeder? Vielleicht schon, doch es sind vor allem die Themenaufarbeitung, die dadaistischen Texte, die absurden Assoziationsketten, die überraschenden Wendungen, der detailreiche Einblick in unsere Gesellschaft, den wir selbst kaum vagen, die das Konzept so interessant machen. Wäre HGich.T wirklich eine Person, würde man sich in der Öffentlichkeit wahrscheinlich anfangs für sie schämen, bis einem klar wird, warum eigentlich immer so glatt und konservativ? HGich.T zeigen, was es heißen kann, einfach loszulassen, sich selbst auszuleben, über Grenzen zu gehen, ohne unbedingt damit anecken zu müssen. Tutenchamun sagte dazu in einem Interview mit der taz: „Wenn schon, denn schon“ und Dr. Diamond dementsprechend: „Das ist die Idee von Exzess.“

Dieser Exzess dreht sich vor allem um das Leid der Liebe, Klo-Erfahrungen, Kindheitserinnerungen und Orgien aller Couleur, unterbrochen von Live-Ansprachen Anna-Maria Kaisers, die uns einen kleinen Einblick von der Energie eines Livekonzerts vermitteln und doch nicht ansatzweise eine Vorstellung davon geben können, was es heißt, HGich.T im Vollrausch und Vollkontakt zu erleben – und dazu sind keinerlei Drogen notwendig.

Natürlich kann die gesamte Platte bei solch einem Konzept nicht lange überzeugen beziehungsweise nicht durchgängig. Absurde Geschichten im verspielt-treibenden Sound wie in „Diddel der Mäusedetektiv“ oder „Ich liebe dich egal ob du 16 bist“ entwickeln jedoch ihren eigenen Charme, auch „Maipes Kneike“ hat Potenzial zum Hit – zumindest für eine Privat-Party. Oder auch „Der Haken“ glänzt durch erstaunlichen Dadaismus im beschwingten Beat und wirkt als eigensinniges Mantra noch lange nach.

„Lecko Grande“ ist kein Kunstwerk, das man sich aufhängt, um es jeden Tag anzuschauen, aber eines, das man immer mal wieder aus der Schublade kramt, wenn alles andere zu normal und langweilig ist. Und auch wenn jemand ganz darauf verzichten möchte, kann ich das gut verstehen.

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