„Unser Album ist wie eine Erzählung“- Wu Lyf im Gespräch

„Manu gewinnt die Champignons League in diesem Jahr.“- „Nein, Barca“, höre ich, als ich den Raum betrete. Ich treffe an diesem Dienstagvormittag Anfang Mai Ellery Roberts und Tom McClung, den Sänger und den Bassisten der Band Wu Lyf aus Manchester. „Du hast Manu nicht spielen gesehen zuletzt. Manu gewinnt.“ Aber Ellery bleibt uneinsichtig: „Barca!“.

Diese Uneinigkeit ist amüsant, zugleich verwundert sie mich jedoch in diesem speziellen Punkt, da mir Wu Lyf auf ihrer Website eine eindeutige Präferenz für den FC Barcelona zu bezeugen schienen. Dort heißt es nämlich: Wu Lyf ist mehr als eine Band so wie der FC Barcelona mehr als nur ein Fußballverein ist. Wie sei das gemeint, frage ich nach, und Ellery erklärt: „ Wir würden gern mehr als nur eine Band sein. Wir versuchen es. Wir wollen nicht auf eine Band reduziert bleiben. Als Fan des FC Barcelona bist Du Anhänger der Mannschaft, aber zugleich auch selbst ein Teil von ihr. Es gibt dort nicht üblichen Management-Strukturen mit einem Mann an der Spitze, der den Club besitzt und verkaufen kann. Der Club gehört den Mitgliedern. Ähnlich ist es mit der LYF. Wir werden von der LYF gestützt. Sie hat uns ermöglicht, unser Debütalbum aufzunehmen.“

Nach dem Vorbild des FC Barcelona ist die LYF (Lucifer Youth Foundation) als gemeinnütziger Verbund von den vier Bandmitgliedern ins Leben gerufen worden. Aktuell zählt die LYF 904 Mitglieder, die durch Beiträge die Aufnahme des Debütalbums von Wu Lyf ermöglicht haben. Dabei kommt die Verschränktheit von Band und Verein auch im Bandnamen zum Ausdruck, der ein Akronym für „World Unite Lucifer Youth Foundation“ ist.

Trotz vieler Anfragen von etablierten Plattenfirmen haben Wu Lyf sich dafür entschieden, ihre Unabhängigkeit als Band zu bewahren, indem sie mit Hilfe der LYF ihre erste Platte selbst herausgebracht haben. Verstärkung bekommen sie bei ihrem Vorhaben von Warren Bramley, der als Manager der Band aus Manchester auftritt. Bramley begann seine Karriere bei dem Plattenlabel Factory Records, das berühmte Bands wie Happy Days, Joy Division und New Order beheimatete. Später gründete er die Kreativfirma „four23“, zu deren Kunden u.a. Adidas, Samsung und Virgin gehören.

Nicht nur, was die Strukturen ihres Projekts angeht, hat das Quartett aus Manchester ganz genaue Vorstellung, sondern auch, was den Sound ihres Debüts „Go Tell Fire To The Mountain“ betrifft. Nachdem die Band ihre erste Single in einem Studio aufgenommen hatte, kam sie zu der Erkenntnis, dass sie einen Raum mit größerem Hall für ihre Albumaufnahmen wollte. „Wir fuhren nach Jerez in Spanien, schauten uns Sherry- Lagerhäuser und Bodegas an, aber es war alles zu teuer und machte keinen Sinn für uns“, erzählt mir Tom gedankenversunken, als ob er im Geiste noch einmal die verschiedenen Räumlichkeiten für sich abgeht. „Auf dem Rückweg fanden wir dann diese Kirche in Ancoats, einem Viertel in Manchester. Sie war leergeräumt, befreit von jeglicher Ikonographie. Wir gingen rein, klatschten in die Hände und da war dieser große, unglaubliche Klang.“

In eben dieser Kirche in Manchester entstehen die Aufnahmen zu „Go Tell Fire To The Mountain“. Das Ergebnis ist ein ganz eigener Klang, dem etwas Sakrales anhaftet durch den durchgehend verwendeten, charakteristischen Orgelsound. Warum der Einsatz dieses speziellen Sounds will ich wissen und bekomme eine unerwartet pragmatische Antwort von Tom: „Als wir anfingen Musik zu machen, war das einfach der beste Sound, den wir auf dem Keyboard hatten. Dabei sind wir geblieben.“

Nichtsdestotrotz werfen der Titel des Debüts, der wie ein Gospel klingt und auch die häufige Verwendung von christlichen Symbolen auf der selbstentworfenen Website der Band, die Frage nach einem religiösen Bezug auf. „Das hat alles nichts direkt mit Religion zu tun. Was die Bilder von christlichen Symbolen angeht, sind das einfach Bilder, die einen starken Einfluss auf Menschen haben, mehr Einfluss als eine Hochglanzaufnahme von deinem Gesicht.“ Mit ihrem Album beziehen sich Wu Lyf auf den Roman „Go Tell It On The Mountain“ von James Baldwin, wird mir erklärt: „Unser Album ist wie eine Erzählung zu verstehen, die thematisch diesem Buch folgt.“ Und tatsächlich ist die Hülle und das Booklet der Wu Lyf-Platte wie ein Buch gestaltet mit mehreren Seiten, zwischen denen die CD steckt. Aber auch in dem genannten Buch von James Baldwin geht es doch um Religion, hake ich nach. “Wenn an Religion etwas dran ist, dann sind es gute Geschichten. Aber eben nicht mehr. Genauso ist es mit unserem Album. Es ist nicht mehr als eine Geschichte, vielleicht eine allegorische Geschichte.“

Seiner Stimme hört man beim Reden (noch) nicht an, dass sie bei jedem Auftritt der Band extrem gefordert wird. Ellery übt sich in einer Art Schreigesang, der die Stimmbänder bis zur Heiserkeit strapaziert. Totale Verausgabung scheint das Ziel, wobei er mit einer gewissen Punk-Attitüde zu kokettieren scheint. In Kombination mit dem verstärkten Hall auf der Platte wirken die Stücke jedoch viel zu dramatisch und pompös, um Punk zu sein.

Der Song „Lyf“ bildet den Auftakt des Albums. Es wirkt wie eine Hymne, die sich instrumental langsam aufgebaut bis sie in den sich überschlagenden, krächzenden Gesang von Elley Roberts mündet. Nach einem ganz ähnlichen Rezept funktionieren die übrigen Stücke auf „Go Tell Fire To The Mountain“, die manchmal wie eine leicht abgewandelte Variationen des ersten Stückes wirken.

In den Medien haben Wu Lyf für eine gewisse Aufregung gesorgt, noch bevor ihr Debüt veröffentlicht worden war. Das lag zum großen Teil an der eher unkonventionellen Art der Band mit Hilfe ihres Managers, das eigene Projekt zu vermarkten. Es wurden kaum Interviews gegeben. Stattdessen führten kryptische Botschaften in den Straßen von Manchester auf die noch rätselhaftere Website der Band. Gigs fanden unter einem anderen Namen statt.

Das Konzept scheint aufgegangen. Die Welt will wissen, wer sind Wu Lyf und wie hört sich ihr musikalische Debüt an. Die Erwartungen sind hoch. Es stellt sich nur die Frage, ob die Musik für sich genommen genau so interessant ist wie das Mysterium um sie.

Unterdessen zeigen sich Ellery und Tom von diesem Erwartungsdruck wenig beeindruckt. „Im Prinzip habe ich ein paar Collagen gemacht, wir haben ein bißchen Musik gemacht und unsere Website gebastelt. Wir machen eben das, was wir machen. Wir sind dabei in der unglaublich glücklichen Lage, dass unsere kleinen Ideen gefördert werden, und dass die Leute sich, warum auch immer, für uns interessieren.“

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Diskussionen

3 Kommentare
  1. posted by
    Song des Tages » Blog Archive » Wu Lyf: LYF
    Jun 24, 2011 Reply

    […] Band-Homepage, Byte.fm, Bedroomdisco, Parallaxe, 78s.ch, […]

  2. posted by
    Presseschau: 12.07.: Tell Me A Secret : ByteFM Magazin
    Jul 12, 2011 Reply

    […] fragt Zeit Online. ByteFM Redakteurin Juliana Reil traf die Band bereits Anfang Mai zum Gespräch. Der Name der Band steht für “World Unite! Lucifer Youth Foundation”, zu übersetzen […]

  3. posted by
    Tickets für WU LYF : ByteFM Magazin
    Sep 20, 2011 Reply

    […] der Schleier um die World Unite Lucifer Youth Foundation (wie z.B. im Interview mit ByteFM, das Ihr hier nachlesen könnt). Aber kein Grund zur Trauer, denn was sich hinter diesem Schleier verbarg, war […]

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