Michael Mayer – „Brainwave Technology“ (Rezension)

Bild des Covers der EP „Brainwave Technology“ von Michael Mayer

Michael Mayer – „Brainwave Technology“ (Kompakt)

8,6

Es gibt neue Platten, die sofort eine unabänderliche innere Gebanntheit auslösen. Platten, bei denen sofort klar ist: Da muss man ganz genau hinhören. So war es bei der EP „Brainwave Technology“ von Michael Mayer, dem Mitgründer und Mitinhaber des Kompakt-Labels. Es ist sage und schreibe die Katalognummer 444 des Kölner Labels, das seit 1998 die Landschaft der elektronischen Musik mit Protagonisten wie Reinhard Voigt, Justus Köhncke, Tobias Thomas oder Superpitcher entscheidend mitgeprägt hat. Die Katalog-Schnapszahl 444 ist also Chefsache und schon auf Mayers Album „Mantasy“ aus dem Jahr 2012 musste man seine Ohren spitzen, um eben genau diese Nuancen zu hören, die ihn von anderen Künstler*innen abgrenzen: ein ungewöhnliches Geräusch, ein Zitat, eine unerwartete Wendung.

So ist es auch wieder bei der neuen EP „Brainwave Technology“ und dabei vor allem beim Titelstück der EP. Auch für Hundeohren ist dieser Track eine besondere Herausforderung. Ein nervöser Track, der zu einer nervösen Gegenwart passt. Es flirrt und fiept, man denkt an Raumschiffe und Science-Fiction und all das ist nicht einmal weit hergeholt, denn Michael Mayer thematisiert auf seiner neuen EP Künstliche Intelligenz und Transhumanismus. Inspiriert durch den Philosophen Richard David Precht begab sich Mayer in den „sprichwörtlichen Kaninchenbau“, wie er selbst sagt. Er hat sich stundenlang YouTube-Videos von selbsternannten Zukunftsprophet*innen angeschaut. Dabei muss ja nervöse Musik herauskommen. Aber eben auch sehr intelligente, futuristische Sounds, die so noch nicht zu hören waren.

Dystopie oder Utopie?

Der zweite Track „Gamma“ kommt sehr dubbig und laid back daher, mit etwas Fantasie könnte das Stück auch von seinem Mitstreiter Superpitcher sein. „Alpha“ ist für den Club gemacht und auf der EP ist es der Track, der den Pfad des Techno am wenigsten verlässt. Subtile Spannung auch hier (Gedanken an das mexikanische Genie Rebolledo sind erlaubt) und dabei sehr typisch für den „Cologne Techno“, den Kompakt maßgeblich mitgeprägt hat.

Das letzte Stück der EP ist das mit Abstand melancholischste und der Titel hört sich in der freien, deutschen Übersetzung sehr holprig an: Gerät für die im Herzen Junggebliebenen. Ein gutes Gerät aber! „Device For The Young At Heart“ hat eine tolle Subtilität und als roten Faden die Melancholie, die Michael Mayer trotz aller Clubtauglichkeit auch sehr gut beherrscht. Ein Stück für die Ewigkeit – davon gab es bei Kompakt inzwischen schon ein paar (man denke nur an das wundervolle „The Difference It Makes“ von The MFA).
Obwohl es nur vier Stücke sind auf dieser EP, so steckt doch sehr viel in ihnen: Humor, Spannung, Utopie, Dystopie, die „Ironie als Schwert, um Visionen zu entlarven“, wie Mayer selber sagt.

Veröffentlichung: 27. August 2021
Label: Kompakt

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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