Boards Of Canada – „Inferno“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 1. Juni 2026

Boards Of Canada – „Inferno“

Boards Of Canada – „Inferno“ (Warp Records)

Es vergehen nicht mehr als drei Minuten auf dem neuen Album von Boards Of Canada, bis Gott persönlich zu uns spricht. Jedoch handelt es sich hier nicht um eine freundliche, vergebende Schöpferkraft, die uns inspirierende Offenbarungen verkündet, sondern eine tiefe, verzerrte Stimme, die mit alt-testamentarischer Gravitas das Knochenmark zum Vibrieren bringt: „I am the truth: extinction“, verkündet sie in „Prophecy At 1420 MHz“. „I am God, the ultimate resonance“. Der Titel des Tracks bezieht sich auf das sogenannte „Wow!-Signal“, das der US-amerikanische Astrophysiker Jerry R. Ehman 1977 auf der Frequenz 1420 MHz aufzeichnete – ein komplexes Radiosignal, das bis heute als eine der einzigen aus dem Weltall aufgezeichneten „Botschaften“ gilt, die theoretisch von außerirdischem Leben stammen könnte.

Die Botschaften dieser göttlichen Instanz auf „Inferno“ streifen schließlich den Bereich des Metaphysischen: „Nothingness, the absolute truth“. Und dass wir den oder die Allmächtige schon vor langer Zeit „getötet“ haben, ist auch schon durchgesickert: „It is, in a sense, the religion of the modern world / The scientific view of nature“. Und hier ist schon ein erster Leitsatz für dieses rätselhafte, wunderbare neue Album des schottischen Electronica-Duos, dessen Kernmitglieder seit der Gründung 1996 die beiden Brüder Michael und Marcus Eoin Sandison sind. 13 Jahre sind seit der letzten LP von Boards Of Canada vergangen, was nicht ungewöhnlich ist – liegen doch zwischen der Veröffentlichung der vorigen beiden Platten „The Campfire Headphase“ und „Tomorrow’s Harvest“ immerhin acht Jahre.

Für ihr erstes neues Werk seit 13 Jahren haben uns die Sandison-Brüder einiges zum Kauen gegeben: „Inferno“ ist ein beunruhigend schönes Album über das instabile Verhältnis von Glauben und Wissenschaft geworden. Und das chaotische Leben, das wir zwischen diesen beiden Polen leben müssen. Da in der Mitte, im warm knisternden, modernen Fegefeuer, haben es sich Boards Of Canada gemütlich gemacht.

Glauben vs. Wissenschaft

Ein Boards-Of-Canada-Track war schon immer vielschichtiger, als er an der Oberfläche anmutete. Bereits auf ihrem Debüt „Music Has The Right To Children“ (1998) spielten sie Musik, die beim ersten Hören klingt, als wäre sie für den Hintergrund konzipiert, sich dann aber immer wieder mit ihren seltsamen Details in den Vordergrund spielt. Seltsame Kinderstimmen und Samples aus VHS-Kassetten spukten da um ihr bis heute festes Fundament aus Ambient-Synthesizern und Trip-Hop-Drums.

Beim Nachfolger „Geogaddi“ gesellte sich eine düstere, okkulte Spiritualität dazu, die sehr schön mit der Glaubenskrise von „Inferno“ harmoniert. Damals geisterten fanatische Sekten-Botschaften durch ihre Tracks. Heute hören wir Dialoge über Religion: „I love you, but I love the lord“, verkündet jemand in „Father And Son“. „Help me to be ready for your return“, lautet ein Stoßgebet, das in „Age Of Capricorn“ ausgesprochen wird, eingebettet in sich nach oben schraubende Synths. In „The Word Becomes Flesh“ beschreibt eine mechanische Roboter-Stimme den fleischigen Entstehungsprozess eines Embryos. Religion und Wissenschaft sind im stetigen Kampf, während alleine schon der Titel von „Hydrogen Helium Lithium Leviathan“ den ultimativen Gottesmord darstellt: Das ursprüngliche Genesis-Wunder des Urknalls, von der Physik heruntergebrochen auf drei Elemente: Wasserstoff, Helium, Lithium.

Musikalisch siegt das Staunen

Genauso brodelt es auch in der Musik von „Inferno“, zwischen Schönheit und Finsternis, Wärme und Kälte. Die ursprünglich mysteriös „Tape 05“ betitelte Single „Deep Time“ versprach die unendliche Ambient-Weite des Kosmos, doch der bedrohliche Downtempo-Techno des anschließenden „All Reason Departs“ holt eine*n wieder auf die Erde zurück. „Somewhere Right Now In The Future“ baut neblig-verträumte Landschaften, während „Father And Son“ mit seinen verzerrten, rhythmisch zerschnittenen Stimmen wie ein Albtraum-Zerrbild auf The Avalanches‘ „Frontier Psychiatrist“ anmutet. Doch am meisten finden sich auf „Inferno“ große Momente von transzendentaler Erhabenheit, wie im besagten, immer näher gen Himmel/Weltall aufsteigenden „Age Of Capricorn“. Oder zwischen den Breakbeats und Chor-Mantren von „Naraka“ (der Name des Tracks ist ironischerweise Sanskrit für „Hölle“). Denn egal, welche Ideologie den kosmischen Kampf gewinnt, musikalisch siegt auf diesem Album das Staunen.

Veröffentlichung: 29. Mai 2026
Label: Warp Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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