Juni Habel – „Evergreen In Your Mind“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 13. April 2026

Juni Habel – „Evergreen In Your Mind“ (Album der Woche)

Juni Habel – „Evergreen In Your Mind“ (Koke Plate)

Der Ort, an dem das dritte Studioalbum von Juni Habel spielt, ist genauso mysteriös wie klar definiert: ein Traum. „Ein imaginärer Ort, an dem das Verlangen nach Einheit mit Mitmenschen und der Welt, die uns umgibt, endlich Realität werden kann“ – so beschreibt ihn die Norwegerin. Um Hingabe gehe es in all ihren Songs, „auf die eine oder andere Art und Weise“. Und auf „Evergreen In Your Mind“ ergibt sie sich ganz der Traumlogik – und entdeckt im utopischen Unterbewusstsein sowohl schöne als auch seltsame Folksongs.

Wie es sich für einen bemerkenswerten Traum gehört, entstand auch „Evergreen In Your Mind“ an bekannten und doch völlig fremden Orten. Teile der Songs nahm sie in dem Haus, in dem sie mit ihrer Familie lebt, auf. Oder am Klavier in der Schule, in der sie Teilzeit unterrichtet. Und dann floh sie immer wieder aus dem Studio ihres Produzenten Stian Skaaden in die norwegische Berglandschaft, machte lange Wanderungen durch ihr unbekannte Landschaften, in denen ihr Geist weit ausschweifen konnte.

Traumreise durchs utopische Unterbewusstsein

Im Kern arbeitet Habel mit der gleichen Farbpalette wie auf dem Vorgänger „Carvings“, der ihr 2023 internationales Rampenlicht bescherte. Ihr Folk ist denkbar minimalistisch: nur eine kunstvoll und ruhig gezupfte Akustikgitarre und ihre sanft vibrierende Stimme tragen ihre Lieder. Doch die Schattierungen sind auf „Evergreen In Your Mind“ komplexer und surrealer geworden. Viele schräge Elemente zischen und sausen an Gitarre und Stimme vorbei. Rückwärts abgespielte Pianos, verschroben dröhnende Harmonium-Pfeifen, verhuschte Chöre. Nie so aufdringlich wie in einem Psychedelic-Rock-Song, immer ein bisschen zu leise, um den Song zu dominieren – aber gerade laut genug, um das Unterbewusstsein zu kitzeln. In „Gitarhum“ summt Habel über ein an Nick Drake erinnerndes Gitarren-Motiv, im Einklang mit dem schrägen Tremolo eines Streichinstruments. Im instrumentalen „Pearl Cloud Song“ ertönt zum einzigen Mal auf der LP ein Drumcomputer, aber so dumpf und subtil, als würde die Maschine unter Wasser laufen.

War „Carvings“ noch eine konzentrierte Meditation über Leben und Tod, ist der Nachfolger eine lustvoll abschweifende Fantasiereise geworden. „So send me another tune / One to bleed my letters into“, singt sie in „Another High“, und weiter: „Dream with the dreamers you might / Drink it to appease your appetite“. Ein weiterer, gleichzeitig dadaistischer und essenzieller Schlüsselsatz fällt in „I Lay My Trust“: „We battle the time, with nothing“. Wir bekämpfen die Zeit mit nichts. Ähnlich wie ihre Art-Folk-Kollegin Aldous Harding schöpft sie Sätze und Musik, die nur für sie Sinn zu ergeben scheinen – und sich dennoch tief im Stammhirn festsetzen.

Veröffentlichung: 10. April 2026
Label: Koke Plate

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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