Odd Beholder – „Feel Better“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Feel Better“ von Odd Beholder, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Odd Beholder – „Feel Better“ (Sinnbus)

Es ist klar, warum Musiker*innen so gerne Konzeptalben produzieren. Einmal bietet das Format natürlich viel Raum für mehrdimensionale Annäherungen an komplexe Themen. Doch vor allem hält es das Publikum ein bisschen auf Abstand. Ein Konzeptalbum erzählt schließlich eine bestimmte Geschichte, meist von fiktiven oder realen Figuren. Aber nicht von der Künstlerin oder dem Künstler selbst.

Die ersten beiden Alben von Daniela Weinmann aka Odd Beholder waren genau solche Konzept-LPs. Auf ersterer, „All Reality Is Virtual“ aus dem Jahr 2018, explorierte die Schweizer Künstlerin den modernen Albtraum der Digitalisierung. Auf dem 2021er Nachfolger „Sunny Bay“ widmete sich die Musikerin dem zwiespältigen Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Und auch ihre neueste Platte ist ein konzeptuelles Werk. Aber diesmal komplett ohne Abstand: „Feel Better“ ist eine zum Teil explizit autobiografische, nonlineare Sammlung von emotionalen Abschnitten ihres Lebens. Es ist zu gleichen Teilen tieftraurig, aufbrausend wütend und hoffnungsvoll heilsam – und von vorne bis hinten unfassbar lebendig.

Den Dancefloor unter den Füßen verlieren

Dies zeigt sich aber erst, wenn man die Texte studiert. Wer die ignoriert, könnte „Feel Better“ für ein angenehmes Art-Pop-Album halten. Die LP beginnt mit den verschnörkelten Synthesizern von „Then You Forgive Me“, ein liebevolles Stück digitaler Barock-Pop. In „Rifle Club“ demonstriert sie ihre Skills in Form von tanzbarem New Wave, während „Patchwork Girl“ als Autotune-R&B-Ballade daherkommt. Im Techno-Pop von „Just Because I Regret It“ ist eine leichte Dunkelheit spürbar, die man vielleicht aber auch mit Trotz verwechseln könnte. Musikalisch sind all diese Songs durch catchy Hooks und eine durchgängige Leichtigkeit geeint.

Und dann lauscht man den Texten und verliert den Dancefloor unter den Füßen. „It’s hard to grow a pair of breasts in this fucked up town / Full of marching bands and peeping toms“, singt Weinmann in „Rifle Club“, ein Song über das Aufwachsen in einer patriarchal geprägten Kleinstadt in der Schweiz. „Bossed around as if I was a child / But lusted after, oh the bigotry.“ In der Liebe und Betrug nah beieinanderlagen: „Will expose you, teach you how to cry, and tell you all your dirty secrets“, heißt es in „Dirty Secrets“. Die resultierende jugendliche Unsicherheit wird in „Insecurities“ und „Dogs Like Me“ thematisiert: „Thought I was a loser / Thought I was a freak.“ Später singt sie in „Just Because I Regret It“ einen Satz, der das Album sehr gut zusammenfasst: „Trauma makes me one of a kind.“

Und dann katapultiert Weinmann uns ganz nonlinear in „Woolen Sweater“ in die Gegenwart. Zu dem Verlust, der den Entstehungsprozess von „Feel Better“ anstieß. Kurz vor Beginn starb Weinmanns Großvater. Aus freien Stücken mit in der Schweiz legalen Sterbehilfe. „Woolen Sweater“ beschreibt auf unglaublich empathische Art und Weise die komplexen Gefühle dieser Situation. Dabei zeigt sie ihr Talent für kleine Momentaufnahmen und Beobachtungen mit großen Implikationen. Den Moment, in dem sie lernt, dass es an einem Montag passieren wird („The last monday of your life“). Seinen Wollpulli, in dem er so schrecklich dünn aussieht. Den Wunsch nach kleinen, gemeinsamen Freuden: „We could hold hands and say nothing together.“ Das ist nicht nur der Höhepunkt dieses zutiefst persönlichen Albums – sondern auch einer der traurigsten Songs des Jahres.

Veröffentlichung: 1. Dezember 2023
Label: Sinnbus

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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