Sudan Archives – „Natural Brown Prom Queen“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Natural Brown Prom Queen“ von Sudan Archives, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Sudan Archives – „Natural Brown Prom Queen“ (Stones Throw Records)

In der englischen Sprache gibt es die schöne Wortkombination „Sophomore Slump“, die sich in etwa mit „die zweite Krise“ oder das „zweite Stolpern“ übersetzen lässt. Das ganze Gewicht dieses Idioms kann man mit diesen holprigen Übertragungen allerdings nicht einfangen. Schließlich geht es hier um die Angst vor dem Scheitern beim zweiten Anlauf. Wenn ein*e Künstler*in nach einem fantastischen, vielleicht auch erfolgreichen Debüt mit dem zweiten Album das Gleiche noch einmal aufwärmt, sich unter dem Erfolgsdruck in Überambitionen verheddert oder sonst wie hinter den Erwartungen zurückbleibt, kann man vom „Sophomore Slump“ sprechen. Die Angst davor kann für viele Acts eine ziemliche Existenzkrise auslösen. Außer man ist so furchtlos wie Sudan Archives.

Die in Ohio geborene und in L.A. lebende Violinistin, Produzentin, Sängerin und Songwriterin veröffentlichte 2019 mit „Athena“ ein gefeiertes Debütalbum, das mit seiner Fusion aus R&B, HipHop, Soul und sudanesischem Folk mit Lob und Anerkennung überschüttet wurde. Auf ihrem Nachfolger lässt sich Brittney Denise Parks, so ihr bürgerlicher Name, keinen Druck von außen anmerken. Im Gegenteil. „Natural Brown Prom Queen“ wirkt wie das Werk einer Künstlerin, die gerade erst loslegt.

Furchtlose Kreativität

Die besagten Genre-Durchmischungen des Debüts werden auf „Natural Brown Prom Queen“ noch viel mehr auf die Spitze getrieben. In einem Interview mit dem Podcast Song Exploder sprach Parks darüber, wie sie sich vom Geigenspiel in äthiopischer und sudanesischer Volksmusik inspirieren ließ. Dort geht die Violine in den direkten Dialog mit dem Gesang, ein instrumental-vokales Call-and-Response-Spiel (gut nachhörbar ist das im Refrain von „Selfish Soul“). Doch statt wie ein Dialog muten die Songs dieses Albums mehr wie ein komplex arrangiertes Theaterstück mit 20 sich ins Wort fallenden Schauspieler*innen an. Songs mutieren innerhalb von Sekunden von einem Stil zum nächsten. Die kräftigen Handclaps und Bouzouki-Vibes von „NBPQ (Topless)“ kollabieren nach einer Minute plötzlich in himmlische Chor-Harmonien. „Loyal (EDD)“ beginnt mit einem finsteren 808-Bass, um den später plötzlich Soul-Bläser kreisen – nur um danach in den genussvollen Trap von „OMG Britt“ überzugehen. Die einmütige Interlude „It’s Already Done“ klingt wie unter Wasser aufgenommener P-Funk – und mündet in die verträumte R&B-Ballade „Flue“. Nichts bleibt auf diesem Album so, wie es scheint.

Was sich liest wie die pure Reizüberflutung, ist aber viel mehr. Dafür sorgen Songs wie „Home Maker“ oder „ChevyS10“, die sich viel Zeit nehmen, und mit jeder Minute wachsen. Und die subtile Narrative, die sich durch „Natural Brown Prom Queen“ zieht. Sudan Archives erzählt hier lose die autobiografische Geschichte von „Britt“, die in Ohio aufwächst und in Kalifornien künstlerische und menschliche Freiheit kennenlernt. Dazu passt diese vor Kreativität nur so übersprudelnde Musik perfekt.

Veröffentlichung: 9. September 2022
Label: Stones Throw Records

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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