
The Divine Comedy – „Rainy Sunday Afternoon“ (Divine Comedy Records)
Neil Hannon hat eine einfache Lösung für das Ertragen unserer chaotischen und überfordernden Zeit: „Jeder Mensch sollte ein orchestrales Pop-Album machen dürfen. Und das Gesundheitsministerium sollte es zahlen.“ Gut, dieser Ansatz mag ein wenig utopisch sein (man denke nur an die Logistik!). Aber der Gedanke ist nachvollziehbar – ist doch der Kammerpop seiner Gruppe The Divine Comedy seit über 35 Jahren ein verlässlicher Balsam für die Seele. Seit dem Debüt „Fanfare For The Comic Muse“ aus dem Jahr 1990 haben der nordirische Sänger und Songschreiber und seine Mitstreiter*innen den bittersüßen Pop-Song, der sich nicht vor der Dunkelheit der Welt verschließt und gleichzeitig Trost spenden kann, perfektioniert.
Ihr 13. Album „Rainy Sunday Afternoon“ erscheint nun in besonders melancholischen Zeiten. Hannons letztes großes Projekt war der Soundtrack zur starbesetzten Roald-Dahl-Adaption „Wonka“ (2023), bei dem er seine humorvolle, verspielte Seite ausleben konnte. Doch hier, im vollen Divine-Comedy-Modus, geht er wieder in die Dunkelheit: Und so beginnt das Album in einem Schützengraben des Ersten Weltkriegs. „Achilles“ ist eine Variation auf ein Gedicht eines 1917 gestorbenen Soldaten, das Hannon direkt mit seiner eigenen Angst vor dem Sterben in Verbindung bringt, mit schlichten Worten: „For we, the living / Death is the Achilles heel.“ Der Tod ist unser aller Achillesferse.
Den Wahnsinn erträglich machen
Nach der Auseinandersetzung mit dem Tod geht es weiter mit dem Thema Demenz in „The Last Time I Saw The Old Man“: „His hands seemed so fragile and grey / I was worried I might break them / Showed him pictures but he didn’t understand“, singt Hannons vibratolastiger Bariton über schleppende Piano-Akkorde und eine wehmütige Trompete. „Rainy Sunday Afternoon“ wurde in den Abbey-Road-Studios aufgenommen – und Hannon nutzt das volle dramatische Potenzial dieses großen Sounds aus. Diese Schwermut bezieht sich nicht nur auf persönliche Themen, sondern auch auf politische: „I try not to fixate on the state of the world / I wonder if one day the doom and gloom will disappear“, singt er im Titelsong. Und weiter: „And the men who rule by fear / Will realise the error of their ways.“
Doch „Rainy Sunday Afternoon“ wäre kein The-Divine-Comedy-Album, wenn die Dunkelheit siegen würde. Hannons Spezialität war schon immer ein trotziger Galgenhumor – und den gibt es hier zuhauf. Nirgends so stark wie im Album-Highlight „Mar-a-Lago By The Sea“, ein ätzend-witziges Porträt der kitschig-prunkvollen Residenz des amtierenden US-Präsidenten. Das Orchester spielt eine schmierige Rumba, während Hannon von goldenen Toiletten, schlechten Golfern und faschistischen Blutsaugern singt: „Mar-a-Lago, how I miss / The golden johns in which I pissed / All that ostentatious wealth / The paintings of myself / When I was young and free.“ Da ist sie wieder, die Divine-Comedy-Kunst, die Wahnsinn erträglich machen kann.
Veröffentlichung: 19. September 2025
Label: Divine Comedy Records
