Torres – „Silver Tongue“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Silver Tongue“ von Torres

Torres – „Silver Tongue“ (Merge Records)

Wenn im Englischen jemand als „silver-tongued“ bezeichnet wird, dann gilt die- oder derjenige sehr sprachgewandt. Fähig, Menschen nur mit Wörtern um den Finger zu wickeln. Wer sein oder ihr Album also „Silver Tongue“ nennt, scheint sich der Macht der Sprache bewusst zu sein.

Der Titel passt auf jeden Fall sehr gut zu Torres, dem Projekt von Mackenzie Scott. Die US-amerikanische Musikerin ist nämlich eine wahre Meisterin der verbalen Manipulation. Auf ihren drei bisherigen LPs demonstrierte sie das zur Genüge. Ihr Noir-Pop ist gefüllt mit Sätzen, die erst mit Lieblichkeiten einlullen – und dann den Boden unter den Füßen wegreißen. Ihr nun erscheinendes „Silver Tongue“ betiteltes viertes Album ist nicht nur in dieser Disziplin ihr Meisterstück – es ist ihr bis dato ausgefeiltestes Werk.

Silberzüngige Präzisionslyrik

„Are you planning to love me…“, eröffnet Scott liebevoll im Opener „Good Scare“. Sie beendet diesen Satz in einem goldenen Käfig. Mit spitzer Feder beschreibt sie auf diesem Album eine Beziehung im Endstadium, zwei Menschen die einander lieben, aber das Vertrauen verloren haben. „I had never seen that look from you before / You were eyeing all the exits“, singt sie mit einem erstaunten Zittern in der Stimme. Viele Worte braucht sie dafür nicht, keine Silbe wird verschwendet. „It’s easy for you to insist that I can’t remember / That you can’t forget“, heißt es in „Dressing America“. Selbst eine schlichte Zeile wie „You deserve a simpler life“ hat massives Gewicht – schließlich richtet Scott sie an die neue Partnerin ihrer Ex. Wissend, was auf sie zukommt.

Diese silberzüngige Präzisionslyrik untermalt Scott – hier zum ersten Mal selber die alleinige Produzentin – mit abenteuerlicher Musik. Der bittere Liebesbrief „Last Forest“ treibt auf einem blubbernden Electronica-Fluss, der in einem überlebensgroßen Rock-Refrain mündet. „Records Of Your Tenderness“ ist ein konstantes Wechselspiel zwischen flirrendem Gitarren-Feedback und strahlendem Synth-Pop, ähnlich emotional ambivalent wie die titelgebenden Erinnerungen an vergangene Zärtlichkeiten. Selbst in „Good Grief“, dem straightesten Rock-Song der Platte, zittern die Gitarren nervös.

„My teachers warned me ‚Watch what you sing! / Who ever‘s listening will believe‘“, singt Scott im abschließenden Titeltrack. Ein angemessener Abschluss für ein Album, auf dem jedes gesungene Wort zählt. Man kann nicht viel anderes tun, als jede Silbe dieser LP aufzusaugen – und zu glauben.

Veröffentlichung: 31. Januar 2020
Label: Merge Records

Bild mit Text: Förderveein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Marco Neuhaus
    Jan 31, 2020 Reply

    klingt gut, das Album….

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