
Water From Your Eyes – „It’s A Beautiful Place“ (Matador Records)
Unser Planet Erde ist ziemlich alt und das Universum um uns herum ist noch viel älter. Aktuelle Schätzungen berechnen das Alter des Alls auf stramme 13,79 Milliarden Jahre. Gemessen daran ist all das, was wir als Homo Sapiens in unseren 300 000 Jahren angerichtet haben, weniger als ein Augenblick. Eine galaktische Mikrosekunde, gefüllt mit Chaos, Zerstörung, Schönheit. Mit der ganzen Bandbreite unserer Existenz. Die aus kosmischer Perspektive betrachtet komplett irrelevant ist, aber alles ist, was wir haben.
Das sechste Album von Water From Your Eyes heißt „It’s A Beautiful Place“ – und die US-Art-Rock-Band meint damit genau das: unsere Erde, ein wunderschöner Ort, den wir als Menschheit für eine kurze Zeit bewohnen dürfen. Im ByteFM Magazin sprach Nate Amos, eine Hälfte des Duos, im Juli 2025 über die menschliche Hybris hinter der Annahme, dass wir diesen Planeten zerstören könnten. Die Erde wird überleben, egal wie sehr wir sie kaputtmachen – nur halt ohne uns. Diesen ach so kurzen Moment, den wir auf ihr haben, wollen Water From Your Eyes jetzt vertonen. „Wir wollten dabei eine große Bandbreite an Stilen einbauen, in einer Weise, die verdeutlicht, dass alles nur ein kurzes Aufflackern ist“, sagt Amos an anderer Stelle. Ein Vorhaben, das auch nicht ganz ohne Hybris auskommt.
Unsere wunderbare Irrelevanz
Wie machen Amos und Sängerin Rachel Brown das? Na klar, mit Chaos, Zerstörung und Schönheit. Die bisherigen LPs von Water From Your Eyes waren sehr dekonstruktive Angelegenheiten, eine Mischung aus Noise-Rock, Avantgarde und elektronischer Pop-Musik. Doch „It’s A Beautiful Place“ ist zugleich ihr zugänglichstes und ihr expressivstes Werk. Kantige Post-Punk-Gitarren kämpfen mit Hyper-Pop-Beats. Dreampop-Passagen werden vom Noise überspült. Und wenn die Songs eingängig sind, haben sie nicht nur Hooks – sie haben ganze Greifzangen, die Dich am Hals packen und nicht mehr loslassen.
Dieses betörende Chaos beginnt mit der Single „Life Signs“, in der Blues-Rock-Riffs über hektische Stolper-Beats im 5/8-Takt ertönen. Darüber singt Brown in entrückter Ruhe über banalen Menschen-Alltag, das Leben in einer kleinen Stadt – und die Teilchen-Kollisionen, die dafür sorgen, ob einem Menschen vergeben werden kann oder nicht. Da ist sie, die kosmische Dissonanz.
Die gibt es auch in dem Hyper-Pop, Shoegaze und Grunge verquirlenden „Born 2“ zu hören: „The world is so common / And born to become / Something else.“ Die glitchy Gitarren in „Spaceship“ klingen mal wie ein kaputtes Dial-up-Modem und dann wieder wie schönste Ambient-Musik. Im Slacker-Indie von „Blood On The Dollar“ blitzt gen Ende das windschiefe Pop-Genie von Amos’ Soloprojekt This Is Lorelei durch, das „normalste“ Stück Pop-Musik dieses Albums – das dann von der abschließenden Industrial-Avant-Komposition „For Mankind“ wieder in die Stratosphäre geschossen wird. Und dann ist da noch „Playing Classics“, das Kernstück dieses Albums. Eine Party vom Ende der Menschheit, mit Disco-Piano, Charli-XCX-Vibes und Gang-Of-Four-Gitarren. „We’ve got modern idols for the end of an age / There’s no lost future, baby“, singt Brown – und feiert mit uns für sechs wunderbare Minuten unsere Irrelevanz.
Veröffentlichung: 22. August 2025
Label: Matador Records
