3 Bands, 5 Dollar, 2 Ventilatoren


Ein paar Subway-Stationen entfernt von der aktuellen Indie-Hipster-Schaltzentrale Williamsburg in Brooklyn, inklusive ihren, verglichen mit hiesigen Gentrifizierungs-Hotspots, wie der Hamburger Schanze oder dem Berliner Friedrichshain, noch maßloser überteuerten Quadratmeterpreisen und der Hauptflaniermeile Bedford Avenue, auf der Gitarrenkoffer zu Handtaschen umfunktioniert werden, befindet sich das 538 Johnson. Von außen ein unauffälliger roter Backstein-Fabrikbau, von innen ein Wohnprojekt auf drei Etagen, das sowohl vollgesprayte Treppenhäuser und zugemüllte Flure, als auch riesige, helle Loft-Wohnzimmer und Räume mit eigenwilliger, handgezimmerter Innenarchitektur enthält.
In einem solchen Loft im ersten Stock veranstalten einige Bewohner regelmäßig in ihrem zweigeschossigen Wohnzimmer mit Bands und Besuchern vollgepackte Konzerte. Hier gibt es alles von Punk und Hardcore über experimentellen Indiepop hin zu Folk, Cabaret, Lesungen und Poetry-Slams zu sehen, was in den jeweiligen örtlichen und US-Amerikanischen Sub-Szenen gerade so unterwegs ist. Daß die Konzerte mangels Veranstaltungslizenz weder Ankündigung in den hiesigen Medien finden, noch einen Getränkeaussschank bieten, stört hier keinen der zahlreichen Besucher. Auch nicht an diesem schwül-heißen New Yorker Spätsommer Freitagabend.

3 Bands haben sich angekündigt und aus Long Island, Florida und Brooklyn in ihre Tourvans und auf ihre Fahrräder geschwungen um das Wohnzimmer im ersten Stock des 538 Johnson Avenue zur Sauna werden zu lassen.
5 Dollar werden einem von einer freundlichen Bewohnerin, die sich auf einem Barhocker am Wohnzimmereingang positioniert hat abgenommen, die Abendkasse geht an die tourenden Bands.
2 kleine Ventilatoren schaffen es nicht die New Yorker Schwüle aus dem, schon eine Stunde vor Beginn des Konzertes, mit vielfältigen jungen Punks, Indiekids und Hippies vollgepackten Wohnzimmer zu vertreiben, so daß der Abend zu einer schweißnassen Angelegenheit wird.

Die erste Band, Young Livers aus Gainesville, Florida, beginnt ihr Set um ca. 21:30 Uhr. Es wird laut und ausgelassen. Wer schon mal etwas vom Label No Idea aus Gainesville gehört hat, auf dem die vier Jungs neben anderen ehemaligen und aktuellen Größen der amerikanischen Indie-Punk und Hardcore-Szene, wie z.B. Hot Water Music, Against Me! oder Dillinger Four vertreten sind weiß, daß diese Eckdaten ein Garant für melodischen oder harten Punkrock und die dazugehörigen bewegungsintensiven Mitsingkonzerte sind.

Als zweites spielen Iron Chic aus Long Island auf, die so etwas wie die hiesigen Muff Potter oder Turbostaat als Pop Punk Band sind, zumindest wenn man nach der treuen, jeden Text auswendig mitsingenden Fangemeinde geht, die ihnen auch schon mal stundenlang zu Konzerten hinterher fährt. Iron Chic bestreiten so an diesem Abend einen weiteren von vielen Kehlen besungenen und vielen hochgestreckten Armen gefeierten Auftritt, der die Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit nochmals hochprozentig steigert.

In den Umbaupausen füllt sich der enge, mit Bandequipment zugestellte Hausflur mit ausgelassenen, nach einer Zigarette und Abkühlung suchenden Scharen von Konzertbesuchern und Hausbewohnern. Mitgebrachte Bierdosen kreisen und werden vor Verlassen des Gebäudes in jeder möglichen Ecke entsorgt, da das Konsumieren von Alkohol in der Öffentlichkeit in Brooklyn – mit Ausnahme von Bars – wie auch fast überall in den USA gesetzlich verboten ist. Eine Tatsache, die gerade im Sommer recht gewöhnungsbedürftig ist.

Den musikalischen Abschluss dieses heißen Konzertabends bilden Bridge And Tunnel aus Brooklyn, die in der New Yorker Indie Punk Szene eine amtliche Größe sind und nach einigen in diesem Jahr bereits absolvierten US- und Europa-Touren, inklusive Veröffentlichung einer neuen LP auf bereits erwähntem No Idea Label, froh sind mal wieder in der eigenen Nachbarschaft aufzutreten. Dieses wird den vier Jungs und Mädels dann auch nochmals lauthals und mit der höchsten Publikumsdichte des Abends gedankt.
Daß Brooklyn heutzutage an musikalischer und Veranstaltungs- Vielfalt weit mehr Neues und Abseitigeres bietet als den zeitgemässen Schrammel-Indiepop von The Drums, Beach Fossils und Artverwandtem konnte man an diesem Abend im 538 Johnson miterleben.

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Kevin
    Sep 11, 2010 Reply

    Sehr Cool! Sehr Coo! Wünschenswert wäre vielleicht noch links zu den Bands einzubinden. aber ich kann auch google.

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