Neue Platten: Bear In Heaven – "I Love You, It's Cool"

(Dead Oceans)(Dead Oceans)

9,0

Na, das ist doch mal ein Service. Vor etwa dreieinhalb Monaten kündigten Bear In Heaven das Erscheinen ihres mittlerweile dritten Albums „I Love You, It’s Cool“ an, und seither kann es – bis zur US-Veröffentlichung am 3. April 2012 – auf ihrer Website als Stream komplett angehört werden. Allerdings hat die Sache einen nicht ganz unwesentlichen Haken: Dieser Stream entpuppt sich als wahrer Longplayer und umfasst lediglich einen einzigen Durchlauf der insgesamt zehn Songs. Die Gesamtdauer des Albums von etwa 44 Minuten wird hier auf über 2.700 Stunden ausgewalzt. Jede einzelne Sekunde dauert somit jeweils etwas mehr als eine Stunde.

So ganz mag das Trio aus Brooklyn also nicht aufs Experimentieren verzichten, und es möchte den mehrmonatigen Stream dabei durchaus auch als kritischen Kommentar zu Marketingstrategien, die im Vorfeld einer Veröffentlichung unterschiedlichste Teaser erfordern, verstanden wissen. Daneben taugt er natürlich auch als hübscher Medien-Gimmick, um tatsächlich für etwas mehr Aufmerksamkeit zu sorgen. Und die hat „I Love You, It’s Cool“ absolut verdient.

In Normalgeschwindigkeit stellt das neue Album nämlich das genaue Gegenteil zu der extremen Entschleunigung dar. Mit dem poppig-treibenden „Idle Heart“ markieren Jon Philpot (Gesang, Keyboards), Adam Wills (Bass, Gitarre) und Joe Stickney (Schlagzeug) gleich zu Beginn das musikalische Terrain, auf dem sie sich fortan – mit Ausnahme des letzten Songs „Sweetness & Sickness“ – bewegen. Nach dem recht experimentellen Debüt „Red Bloom Of The Boom“ (2007) war zwar bereits mit „Beast, Rest, Forth, Mouth“ (2009) die Hinwendung zum Pop zu erkennen, aber auf „I Love You, It’s Cool“ denken Bear In Heaven diesen Ansatz nun konsequent und zudem ziemlich kompromisslos zu Ende. Dabei fasziniert vor allem die wunderbare Leichtigkeit, mit der dies geschieht. Nichts wirkt verkrampft oder erzwungen, und dies gilt ausnahmslos für alle zehn Songs.

Beim ersten Hören wird das Album von Jon Philpots geradezu mächtigen Synthesizer-Klängen dominiert. Diese erscheinen zwar vergleichsweise altmodisch, werden hier aber mühelos in die Gegenwart geführt. Mit zunehmender Hördauer und -häufigkeit verlieren die wabernden elektronischen Sounds ihre vermeintliche Schwere, und es öffnet sich der Raum für schöne Bassläufe und für die – gelegentlich mit einem Hang zu Stammestrommeln gespielten – Drums. Letztere bilden ähnlich wie bei „Beast, Rest, Forth, Mouth“ das eigentlich Fundament der Songs, sodass Joe Stickney wiederum einen sehr hohen Anteil an deren Gelingen hat.

„I Love You, It’s Cool“ schwelgt durchgängig in unglaublich ansteckenden Melodien, unterstrichen von Jon Philpots heller Stimme, die angenehm zurückhaltend und unaufdringlich in die zum Teil voluminösen Klangwelten eingebettet ist. Der Band ist sicher bewusst, welche wunderbaren Pop-Perlen ihr hier gelungen sind, aber zu keinem Zeitpunkt kommt Selbstzufriedenheit oder gar Selbstgefälligkeit auf. Jeder Song dieses Albums unternimmt jeweils eine dezente, aber spürbare Entwicklung. Die darf dann ruhig auch mal ein wenig Unbehagen erzeugen, beispielsweise wenn zum Ende von „Sinful Nature“ die Synthesizer das lautstarke Kommando übernehmen, oder wenn zum Schluss von „Warm Water“ beinahe der Eindruck von Stadion-Tauglichkeit entsteht. All dies ist nämlich kein bisschen nervig oder peinlich, sondern geschieht mit einer lässigen Selbstverständlichkeit. Daneben gibt es aber auch kleine eingestreute Elemente, die wiederum an die Verspieltheit von „Red Bloom Of The Boom“ erinnern. Die Eindrücke sind vielfältig, aber die eigentlich bemerkenswerte Erkenntnis lautet: Hier passt jeder Ton! Und dies gilt auch für das dumpfer und dumpfer werdende Outro von „Cool Light“, wobei die Beats nicht mehr nur auf die Gehörgänge, sondern auch auf die Magengegend zielen.

Mit dem letzten Song gibt es dann doch noch einen Stilbruch. Irgendwie hippie-esque vor sich hin wabernd ist „Sweetness & Sickness“ für sich genommen durchaus interessant, mag sich jedoch auch nach mehrmaligem Hören nicht so richtg in den Gesamtkontext einfügen.

Ungeachtet dessen ist „I Love You, It’s Cool“ aber das spannende Ergebnis einer bestechend klaren musikalischen Vision. In einer gerechten Welt müsste der charmante Pop-Appeal der Songs eigentlich für Dauer-Airplay sorgen, denn nach zwei bereits ausgesprochen guten – wenn auch eben völlig unterschiedlichen – Longplayern sind Bear In Heaven auf ihrem dritten Album nun besser als je zuvor, und das ist wirklich cool!

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