Mitski – „The Land Is Inhospitable And So Are We“ (Rezension)

Cover des Albums „The Land Is Inhospitable And So Are We“ von Mitski

Mitski – „The Land Is Inhospitable And So Are We“ (Dead Oceans)

8,3

Mitski Miyawaki ist wieder da – anderthalb Jahre nach ihrem von Kritiker*innen gefeierten Album „Laurel Hell“ erscheint nun der Nachfolger: „The Land Is Inhospitable And So Are We“. Dieser Albumtitel schlägt somit auch erstmal in dieselbe Kerbe wie sein Vorgänger. „Laurel Hell“ ist nach einer Lorbeerpflanze benannt, die in derart dichten Büschen wächst, dass sich Eindringlinge nur mit Mühe wieder aus ihnen befreien können – ebenfalls nicht besonders einladend. Also alles so wie immer bei Mitski? Nicht wirklich.

Mitskis „most American Album“

Seit ihrem letzten Album hat sich einiges verändert. Es scheint, als hätte Mitski erst einmal die Discokugel wieder ausgeknipst. Auf „The Land Is Inhospitable And So Are We“ gibt es keine recycelten 80er-Dancemoves und ganz selten mal einen Kopfnicker-Beat. Dafür fährt es die großen Geschütze auf und holt sich orchestrale Unterstützung in die Arrangements. Die poppige Tightness ihrer letzten Songs ist kein Thema mehr, stattdessen machen sich im wahrsten Sinne epische Weiten breit und das Gefühl schleicht sich ein, hier einen gefacelifteten Soundtrack einer All-American-Held*innensaga à la Ennio Morricone vor sich zu haben.

Die studierte Musikproduzentin mit US-amerikanisch-japanischen Wurzeln sagt von ihrem Werk selbst, es sei ihr bisher „most American Album“. Tatsächlich erhärtet sich dieser Verdacht schon im Opener „Bug Like an Angel“, der bereits im Vorfeld als Single erschien. Reduziert und bluesy leitet allein eine Akustikgitarre in das neue Album ein, Mitskis Stimme darüber erinnert an das Frühwerk von Jason Molina und Songs: Ohia. Mitski wäre aber nicht Mitski, wenn sie nicht noch eine Überraschung parat hielte: „Family“ posaunt ein erstaunlich großer Chor plötzlich aus dem Nichts ins Voll-Stereo. Ein Opener zum Wachwerden. „Bug Like An Angel“ belegt gleich zu Anfang die ausgefeilte Bildsprache der Musikerin. Schon im ersten Vers führt sie in den bedrückenden Alltag einer Trinkerin ein und lässt ihr Publikum auch nach Songende nicht mehr ins Hier und Jetzt zurückkehren, denn das wirkt nach: “There’s a bug like an angel / Stuck to the bottom / Of my glass, with a little bit left.”

Wohldosierte Country-Zitate

Den Eindruck eines eher folkigen Charakters quittiert auch der zweite Track „Buffalo Replaced“, der Mitski und ihrem langjährigen Produzenten Patrick Hyland als Referenz-Sound für „The Land Is Inhospitable And So Are We“ diente. Tief gestimmte Akustikgitarren und ein schweres, im Hintergrund arbeitendes Schlagzeug lassen den Oberkörper mitwippen. Ganz besonders interessant ist aber der Harmoniewechsel im Chorus, der unerwartet ruckartig in eine Seitenstraße abbiegt. In „Heaven“ zeigt sich zum ersten Mal Mitskis Hang zur Orchestrierung ihrer Songs, der sich auch auf früheren Alben schon finden lässt. Im Rheinland würde man zu diesem Song wahrscheinlich schunkeln, denn er lässt sich entweder als 4/4- oder 6/8-Takt zählen. Essentiell wichtig für den Groove ist außerdem der gezupfte Kontrabass, dessen Linie auch zur musikalischen Untermalung eines Ritts gen Sonnenuntergang gedacht sein könnte.

Die traditionellen Einflüsse aus Folk und Country mögen für europäische Ohren oft etwas kitschig klingen. Vor allem wenn ein Instrument wie die Pedal-Steel-Gitarre ihren Einsatz erfährt. Das passiert auf Mitskis neuem Album gar nicht so selten, trotzdem dosiert sie die Country-Zitate sehr geschmackvoll. Zum Beispiel in Songs wie „I Don’t Like My Mind“, in dem Mitski humorvoll die Leiden eines Overthinkers beschreibt und die Protagonist*in zum Trost einen ganzen Kuchen verspeisen lässt: „A whole cake, all for me / And then I get sick and throw up.” Nach Nashville, wo sie einen Großteil des Albums aufnahm, klingt auch „My Love Mine All Mine“, der genau so auch von Dolly Parton hätte stammen können – oder von Radiohead. Denn bei den Akkorden wäre es kaum verwunderlich, wenn plötzlich ein „I’m a creep, I’m a weirdo“ aus den Boxen ertönte.

Mitskis Stimme als Guide durch den dunklen Weltraum

Mit Radiohead eint Mitski auf diesem Album übrigens auch ihre Verehrung für Scott Walker, den US-amerikanischen Singer-Songwriter, der es wie kein anderer verstand, seine Songs mit einem vielschichtigen Orchesterklang anzureichern. Ganz besonders wird das ins Tracks wie „When Memories Snow“ und „The Star“ deutlich. Ersterer erinnert zunächst ein wenig an einen Jazzstandard, baut sich immer größer auf und mündet in einem fulminanten Finale mit – wortwörtlich – Pauken und Trompeten. Hier ist das Wild-West-Held*innenepos schon in greifbarer Nähe. Der Staub der Prärie liegt auf der Zunge. „The Star“, vielleicht der interessanteste Song auf dem Album, ist auf gesamter Songlänge mit einem bedrohlichen Unterton versehen: Ein tiefes Dröhnen, ein sogenannter Drone-Ton, der sich den Harmonien nicht anpasst und statisch liegen bleibt. Dazu, aber ganz weit weg, minimalistische Drums und Mitskis Stimme als Guide durch den dunklen Weltraum: Auf dem Weg zur Liebe, die längst zu einem weit entfernten Stern Reißaus nahm.

Mitskis neues Album „The Land Is Inhospitable And So Are We“ ist ein Sleeper. Aber wenn es erwacht, dann mit einer überbordenden Energie. Laut wird es zwar zwischendurch nur selten, aber wenn, dann intensiv und noisy. Wie beim letzten, hingebungsvollen Titel „I Love Me After You“, in dem es Mitski wieder einmal schafft, über konventionelle Harmoniestrukturen überraschende Melodie-Lines zu singen. Der Popmusik macht sie, anders als bei „Laurel Hell“, auf ihrem neuen Longplayer kaum Avancen. Stattdessen sorgt sie für viele liebevolle Details – ein Album zum Zuhören. Ob es Songs von dieser Platte schaffen, in den sozialen Medien viral zu gehen, wie es viele ihrer Songs in der Vergangenheit schafften, bleibt offen. Wenn nicht, kann es zumindest nicht an ihrer Qualität gelegen haben.

Veröffentlichung: 15. September 2023
Label: Dead Oceans

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Holger Lisy
    Nov 9, 2023 Reply

    Das „Sleeper“- Album ist bei mir in kürzester Zeit erwacht und gehört bereits zu meinen 10 Lieblingsalben in 2023. Instrumentierungen, Melodien, Harmonien, Lyrics (Amateur Mistake, They Break You Right Back) und der teils verstörende Noise-Einschlag ergeben zusammen große Kunst. Eine sehr schöne Rezi, über die 8,3 muss ich schmunzeln. Einziger Wehmutstropfen ist, dass es nach einer halben Stunde schon vorbei ist.
    Als Lapsteel-Spieler und Nashville-Fan bin ich freilich besonders begeistert darüber, wie die Americana-Elemente hier für großes Ohren-Kino sorgen.

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