Neue Platten: Grouper – "The Man Who Died In His Boat"

Grouper - The Man Who Died In His Boat (Kranky)Grouper – „The Man Who Died In His Boat“ (Kranky)

7,9

Weg. Gerade war sie noch da. Oder nicht? Was man in einem Moment noch wahrnimmt, hat sich im nächsten verflüchtigt. Das funktioniert zwar einerseits wie Musik, andererseits aber auch nicht. Was Liz Harris als Grouper auf ihrem mittlerweile achten Album „The Man Who Died In His Boat“ zum Anhören anbietet, schwebt einfach so dahin, wabert mal hierhin, mal dorthin und verweilt doch keinen Augenblick im Gehör. Nie erhebt Harris die Stimme, nie schlägt sie die Gitarre richtig an. Alles ist hier offen, aber gleichzeitig geschlossen. Der Gesang ist kaum zu verstehen, die Instrumente klingen wie verdeckt.

„The Man Who Died In His Boat“ ist ein Nebenprodukt von Harris’ Album „Dragging A Dead Deer Up A Hill“ aus dem Jahr 2008, das parallel zu dieser Veröffentlichung noch einmal erscheint, weil es inzwischen vergriffen ist. Die fünf Jahre dazwischen hört man der Platte nicht an. Harris schafft eine zeitlose Mischung aus Folk, Ambient und Drone, wobei das Letztgenannte hier nicht so sehr zum Tragen kommt. Vielmehr ist es folkiges Ambient oder umgekehrt. Harris ist nicht die einzige, die diese Art Musik macht, aber die Konsequenteste. Ihre Lieder sind so derart reduziert, klingen so weit weg und verloren, dass einen die Einsamkeit darin geradezu anfällt. Wer möchte, kann auch immer noch die Depressionen herauslesen, die die Musikerin aus Portland, Oregon, vor allem auf ihren ersten beiden Platten beschäftigten. Oder die nächtlichen Sessions, in denen die Lieder entstanden. Es rauscht permanent und viele Instrumente sind mit ganz viel Hall versehen. Dies ist Musik aus der Zwischenwelt, zwischen wachen und schlafen, zwischen lebendig und tot. Harris nennt das „other worlds“: Sie gehören nicht zu dieser Welt und existieren allein in ihrer Vorstellung, sind Fluchträume, in denen sie sich mit ihren Ängsten beschäftigen kann. Das Tragische daran ist, dass diese dunklen Räume in der Form, die Liz Harris ihnen gibt, wirklich wunderschön sind. Fast wie eine ganz leise, mystische und akustische Variante von My Bloody Valentine, ähnlich herzzerreißend und sphärisch, nur ohne folgbaren Melodien.

Groupers Musik passiert einfach, folgt keiner Dramatik, hat keine Refrains und hält sich auch sonst nicht an Regeln. Sie ist da, aber gleichzeitig auch nicht. Ihre Stimme gibt den Songs einen Halt, ist sie abwesend, verliert sich alles in ein loses Nebeneinander, wie in „Vanishing Point“: Ein Rauschen ist das einzige, was die seltsamen einzelnen Klaviertöne annähernd zusammenhält. „STS“ mit verloren perkussiv angeschlagenen Gitarrensaiten funktioniert ähnlich. Wenn Harris ihre wenig spektakuläre Stimme erklingen lässt, ist sie kaum zu verstehen, so weit nach hinten gemischt ist ihr Gesang. Aber alle Instrumente scheinen sich dann nur noch um sie zu drehen, sie zu umspielen. So ist der Gesang einerseits ein weiterer Effekt, andererseits das Bindeglied all der losen Elemente. Nur worum es in den Texten eigentlich genau geht, lässt sich nicht nachvollziehen. Sie gehen in den Klängen unter, werden gedehnt und gedoppelt. Man kann sich nur sicher sein, dass es keine lustigen Geschichten sind.

Label: Kranky | Kaufen

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