Tim Kasher im Interview

Anfang Oktober. Eine Woche Tour zum neuen Album hatte er bereits hinter sich. Wenige Stunden vor dem ersten von zwei Konzerten in New York nahm sich Tim Kasher, bekannt als Frontmann von Cursive und The Good Life, Zeit für einen Kaffee und ein Interview auf dem Campus der NYU, direkt am Washington Square, mitten in Manhattan. Prall gefüllt mit Koffein-vernarrten Studenten und extrem hoher Laptop-Dichte ließ eine kleine Ecke der Fensterfront des Cafés gerade eben genug Platz für das Gespräch mit einem sichtlich entspannten, Cordhosen und Holzfällerhemd tragenden und äußerst redseligen Kasher, der bereitwillig Hintergrundinfos und Details zu seinem neuen Soloprojekt, der Suche nach Auswegen aus dem Dilemma der Monogamie, den Herausforderungen des Songwritertums und David Bowie preisgab.

Die Labelheimat Omaha und Zwischenstation L.A. hinter sich lassend, verschlug es Tim Kasher vergangenen Winter in die relative Abgeschiedenheit und Kälte von Whitefish, Montana. Zwischen den jeweils aktuellsten Veröffentlichungen „Mama I’m Swollen“ seiner Band Cursive und The Good Lifes „Help Wanted Nights“ fand Kasher hier endlich Raum und Zeit, um seine ganz eigene und eigenständige Vision narrativen Songwritings anzugehen, ihr ein Fundament bittersüßer Opulenz mit dem Titel „The Game Of Monogamy“‘ zu geben und damit sein erstes offizielles Solo-Album zu veröffentlichen.

„The Game Of Monogam“‘ bietet mit seinen ständigen Dynamikwechseln und cineastischen Soundlandschaften ein herausforderndes Hörerlebnis zum Eintauchen. Die Instrumentierung untermalt und verstärkt Kashers oft unpoetisch aber atemberaubend auf den Punkt gebrachte, bitter bis humorvolle und stets ehrliche An- und Einsichten aus den vielen Abgründen und Herausforderungen der Ehe und monogamen Beziehungsführung. Von „Monogamy Overture“, dem von Harfe, Streichern und Klavier getragenen instrumentalen Intro, über die Akustik Gitarrenballade „Strays“, hin zum pompösen, orchestralen, von Blechbläsern angetriebenen „No Fireworks“, mit einem Zwischenstopp an der Pop-Single „Cold Love“, dessen Geschichte auch in einem extrem amüsant-sarkastischen Video erzählt wird, hat sich Tim Kasher auf dieser Solo-Reise sowohl von Freunden und Bandkollegen wie Matt Maginn von Cursive oder Erin Tate von Minus The Bear als auch von professionellen, angeheuerten Musikern des Glacier National Symphony Orchesters aus Montana musikalisch unter die Arme greifen lassen.

Was war denn der ursprüngliche Anreiz für Dich, ein neues Solo-Album aufzunehmen?
Das hatte ich schon vor, seit ich mit dem Musikmachen anfing. Die eigentlich interessante Frage ist vielleicht eher, warum ich dieses Album nicht mit meiner Band The Good Life gemacht habe, da The Good Life auch seit jeher das Ventil für meine ganz eigenen Geschichten und Songs war, welches immer nebenbei und parallel zu dieser etwas größeren, anderen Rockband (gemeint ist Cursive, Anm.d.Int.), die ich da noch habe, lief. Über die Jahre ist The Good Life zu einer eigenständigen Band mit sehr eigenem Stil geworden – was mich sehr freut – aber genau deshalb musste ich mit diesem Album mal ganz auf mich gestellt sein und mich frei ausleben können in Sachen Instrumentierung, Songwriting und der Suche nach Input von außerhalb.

Du hast auf „The Game Of Monogamy“ ein recht umfangreiches Line-up an Mitmusikern und Instrumenten versammelt und die musikalische Herangehensweise lässt einen an große Orchester und Film-Soundtracks denken. Wenn auch nicht unbedingt im klassischen Sinne, so ist das Album aber auf jeden Fall weit entfernt vom gewöhnlichen Singer-Songwriter Akustik-Solo Album. Ist es das, worauf Du hinaus wolltest?
Als ich anfing zu schreiben, überkam mich ziemlich schnell das Gefühl, in eine ganz falsche Richtung zu gehen. Normalerweise bin ich nicht der Typ, der sich vorher Konzepte ausdenkt und sich daran hält. Aber mit diesem Album fand ich mich plötzlich doch in dieser Situation. Da saß ich und schrieb genau diese introvertierten Standard-Akustik-Songs, die man von dem Typen erwartet, der aufbricht, um ein Solo-Album aufzunehmen. Tatsächlich wollte ich jedoch verhindern, dass das hier einfach nur der nächste Stapel Songs wird, den ich veröffentliche.
Dann gab es da diesen einen Nachmittag, an dem ich zu Hause rumsaß, mir den Kopf darüber zerbrach, weshalb ich nur so unscheinbares Akustikzeug hervorbringe. Außerdem hörte ich den ganzen Tag David Bowie. Um es ganz einfach zu sagen: Es war mal wieder inspirierend, sich bewusst zu machen, wie Bowie seinen Namen dazu benutzen wollte, das Rock-Universum zu übernehmen und für immer zu verändern. Damit will ich nicht im Geringsten sagen, dass ich das auch vorhätte oder glaube, das mit diesem Album zu tun, aber Bowie erinnerte mich, dass ich aufwachen muss und meine Grenzen neu austesten sollte.

Ich bin ziemlich froh, dass ich so früh an diesen Moment gelangte und noch alles umschmeißen konnte. Das heißt nicht, dass das Album bewusst mit Instrumenten überladen wäre. Es war einfach so, dass einige meiner Ideen nach etwas mehr verlangten. Und das geht wahrscheinlich in die Richtung, die Du meinst, wenn Du von Orchester und Film-Musik sprichst. Einer der ersten Songs war „Monogamy“. Dieses Demo hat das Fundament und die Atmosphäre für das Album vorgegeben.

Inwiefern würdest Du sagen, stellt “The Game Of Monogamy“ für Dich eine neue Herangehensweise oder Perspektive auf Themen wie bürgerliches Leben, Häuslichkeit, dem Umgang mit den Verpflichtungen von Ehe, dem Umgang mit alternativen Beziehungsmodellen und verschiedenen Konzepten des Erwachsenseins dar? Dies sind ja alles Themen, mit denen Du Dich als Songwriter und Musiker schon seit jeher auseinandersetzt.
Das ist eine sehr gute Frage und tatsächlich etwas, worüber ich gerne viel mehr in Interviews reden würde, da es nicht ganz einfach ist. Man muss versuchen die Balance zu halten, wenn man, wie ich, bestimmte wiederkehrende Themen hat. Über die Jahre und all meine Platten die mehr oder weniger um diese Themen kreisen, habe ich immer wieder versucht, verschiedene Aspekte zu finden und neue Perspektiven einzunehmen. Was soll man als Songwriter oder Autor auch machen? Wir als Menschen?
In letzter Zeit habe ich mich sehr für Phillip Roth und seine Bücher begeistert. Seine historischen Romane sind toll und er ist ein großartiger Autor. Aber wenn ich ehrlich bin, gefällt es mir persönlich am besten, wenn er über Dinge wie Affären, Untreue und den komplizierten Umgang mit Sexualität schreibt.
Allen Leuten kann man es natürlich nicht recht machen. Mir ist klar, dass einige wahrscheinlich den Kopf schütteln und es unerträglich und langweilig finden, dass ich mich immer noch mit denselben Dingen herumschlage. Aber ich weiß auch, dass einige es sehr begrüßen und inspirierend finden. Was richtig oder falsch ist, lässt sich eben nicht sagen.

Einen neuen musikalischen Kontext auf voller Albumlänge zu erkunden und die komplette Kontrolle darüber zu haben, war das neu für Dich?
Ja, und ich war mir ziemlich darüber im Klaren, dass ich es nicht so machen würde wie irgendeine Pop-Punk-Band- auch wenn das etwas abfällig klingt. Wenn sie zur schlaueren Sorte gehören, wissen diese Bands, dass sie zwar eigentlich jedes Mal die gleiche Platte veröffentlichen, aber denken wahrscheinlich, man solle in ihrem Genre nicht zu sehr vom bewährten Rezept abweichen.
Sexualität, Bindungsangst und Verpflichtungen, auf der anderen Seite ein Neuanfang bei gleichzeitiger Angst vor Vedränderungen, das sind die Themen auf Deiner neuen CD…
Ich glaube, einen tatsächlichen roten Faden muss man da nicht suchen. Einige Songs, wie z.B. „I’m Afraid I’m Gonna Die Here“ und „Strays“ sind eher in sich abgeschlossene Geschichten. Geschichten, die jedoch einen ganz guten Überblick über das Album geben können. Abgesehen davon, ist der generelle Plot des Albums eher genau diese Unentschlossenheit, die Du beschreibst. Für mich quasi die nahe liegende Art, über einen bestimmten Zeitabschnitt oder eine Lebensphase zu erzählen. Darüber, wie wir in Beziehungen leben. Über die Tage, an denen wir kämpfen und die über Tage, an denen wir alles hinschmeißen.

Der Songtext zu „I’m Afraid I’m Gonna Die Here“ deutet an, dass der einzige Ausweg aus dieser Art Dilemma sein könnte, ein neues Kapitel aufzuschlagen, einen Neuanfang zu machen. Warst Du tatsächlich auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen und Herausforderungen, auf die es eigentlich keine allgemeingültigen Antworten gibt?
Ja, genau, es gibt keine Antworten auf diese Fragen. Ich glaube das einzige was man tun kann ist, damit aufzuhören ein egozentrischer Idiot zu sein, sich zu entspannen und sein Leben zu leben. Es vielleicht sogar geniessen und sich nicht die ganze Zeit den Kopf zu zerbrechen. Aber genau daraus bestehen ja die meisten Songs, Bücher und Kunstwerke für die wir uns interessieren. Und oft ist es genau das, was uns an Künstlern und Schriftstellern am meisten gefällt. In dem Sinne gefällt mir der Gedanke, Teil von etwas größerem zu sein, ohne für meine Musik beanspruchen zu wollen, dass dies zwangsläufig der Fall sei. Ich bin da persönlich sehr selbstkritisch und muss zugeben, dass ich oft zu diesen verzweifelten Typen gehöre, die nicht umhinkommen zu denken, es gäbe diese eine Lösung für all ihre zwischenmenschlichen Probleme.

Das Cover zur neuen Platte zeigt das Monopoly-Häuschen. Wie kam es dazu?
Wir haben zusätzlich zum Häuschen auch die Spielsteine vom Brettspiel „The Game Of Life“ benutzt. Ich bin damit zu unseren Grafikdesignern bei Saddle Creek gegangen und hab denen gesagt, dass ich diese Idee mit einem kleinen, stillen Häuschen gut finde. Ich finde, es ist in guter Hinsicht ein etwas verwirrendes Album-Cover geworden. Einerseits dieses schöne kleine bunte Haus, das sehr einladend und begehrenswert wirkt, aber gleichzeitig ist es auch irgendwie düster und verlassen, still und mitten in diesem blauen Nichts gestrandet.

Wie eine Metapher für ein Leben in einer kleinen Schachtel, die einerseits zu eng, andererseits gemütlich ist?
Ja, genau so könnte man sagen.

Das Interview wurde geführt von Friederike Herr. Die Rezension zu Tim Kashers „The Game Of Monogamy“, unserem Album der Woche, findet Ihr hier.

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