Y’akoto – über tote Katzen, Papierschiffchen und die Suche nach der Seele im Soul

Foto von Y’akotoY’akoto (Foto: Bob Pixel)

Ein Konzertsaal in Hannover, gefüllt mit rund 800 Besuchern. Viele sitzen an der Bar, trinken etwas, unterhalten sich. Vier Musiker betreten die Bühne, ein Intro ertönt, begleitet von einem Monolog auf Französisch. Erst als eine zierliche Frau erscheint, verstummen die Gespräche augenblicklich. Sie ist bekleidet mit einem bunten, schwingenden Rock, einem lockeren Shirt und High Heels. Kaum beginnt sie zu singen, füllt ihre kraftvolle Stimme den ganzen Saal mit einer Energie, die augenblicklich zum Publikum durchdringt.

Der Unterschied zwischen der Bühnenpersönlichkeit Y’akoto und der privaten Jennifer Yaa Akoto Kieck könnte wohl größer nicht sein. Beim Interview erscheint ein entspanntes Mädel. In Kuschelpulli, Turnschuhen, mit Smartphone und einer großen Tasche bepackt, lässt kaum erahnen, dass sich dieselbe Frau auf der Bühne in eine Grande Dame des Souls verwandeln wird. Aber genau diese Gegensätze sind es, die die Persönlichkeit von Y’akoto ausmachen.

Geboren wurde die Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers in Hamburg, ihre Jugend verbrachte sie jedoch größtenteils in Afrika. Heute pendelt sie regelmäßig zwischen der Hansestadt, Paris und Lomé, der Hauptstadt von Togo. Eine Weltenbummlerin, deren multikulturelle Einflüsse sich selbstverständlich auch in ihrer Musik wiederfinden. 2012 erschien das Debütalbum „Babyblues“, im Sommer 2014 legte die 26-Jährige mit ihrer zweiten Platte „Moody Blues“ nach. Eine musikalisch reduzierte, emotionale und stimmgewaltige Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation unserer Gesellschaft. Es geht um Flüchtlingselend, Selbstmordgedanken, Bindungsangst und vaterlose Kinder – Tabuthemen, die von Vielen üblicherweise gemieden werden. Aber Y’akoto versucht, sich stets tiefer und intensiver mit den Geschichten auseinanderzusetzen: „Man muss kein besonderer Mensch sein, um Themen für Songs zu finden. Es kommt einfach darauf an, dass man aufmerksam für die Geschehnisse in der Welt ist. Ich war in dieser Beziehung schon immer so. Als Kind habe ich meine Mutter gelöchert, warum ist dies so, warum funktioniert das so. Ich war immer neugierig, habe zum Beispiel auch mal die tote Katze umgedreht, um zu schauen, warum sie gestorben ist.“

Bereits kurz nach Erscheinen ihrer ersten EP „Tamba“ 2011 gilt Y’akoto als der große Soul-Nachwuchs in Deutschland. Und das, obwohl sie selbst ihre Musik nicht unbedingt in diesem Genre ansiedeln würde: „An dem Begriff Soul stört mich, dass damit immer ein bestimmtes Klischee gemeint ist. Ein Schwarzer steht auf der Bühne, spielt Gospelsongs und singt sich dabei die Seele aus dem Leib – damit konnte ich mich nie richtig identifizieren.“ Kurzum schafft sie sich ihre eigene Stilrichtung, nennt sie Soul Seeking Music und vereint leichtfüßig Einflüsse und Rhythmen aus afrikanischen Stilen mit verschiedenen Spielarten von Soul, HipHop oder Folk Music. „Seeking“ deshalb, weil sie selbst noch auf der Suche nach ihrem Sound, ihrer Idee von Musik und sich selbst sei und sich dabei nicht auf eine Kategorie reduzieren möchte.

Überhaupt will sie sich in keiner Lebenssituation einengen lassen. Und versucht deshalb dieses Credo auch in ihrer Musik umzusetzen: „Mich berührt es einfach, wenn mir jemand in der Musik nichts aufzwingen will, sondern eine Szene oder eine Atmosphäre kreiert, in die ich abtauchen kann.“ So wolle sie keine Botschaften vermitteln, sondern vielmehr mit Fragen und Geschichten zum Nachdenken anregen. „Außerdem bin ja noch jung und habe oft selbst keine Ahnung von vielen Dingen“, gibt die Sängerin lachend zu.

Immer wieder wechselt sie im Gespräch ins Englische, als kämen ihr verschiedene Phrasen und Gedanken einfach spontan in denn Sinn. Eine Angewohnheit, die Y’akoto sich nicht nehmen lassen will: „Ich habe keine Lust mehr, mich so mit diesen Sprachreglementierungen abzukaspern. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich mich zuerst sehr unter Druck gesetzt gefühlt, aber jetzt lasse ich es einfach zu. Manchmal fallen mir Wörter halt in der einen oder anderen Sprache zuerst ein und dann rede ich auch einfach so.“ Y’akoto liebt diese Gegensätzlichkeit: Das ist die Realität, in der sie sich bewegt, und die einzige, in der sie sich wohlfühlt.

Ihre Aussagen unterstreicht die Sängerin immer wieder mit großen Gesten, es scheint, als könne sie nicht recht stillsitzen und es kaum erwarten, wieder auf die Bühne zu treten. Nach der Schule machte sie zuerst eine pädagogische Tanzausbildung, die Musik war danach nur ein Testlauf: „Ich habe mir eine Frist von einem Jahr gesetzt, um zu schauen, ob das funktioniert.“ Überrascht sei sie gewesen, als die Leute ihre Musik plötzlich gut fanden. Wenn heute die Menschen auf ihren Konzerten die Texte mitsingen, sei das ein toller Lohn für ihre Arbeit. Und wohl auch genau der Grund, warum Y’akoto überhaupt Musik macht: „Meine Musik ist wie ein Blatt Papier: Der Eine kann es zusammenknüllen, der Andere kann daraus ein Schiffchen bauen und wieder ein Anderer kann es vollkritzeln. Mir ist eigentlich nur wichtig, dass das Papier von möglichst vielen Leuten in die Hand genommen wird.“

In die Hand genommen wurde das Papier an ebenjenem Konzertabend von vielen Zuhörern. Nach beinahe zwei Stunden Konzert verlässt Y’akoto unter großem Applaus die Bühne. Und die meisten werden sich bestimmt noch lange erinnern – an große Geschichten, reduzierte Klänge und eine umwerfende Soul-Seeking-Diva.

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