Kinderzimmer Productions – „Todesverachtung To Go“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Todesverachtung To Go“ von Kinderzimmer Productions

Kinderzimmer Productions – „Todesverachtung To Go“ (Grönland Records)

Ein Vibrafon klöppelt sich in Stimmung, ein Klavier tänzelt umher, dazu stolziert ein Schlagzeug durch die Lautsprecher, als wäre es auf dem Weg in den Ring. Es ist ein vertrauter Weg, eine Rückkehr. Bei der es sich gebührt, erst einmal dem Herz und Motor des Raps Tribut zu zollen: der Trommel. So zu hören auf „Baeng“, dem Opener von „Todesverachtung To Go“, dem Comeback-Album von Kinderzimmer Productions.

„Warum wir zu Beats nicken / gehört zu diesen Fragen unserer Art / uneingeschränkt Ja zu jedem Schlag zu sagen“, ist die erste Zeile des Albums. Symptomatisch für die innewohnende Vehemenz und Selbstverständlichkeit, mit der Henrik von Holtum alias Textor und Sascha Klammt alias Quasi Modo Rap-Musik fabrizieren. Gegründet 1994 in Ulm, einer Stadt, bei der man eher an Fachwerkhäuser und den riesigen Kirchturm denkt als an Deutschrap-Pionierarbeit.

Im Gegensatz zu Fettes Brot, Feature-Gäste auf dem lässigen „Es kommt in Wellen“, blieb Kinderzimmer Productions der anhaltende kommerzielle Erfolg jedoch verwehrt. Nach der Platte „Asphalt“, allgemeiner Unzufriedenheit mit der deutschsprachigen Rapszene und dem Umzug von Holtums nach Berlin legte das Duo sein Projekt 2007 auf Eis.

Proseminar-Battlerap am Sample-Lagerfeuer

Knapp zwölf Jahre später waren ihnen Sample- und Drum-Maschinen doch zu schade, um sie im ewigen Staub ersticken zu lassen. Klammt schnallte sich wieder hinter die Decks, von Holtum begann zu assoziieren wie in den besten Proseminar-Battlerap-Cypher-Zeiten. Und das frei von musealer Nabelschau.

In „Watch Me“ wird über Gentrifizierung und Hipster gelästert, die auch vor Ulm nicht haltmachen. Mit „Es gibt keine Alltäglichkeiten / alles ist ein Wunder“ nagelt von Holtum die Sensationsgesellschaft fest und spuckt ihr mit „Big Data und Kaffeeklatsch / Klassenkampf und Rassenhass“ das Spannungsfeld, in dem sich der ganze Wahnsinn abspielt, direkt hinterher.

Kinderzimmer Productions sind nach wie vor auf der Suche nach dem nächsten stilvollen Jazz-Sample, dem besseren Wortspiel und der unwiderstehlichsten Bassline – mit zeitgemäß nachgefettetem Low-end. Letztendlich zeigt „Todesverachtung To Go“ eines: Solange das Sample-Lagerfeuer knistert und der Drum-Groove rollt, lohnt es sich, den Geschichten und Wortspielen von Kinderzimmer Productions ein Ohr zu leihen.

Veröffentlichung: 17. Januar 2020
Label: Grönland Records

Bild mit Text: Förderveein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Aaron Abels
    Jan 20, 2020 Reply

    Musik und vielleicht Rap im besonderen spiegelt ja immer auch ein Lebensgefühl wieder. Hier fühlt man sich an ein Wiedersehen mit einen halbgebildeten Langzeitstudenten aus gutem Hause erinnert, der im café immer noch viel zu oft und gerne von der Kulturindustrie spricht und das leider immer etwas lauter als nötig.
    Der Hörer wird diese Scham leider im Laufe des Albums selten los, dessen Texte sich irgendwo im uncanny valley zwischen Anspruch und Belanglosigkeit bewegen. Was durchaus schade ist, denn musikalisch bietet das Album zwar nichts neues, ist aber solide produziert.

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